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Corona-Krise in Bad Tölz-Wolfratshausen:Drive-In-Tests nur für Verdachtsfälle

Einfahrt nur auf Verordnung des Gesundheitsamts: Drive-In für Corona-Tests.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Das Gesundheitsamt richtet in Bad Tölz eine Station zur Untersuchung auf Corona ein, deren Nutzung streng reglementiert ist

Die bayernweit verhängten drastischen Ausgangsbeschränkungen haben am Wochenende das öffentliche Leben auch im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen weitgehend lahmgelegt. Sie sollen die Verbreitung des Coronavirus verlangsamen, um die Krankenhäuser für die Versorgung von Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf handlungsfähig zu halten. Um sicherzustellen, dass ausschließlich begründete Verdachtsfälle zügig abgestrichen und getestet werden können, hat das Gesundheitsamt des Landkreises eine Drive-In-Station für Corona-Tests errichtet. Sie befindet sich auf dem Parkplatz der WeeArena auf der Flinthöhe in Bad Tölz.

Begründete Verdachtsfälle sind laut Information des Landratsamts Personen, die Symptome zeigen und unmittelbaren Kontakt zu einer infizierten Person hatten oder sich in einem Risikogebiet aufgehalten haben. Wer Kontakt zu einer infizierten Person hatte, aber keine Symptome zeigt, wird nach den aktuellen Vorgaben nicht auf das Virus getestet, soll sich aber 14 Tage in häusliche Isolation begeben. Nach Angaben des Gesundheitsamts ist die Zahl der Coronafälle im Landkreis bis Sonntagnachmittag auf 55 gestiegen. Alle Personen sind stabil, eine wird stationär behandelt, alle anderen befinden sich in häuslicher Isolation. Aus der Isolation entlassen wurden drei Personen, sie sind genesen.

Nach einem Probebetrieb am Donnerstag ist die Tölzer Drive-In-Station seit Freitag mit drei Fahrspuren in Betrieb. Am ersten Tag hat es dort 24 Verdachtsfälle gegeben, die in 15 Autos getestet wurden. Wann die Ergebnisse vorliegen, ist nicht bekannt. "Mit diesen Maßnahmen wollen wir erreichen, dass begründete Verdachtsfälle schnell und unkompliziert getestet werden. Wir müssen alles dafür tun, um infizierte erkrankte Personen schnellstmöglich zu identifizieren", sagt Landrat Josef Niedermaier (FW).

"Unsicherheit ist schwer zu ertragen"

"Der Schutz der Risikogruppen ist das Allerwichtigste", betont der Landrat und appelliert an alle Bürger, nur dann die Ärzte und die Hotlines zu belasten, wenn sie Symptome zeigen. Auch wenn es schwer falle: Niemand solle mehr Ärzte und Behörden kontaktieren, um zur Sicherheit etwas abklären zu lassen, weil man etwa in Kontakt mit einer Kontaktperson eines Infizierten war. "Unsicherheit ist schwer zu ertragen, das ist mir absolut bewusst", sagt Niedermaier. "Aber noch schwerer wird es, wenn unser Gesundheitssystem die Last nicht mehr stemmen kann. Das zu vermeiden, ist neben dem Schutz der Risikogruppen unsere zweite vorrangige Aufgabe."

An der Drive-In-Station sind nur Bürger zugelassen, die vom Gesundheitsamt einen Termin zum Test erhalten haben. Personen ohne Termin können dort keinen Abstrich nehmen lassen und werden unverzüglich zurückgeschickt. Wenn der Hausarzt einen Verdachtsfall an das Gesundheitsamt gemeldet hat, setzt sich die Behörde mit der betroffenen Person in Verbindung und benennt den Zeitpunkt, an dem man am Zelt an der Drive-In-Station erscheinen soll, um sich untersuchen zu lassen. Die Fahrt zur Station, die mit niedergelassenen Ärzten besetzt ist, darf auch in Zeiten der Ausgangssperre wahrgenommen werden, erklärt das Landratsamt. Bürger erhalten dafür vom Gesundheitsamt die entsprechende Information.

Ob ein begründeter Verdachtsfall vorliegt, stellt nach den geltenden Kriterien nur der Hausarzt oder die kassenärztliche Vereinigung fest, nicht das Gesundheitsamt, erklärt Landratsamtssprecherin Marlis Peischer. Es werde geklärt, ob jemand Symptome habe und in einem Risikogebiet oder mindestens 15 Minuten und mit weniger als einem Meter Abstand in Kontakt mit einer nachweislich infizierten Person gewesen sei. Nur wenn eine der beiden Varianten zutreffe, werde ein Abstrich vorgenommen. Laut Peischer ging es an der Drive-in-Station am Wochenende "sehr geordnet" zu.

Wie das Landratsamt am Freitagabend meldete, ist auch in der Tölzer Buchberg-Klinik ein Mitglied der Belegschaft positiv auf Corona getestet worden. Kontaktpersonen seien ermittelt, isoliert und nach Risikoeinschätzung getestet worden. Die anderen Patienten der Reha-Klinik sind laut Landratsamt entlassen oder in andere Einrichtungen verlegt worden.

Auch ein Belegschaftsmitglied der Asklepios Stadtklinik Bad Tölz sei positiv getestet worden. Die Person sei vor einer Woche zuletzt im Dienst gewesen, habe kurz darauf über starke Erkältungssymptome geklagt, sich in häusliche Quarantäne begeben und einen ambulanten Test machen lassen. Gemäß der Empfehlungen habe die Stadtklinik die Kontaktpersonen ermittelt und kontaktiert. Betroffene Mitarbeiter seien ebenfalls in Quarantäne geschickt worden. Bislang zeige aber keiner von ihnen Symptome. Der Krankenhausbetrieb läuft laut Geschäftsführer Felix Rauschek ohne Einschränkungen weiter. Der Vorstandsvorsitzende der Asklepios-Kliniken kritisiert jedoch scharf den am Samstag bekanntgewordenen Gesetzesentwurf zum Ausgleich der finanziellen Belastungen für die Krankenhäuser. "Es ist komplett unverständlich, dass der Bundesgesundheitsminister in der historischen Krise nicht alles daransetzt, das Gesundheitssystem in Deutschland sturmfest zu machen", erklärt Kai Hankeln. "Die Krankenhäuser brauchen dringend umfassende finanzielle Unterstützung und Sicherheit, um so viele Menschenleben wie möglich während der bevorstehenden Hochphase der Corona-Pandemie retten zu können. Stattdessen knickt Herr Spahn gegenüber dem Bürokratiewahn der Krankenkassen ein." Mit dem Gesetzesentwurf seien Kurzarbeit, Massenentlassungen und Insolvenzen in vielen Kliniken "unabwendbar".

Asylsuchende in Quarantäne

In der Asylbewerberunterkunft Geretsried wurde bereits am Donnerstag ein Fall gemeldet. Ein Asylbewerber wurde positiv getestet und in Quarantäne außerhalb der Unterkunft gebracht. Vorsorglich wurden alle anderen 165 Flüchtlinge der Unterkunft ebenfalls getestet. Sie befinden sich laut Peischer in häuslicher Isolation, bis die Ergebnisse vorliegen, und werden von der Regierung von Oberbayern versorgt. Wie Peischer am Sonntag erklärte, gebe es bei den ehrenamtliche Mitarbeitern keine positiven Testergebnisse.

Das Polizeipräsidium Oberbayern Süd ist mit dem Verhalten der Bevölkerung seit der Ausgangssperre zufrieden. Laut Mitteilung wurden zwischen Samstagnacht und Sonntagvormittag mehr als 3200 Kontrollen im Zuständigkeitsbereich des Präsidiums durchgeführt. Bei den 35 festgestellten Verstößen wurde in 28 Fällen Anzeigen (davon 25 Mal wegen Missachtung der Ausgangsbeschränkung) erstattet. "Die Bürgerinnen und Bürger im südlichen Oberbayern zeigen Verantwortung, indem sie die Beschränkungen zur Eindämmung des Infektionsrisikos nahezu durchweg beachten", erklärt die Polizei. Sie bittet jedoch, die Notrufnummer 110 ausschließlich für Notfälle zu nutzen. Seit der Ausgangsbeschränkung hätten sich "zahllose Bürgerinnen und Bürger" unter dem Notruf gemeldet. Zumeist seien Fragen zum Coronavirus oder zur Ausgangsbeschränkung gestellt worden. "Dies begründet keine Notfälle, um die 110 zu wählen!"

Die Ausgangssperre macht derzeit auch den Hilfsorganisationen im Landkreis zu schaffen. Nach Angaben der Tafel Bad Tölz mussten die Tafeln in Lenggries und Kochel vorübergehend den Betrieb einstellen und auf die Lebensmittelausgabe bis auf Weiteres verzichten.

© SZ vom 23.03.2020
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