Zweite Karriere:Reime für Burattino

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Zweite Karriere: Vom Bürgermeister zum Übersetzer: Benno Lichtenegger überträgt Bilderbücher aus dem Russischen ins Deutsche.

Vom Bürgermeister zum Übersetzer: Benno Lichtenegger überträgt Bilderbücher aus dem Russischen ins Deutsche.

(Foto: Manfred Neubauer)

Der ehemalige Dietramszeller Bürgermeister Benno Lichtenegger hat die Ukraine bereist, Russisch gelernt und sowjetische Kinderbücher ins Deutsche übersetzt. Seit dem Krieg heißt es für ihn: Warten.

Von Veronika Ellecosta

"Das war beinahe zu viel der Ehre", erinnert sich Benno Lichtenegger daran, als der Leipziger Kinderbuchverlag leiv auf ihn zukam mit der Bitte, das Kinderbuch "Burattino auf Schatzsuche" aus dem Russischen zu übersetzen. Damals war zwar bereits "Doktor Aibolit und seine Tiere" in Lichteneggers Übersetzung erschienen, aber Burattino war eine andere Nummer.

Denn das Bilderbuch stammt ursprünglich aus der UdSSR und war dort damals jedem Kind bekannt. Die kleine Holzpuppe Burattino mit der langen Nase erlebt darin gemeinsam mit der Vaterfigur Carlo immer wieder neue Abenteuer. Die Ähnlichkeiten zu Pinocchio sind offensichtlich, und tatsächlich reichen die literarischen Spuren zurück zu Carlo Collodis Kinderbuchklassiker. Alexej Tolstoi soll Pinocchio einst als junger Bub gelesen, wieder verloren, und 1936 neu aufgeschrieben haben. Bis aus Pinocchio Burattino wurde und dieser auf dem Schreibtisch von Lichtenegger zum Übersetzen landete, machte er allerdings einen Umweg: Leonid Wladimirski, ein in der Sowjetunion berühmter Grafiker, illustrierte Tolstoijs "Abenteuer des Burattino oder Das goldene Schlüsselchen" - und zeichnete und schrieb im Anschluss selbst die Abenteuer der Holzfigur weiter. Aus seiner Feder stammt auch "Burattino auf Schatzsuche", das Buch, das Benno Lichtenegger ins Deutsche übersetzte.

Lang war nicht nur der Weg von Pinocchio zum sowjetischen Kinderbuchhelden nach Dietramszell, sondern auch Benno Lichteneggers Weg vom Dietramszeller Bürgermeister zum Kinderbuchübersetzer: Kurz bevor er 2002 nach zwölf Jahren sein Bürgermeisteramt niederlegte, reiste Lichtenegger in die Ukraine. Es ging damals um Kompensationszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiterinnen, die auch im Landkreis arbeiten mussten - zwei von ihnen in seiner Kommune, erinnert er sich.

Als Lichtenegger die Frauen nach der Wende in Odessa besucht, hilft beim ersten Mal eine Dolmetscherin. Weil Russisch die meistgesprochene Sprache in der Stadt am Schwarzen Meer ist, besucht Lichtenegger einen Kurs, erst einmal nur, um die kyrillische Schrift lesen zu können. Das Lernen aber macht ihm Spaß, er besucht weitere Russischkurse an der Volkshochschule und im Bayerischen Haus in Odessa, einem Kultur- und Begegnungszentrum. Mittlerweile lernt er die Sprache seit 18 Jahren. "Dass ich so lange dabei bleibe, hätte ich nicht gedacht", sagt er.

Mit dem Erlernen der Sprache erwacht auch Lichteneggers Ambition zu übersetzen. Den Doktor Aibolit entdeckt er bei Kindern von georgischen Freunden, ganz zerfleddert sei das Kinderbuch damals gewesen, erinnert er sich. Lichtenegger macht sich daran, die Geschichte über den sowjetischen Doktor Doolittle in Reimform ins Deutsche zu übertragen und kann schließlich den Leipziger Verlag leiv von seiner Übersetzung überzeugen. Mit Burattino kommt der Verlag dann von sich aus auf Lichtenegger zu: vermutlich, weil es auch darin viele Reime gibt. Das Dichten fällt dem einstigen Bürgermeister seit jeher leicht: "Vielleicht, weil ich in Dietramszell oft der Hochzeitslader war und mich in Reimform bei den Gästen bedankt hab", überlegt er mit einem kleinen Schmunzeln.

Wer Kinderbücher vom Russischen ins Deutsche übersetzt, wird aber vor neue Schwierigkeiten gesetzt, erzählt er: Viele Wortneuschöpfungen und Komposita für Kindergeschichten finden sich in keinem Wörterbuch. "Blutegelverkäufer" etwa, oder russische Eigennamen. In solchen Fällen springen dann die Freunde aus Georgien beratend ein.

Mittlerweile steht Lichtenegger nicht nur der russischen Sprache nahe, sondern auch der georgischen und der ukrainischen Kultur. Er besucht regelmäßig Freunde in diesen Ländern, organisiert Reisen und liebt besonders die Hafenstadt Odessa mit ihrem internationalen Charme. Dort ist er auch über das Bayerische Haus bestens vernetzt. Nicht alle seine Freunde dort haben die Stadt nach Beginn des russischen Angriffskrieges verlassen. Da bleibt nur das Telefon, um die Verbindung aufrechtzuhalten. Und die Hoffnung, dass der Krieg endet. Wenn sich dann die Gelegenheit böte, würde Benno Lichtenegger auch wieder ein Bilderbuch aus dem Russischen übersetzen.

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