Wallfahrt Wechselnde Pfade

Die Deiningerin Martina Lang ist eine passionierte Pilgerin. Auf dem Jakobsweg suchte sie nach der Völkerverständigung.

Von Claudia Koestler

Er ist einer der bekanntesten Pilgerwege der Welt: Seit über 1000 Jahren machen sich Wallfahrer und Wanderer über den Jakobsweg auf zum Grab des Apostels in der spanischen Stadt Santiago de Compostela. Auf vielen Routen führt der Jakobsweg zum Ziel. Und einzigartig sind die Geschichten, warum sich Menschen auf den Weg machen: Manche wollen die Geschwindigkeit des Lebens drosseln, andere eine Zeit lang Abstand gewinnen von den Dingen, die den Kopf im Alltag voll machen. Wieder andere wollen einfach mal dem Luxus entfliehen.

Oder aber - wie im Fall der Deiningerin Martina Lang - sich auf die Suche begeben nach dem Völkerverbindenden, dem Mensch-Sein abseits von Herkünften und Ländergrenzen. Das hat die passionierte und erfahrene Pilgerin in diesem Jahr dazu bewegt, einen anderen Pfad einzuschlagen als viele andere: sie wanderte nicht von zu Hause aus gen Westen, sondern reiste zunächst nach Osten, um erst auf dem Niederschlesischen Jakobsweg zu pilgern, eine Wanderung nach Prag anzuschließen und dann noch den Großpolnischen Jakobsweg zu gehen. Über 600 Kilometer hat sie dafür insgesamt zurückgelegt, pro Abschnitt zwischen 200 und 230 Kilometer und pro Tag etwa 20 Kilometer. "Früher bin ich auch mal 37 Kilometer am Tag gegangen, das muss heute nicht mehr sein", sagt sie.

Au in der Hallertau "Die Gedanken werden ganz frei"
Von Au auf den Jakobsweg

"Die Gedanken werden ganz frei"

Das Pilgern hat für Helene Reidl, Petra Haug und Isabella Fischer aus Au etwas Magisches.   Von Katharina Aurich

2002 hatte Lang das Pilgern für sich entdeckt. "Ich habe damals vom Jakobsweg gehört, und der ging mir nicht aus dem Kopf, bis ich eines Tages dachte, jetzt gehst du los", erzählt die Deiningerin. Probleme hatten ihr die Wegstrecken selbst beim ersten Mal nicht bereitet: "Ich bin immer schon gerne gelaufen und war gerne auf Bergwanderungen unterwegs", sagt die 79-Jährige.

Bis heute bereitet sie sich auf ihre Touren zwar akribisch vor mit Informationen, nicht aber mit körperlichen Übungen: "Man muss nur schauen, dass man gut zu Fuß bleibt und immer aktiv ist. Mein Garten ist mein Fitness-Center", lacht Lang. Seit ihrer ersten Pilgerwanderung 2002 macht die gebürtige Unterfränkin, die seit fast 50 Jahren im Eglinger Ortsteil Deining zu Hause ist, jedes Jahr eine Tour auf Schusters Rappen: Sie ging bereits mehrmals nach Santiago de Compostela, mal über den Mozarabischen Weg aus Südspanien, mal auf der "Vía de la Plata" von Sevilla aus oder auf dem "Camino de Levante" von Valencia, genauso aber auch schon von Deining bis nach Rom.

2014 absolvierte sie zudem eine 700 Kilometer lange Route auf dem norwegischen "Olafsweg" von der Hauptstadt Oslo ins nördlich gelegene Trondheim, genauer gesagt zum gotischen Nidaros-Dom. Hier sollen sich die sterblichen Überreste des heiliggesprochenen Königs Olav II. Haraldsson befinden, der im 11. Jahrhundert die bis dahin heidnischen Nordmannen christianisierte.

Obwohl Lang gläubige Christin ist, steht für sie das religiöse Erlebnis nicht im Vordergrund: "Ich gehe den Weg aus Dankbarkeit und Freude, nicht als Bitte oder als Buße für etwas", betont sie. Inzwischen sei ihr das Pilgern ein regelrechtes "Verlangen" geworden: "Jedes Jahr zieht es mich einfach fort." Inzwischen zwar nicht mehr ganz so lange - dafür aber heuer gleich zwei Mal, denn ihre Tour gliederte sie in zwei Abschnitte à zweieinhalb Wochen. Faszinierend an diesem Erlebnis namens Pilgern sei, "mit wie wenig man auskommt, dass man auf sich selbst gestellt ist, dass man keine Angst haben braucht. Ich bin da immer frohen Mutes, ich werde beschützt", sagt Lang. Auch deshalb sei ihre diesjährige Pilgertour etwas ganz Besonderes geworden. Denn es seien die Begegnungen mit Menschen, die das Pilgern ausmachten, die Brücken bildeten und Menschen näher zusammenbringen, sagt sie.

Mit einem acht Kilogramm schweren Rucksack ging es für Lang los. Das Gewicht hatte sich bereits in früheren Touren für sie bewährt: "Ich will nichts mittragen, was ich nicht brauche, ich muss schließlich jedes Gramm selber schleppen." Dafür nahm sie sogar Wanderführer auseinander, um nur einzelne Seiten von Belang dabei zu haben.

Im Zug ging es zunächst nach Berlin und von dort aus nach Glogów in Polen, um die Wanderung gen Westen zu beginnen. "Ich habe mich einfach gefragt, warum immer von hier aus nach Westen, hinter dem ehemaligen eisernen Vorhang gibt es schließlich auch Pilgerwege", erklärt sie. Lang hätte zwar theoretisch auch einfach nach Osten pilgern können, den Jakobsweg quasi rückwärts laufen. "Aber das funktioniert nicht gut, denn die Wegweiser und Muscheln, die den Jakobsweg kennzeichnen, sind eher in Richtung Santiago de Compostela erkennbar. Läuft man gen Osten, müsste man sich dauernd umdrehen, um zu erkennen, ob man noch auf dem richtigen Pfad ist", erklärt sie.

Pilgerin Martina Lang in Montur.

(Foto: Claudia Koestler)

Doch auch so war die Tour ein Abenteuer. Zum einen, weil wenig Informationen über den Niederschlesischen und Großpolnischen Jakobsweg bekannt sind. Auch das Internet sei wenig hilfreich. "Karten haben gar nichts genützt, denn die Wege sind teilweise verlagert, weil Straßen ausgebaut wurden", weiß Lang. Und dann gab es noch die Sprachbarriere. "Es ist dort alles anders, aber es funktioniert", fasst sie zusammen. Es habe sich aber stets jemand gefunden, der ihr geholfen habe, wenn es nötig war - sei es mit dem Hinweis auf den richtigen Weg oder zu einer Unterkunft.

Gleich schon in der ersten Nacht habe sie Glück gehabt, der örtliche Pfarrer lud sie ein, im Pfarrhaus zu nächtigen. Er rief zudem einen jungen Mann dazu, der Deutsch sprach, so dass sich alle abends unterhalten konnten. Dort erhielt sie auch den Tipp, die Unterkünfte des folgenden Tages stets telefonisch vorzubestellen. Er nahm sie sogar noch ein Stück mit dem Auto mit, um sie direkt an den örtlichen Jakobsweg zu bringen. Im weiteren Verlauf hatte sie mit den in ihrem Pilgerführer angegebenen Übernachtungsmöglichkeiten weniger Glück. "Das waren oft Pfarrhäuser, und die haben Öffnungszeiten. Somit stand ich immer wieder vor verschlossenen Türen." Als Alternative ließ sie sich Hotels und Pensionen von Einheimischen empfehlen und teils organisieren - durch einen Anruf am Abend vorher. "Da kannten die mich ja schon und konnten der Folgeunterkunft genau sagen, um was es geht." Sogar ein Kloster war darunter. "Die Nonne sah mich an, sagte 'Gelobt sei Jesus Christus', ich ergänzte 'in Ewigkeit, Amen', und die Übernachtung war geritzt.

In einem "Agrohotel", wie es Lang nennt, wollte sie zahlen, doch die Besitzer winkten ab. "Sogar ein Lunchpaket haben sie mir noch geschenkt", erzählt sie. "Ich hatte also immer sichtbare Schutzengel. Wenn ich etwas brauchte, war immer jemand da", sagt sie.

Es habe zahlreiche Begegnungen gegeben, bei denen Polen darauf bestanden, sie ein Stück mit dem Auto zu fahren oder zu Hause zu verköstigen. Eines Tages etwa, als sie eine Ebene durchquerte, sei ihr ein Fahrradfahrer entgegen gekommen, der sie ansprach. Nach einem kurzen Hinweis, dass sie kein Polnisch spreche, fragte er sie in ihrer Sprache, wo ihre Freunde seien. Ihre Antwort, sie sei alleine unterwegs, habe ihn regelrecht schockiert: "Ganz allein?" habe er sich entsetzt. Daraufhin habe er seine Fahrt fortgesetzt, nur um kurze Zeit später mit dem Auto anzukommen. Sie solle einsteigen. Seine Frau habe gesagt, "man muss helfen." Für Lang war dieser hilfsbereite Mann "ein Erzengel".

Lang nennt sich selbst eine überzeugte Europäerin. Und ihre jüngste Pilgertour habe das erneut unterstrichen. Und so zieht sie auch ein besonderes Fazit unter ihre Reise, die auch wie ein Motto über ihrem Antrieb stehen könnte: "Wenn das Herz spricht, versteht man sich immer."