Von Au auf den Jakobsweg "Die Gedanken werden ganz frei"

Archivbild: Der Ort Au war gewissermaßen der Ausgangspunkt der Pilgerreise: Dort trafen sich die drei Frauen zufällig in der Bibliothek und beschlossen, den Jakobsweg gemeinsam zu gehen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Das Pilgern hat für Helene Reidl, Petra Haug und Isabella Fischer aus Au etwas Magisches.

Von Katharina Aurich, Au

Zwei Wochen lang waren Helene Reidl (69), Petra Haug (44) und Isabella Fischer (48) aus Au im vergangenen Jahr auf dem Jakobsweg in Portugal unterwegs. Die drei kannten sich vorher nicht, zufällig trafen sie sich in der Auer Bibliothek und schnell war besprochen, dass sie dieses Abenteuer, von dem Petra Haug schon lange träumte, gemeinsam unternehmen wollen. Denn wer den Jakobsweg gehen will, sollte offen für andere Menschen sein, darin waren sich die drei von Anfang an einig.

Die zwei Wochen haben die drei Frauen geprägt und kaum sitzen sie zusammen an einem Tisch, erinnern sie sich begeistert an diesen besonderen, 250 Kilometer langen Weg, auf dem sie bei 35 Grad Mittagshitze täglich 25 Kilometer zu Fuß zurücklegten. Zu ihrem Glück führte der relativ neue Abschnitt des Jakobswegs meist entlang der Atlantikküste, wo eine kühle Brise die Hitze erträglich machte. Alle drei sind "süchtig" geworden, wie sie erzählen, und möchten auf jeden Fall noch einmal ein Stück des Weges, auf dem die Wanderer von den Einheimischen mit "Bon Camino" begrüßt werden, zurücklegen. Aber was unterscheidet eine Etappe auf dem Jakobsweg von einer Wanderung beispielsweise in den Alpen?

Geschafft: Helene Reidl (von links), Isabella Fischer und Petra Haug strahlen bei ihrer Ankunft in Santiago de Compostela.

(Foto: Privat)

Weg vom gewohnten Alltag

"Ich kam beim gleichförmigen Gehen zu mir selbst, es ist meditativ und man braucht sich um nichts Gedanken zu machen, die Gedanken werden ganz frei", schildert Petra Haug ihre Erfahrung. Dieser Weg stehe unter einem guten Stern, man habe keine Angst zum Beispiel vor einem Überfall, die Einheimischen hätten sie immer angelächelt, man komme mit jedem ins Gespräch, wenn man wolle, und jeder helfe einem. Es sei eine besondere Magie, die vom Jakobsweg ausgehe.

In ihrem Alltag und Beruf haben die Industriekauffrau, die Speditionskauffrau und die Rentnerin gar nichts mit Magie zu tun. Sie wollten weg vom Gewohnten, in Bewegung und in der Natur sein, unvoreingenommen anderen Menschen und sich selbst begegnen, wie sie schildern. Man brauche fünf Tage, um in den "Pilgerflow" zu kommen, deshalb werden sie sich das nächste Mal mehr Zeit nehmen.

Jakobsweg

Als "Jakobsweg" werden mehrere Pilgerrouten in Europa bezeichnet, die alle zum vermutlichen Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela in Spanien führen. Die Wege bildeten sich als die von Pilgern bevorzugten Strecken im Laufe von Jahrhunderten heraus und sind unterschiedlich anspruchsvoll. Am bekanntesten ist der sogenannte Camino Frances (800 Kilometer), der Hauptweg durch Nordspanien, den die meisten gehen. Als Alternative gibt es den Camino del Norte (850 Kilometer), den Camino primitivo (300), den Camino Portugues (250), den die drei Frauen aus Au wählten, sowie die Via de la Plata (1000 Kilometer) von Sevilla quer durch Spanien. ka

Die Vorbereitungen für ihre besondere Wanderung waren schnell getroffen, zumal Helene Reidl bereits drei Monate in Portugal verbracht hatte und das Land kannte. In die Rucksäcke kam nur das Nötigste, acht bis zehn Kilo waren sie schwer.

Pilgerherbergen meiden die drei Frauen

Auch dieses Gewicht spüre man in den ersten Tagen, aber nach einer Weile gewöhne man sich daran. Ihre Übernachtungsplätze hatten die drei Frauen schon vorher gebucht - keine Pilgerherbergen, sondern Privatquartiere. "Wir wollten ein wenig Privatheit haben und nicht in einem Schlafsaal mit vielen anderen übernachten", berichten sie. Die Infrastruktur entlang des Weges sei sehr gut gewesen, überall habe man Wasser und Lebensmittel bekommen.

In den ersten Tagen hätten sie noch die Kilometer gezählt, aber dann wollten sie abends oft am liebsten gar nicht, dass die Etappe zu Ende gehe. Ihr Tempo haben sie individuell gestaltet, "wir sind manchmal auch getrennt gegangen und wenn eine nicht mehr konnte, nahm sie sich für das letzte Stück des Weges ein Taxi", erinnert sich Helene Reidl. "Uns ging es nicht um die Leistung oder die Pilgerurkunde, sondern um die Erfahrung, auf diesem Weg zu gehen - jede auf ihre Art". Abends trafen sie sich dann wieder im nächsten Quartier und ließen den Tag in einem der vielen kleinen Cafés und Bars in den Ortschaften, an denen sie vorbei kamen, ausklingen. Schließlich erreichten die drei Frauen aus Au das Ziel der verschiedenen Jakobswege aus Frankreich, Spanien und Portugal: Santiago de Compostela. Alle schmerzenden Füße und Blasen waren vergessen, als die drei Pilgerinnen auf dem großen Platz vor der Kathedrale mit anderen Gleichgesinnten eintrafen.