Bundestagswahl in Bad Tölz-Wolfratshausen:Klimaschützer ohne Konfliktscheu

Bundestagswahl in Bad Tölz-Wolfratshausen: Kommt mit blauem Hemd und E-Bike auf den Reutberg geradelt: der Grünen-Kandidat Karl Bär. Beruflich pendelt der 36-Jährige mit dem Zug.

Kommt mit blauem Hemd und E-Bike auf den Reutberg geradelt: der Grünen-Kandidat Karl Bär. Beruflich pendelt der 36-Jährige mit dem Zug.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Karl Bär von den Grünen kämpft für eine ökologischere Landwirtschaft und den Ausbau von Schienen statt Straßen. Schon zum vierten Mal kandidiert er für den Bundestag - dieses Jahr stehen die Chancen nicht schlecht.

Von Petra Schneider

Karl Bär kommt mit dem E-Bike zum Interview auf den Reutberg. Es ist ein heißer Tag, Bär hat sich sorgfältig gekleidet. Lange Hose, langärmliges, blaues Hemd, gestutzter Bart. Er will unbedingt klarstellen, dass er nicht eitel sei, "aber ich habe in den vergangenen drei Wahlkämpfen die Erfahrung gemacht, dass das Aussehen wichtig ist". Zum vierten Mal tritt der 36-jährige Holzkirchner bei der Bundestagswahl als Direktkandidat der Grünen im Wahlkreis 223 Bad Tölz-Wolfratshausen/Miesbach an. Der Abstand zu seinem CSU-Konkurrenten war 2017 groß: Alexander Radwan bekam 47,6 Prozent, Karl Bär 13,6. Den Einzug über die Landesliste verpasste er allerdings nur sehr knapp.

Diesmal dürfte es reichen. Bär kandidiert auf Platz zwölf der Landesliste. Damit er es über die Zweitstimme in den Bundestag schafft, müssten die Grünen in Bayern mindestens zehn Prozent holen; in den aktuellen Prognosen liegen sie bei etwa 16 Prozent. "Ich mach mir diesmal sehr wenig Sorgen", sagt er. Die Grünen seien längst zu einer kleinen Volkspartei geworden, und um das zentrale grüne Thema Klimawandel komme niemand mehr herum. Selbst Markus Söder sei neuerdings "der größte Klimaschützer von allen", spöttelt er. Mit der CSU kann Bär ohnehin nicht: Söder sei ein "Schauspieler", das Verkehrsministerium schon viel zu lange in der Hand "immer noch korrupterer CSU-Minister". Dass sich die Grünen für Annalena Baerbock als Spitzenkandidatin entschieden haben, findet Bär richtig. Er habe sie als kluge und uneitle Frau erlebt. Aber: "Wenn wir einen besseren Rhetoriker gewollt hätten, hätten wir Habeck genommen."

An den Kirchsee radelt Bär gerne, aber selten - seine Freizeit ist knapp. Etwa 10 000 Kilometer fährt er jeden Monat mit dem Zug. Er wohnt im Haus seiner Oma in Holzkirchen und pendelt ans Umweltinstitut München, wo er als Referent für Agrarpolitik arbeitet. Momentan organisiert er die europäische Bürgerinitiative "Bienen und Bauern retten" mit. Wenn es um landwirtschaftliche Themen geht, wird Bär oft angefragt, auch europaweit. Er hat Agrarwissenschaft, Islamwissenschaft, Politik und Soziologie studiert, spricht "halbwegs Türkisch und ein bisschen Arabisch". Von 2009 bis 2013 war Bär wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Grünen-Bundestagsabgeordneten Agnes Krumwiede. Er gehörte dem Bundesvorstand der Grünen Jugend an und wurde 2014 in den Gemeinderat Holzkirchen und den Kreistag Miesbach gewählt. Bei seiner ersten Kandidatur für den Bundestag war Bär 24 Jahre alt. Die grüne Prägung habe er seinem Lehrer in der Grundschule zu verdanken, sagt er. "Wir haben schon Anfang der Neunzigerjahre gelernt, wie der Klimawandel funktioniert." Dass in 30 Jahren nichts gemacht worden sei, "ist definitiv nicht meine Schuld", sagt er und schmunzelt leise.

Zur Spezies des leutseligen Politikers gehört der 36-Jährige nicht. Er ist ein intellektueller Mensch, der das Herz nicht auf der Zunge trägt. Landwirtschaft gehört natürlich zu den Themen, für die er sich stark machen will. Ein hoher Ökoanteil, kleine und mittlere Familienbetriebe, Direktvermarktung - das kennzeichne die Landwirtschaft in der Region und solle eigentlich überall "das Zukunftsmodell" sein. Tierhaltung müsse an die Größe der Weidefläche gekoppelt sein. "Wenn das Futter für 10 000 Schweine aus Südamerika importiert werden muss und die Gülle durch halb Europa gefahren wird, ist das kein nachhaltiges System."

Weil für Verkehr und Wärmeproduktion zukünftig mehr Strom gebraucht werde, sei ein Ausbau der Windkraft nötig, wo möglich auch Geothermie, bei der Wasserkraft brauche es eine Abwägung zwischen Ökonomie und Ökologie. Dringend müsse der Bund in die massiv veraltete Schieneninfrastruktur investieren und umschichten: Statt mindestens 1,8 Milliarden Euro in den Ausbau der A 8 zu pumpen, statt Umgehungsstraßen in Bad Heilbrunn oder Großhartpenning, die "Unmengen an Geld und Landschaft fressen", müssten Projekte wie die S 7-Verlängerung nach Geretsried beschleunigt werden. "Denn mehr Straßen verursachen nur noch mehr Verkehr." Beim Thema Gesundheitsversorgung ist Bär kompromisslos: "Privatisierung ist ein Fehler." Das werde auf Dauer die Versorgung verschlechtern. Eine gewisse Spezialisierung mache Sinn. Aber das Krankenkassensystem müsse so verändert werden, das sich eine Breitenversorgung auf dem Land finanzieren lasse, etwa durch einen Sockelbetrag. "Krankenhäuser sollten in kommunaler Hand bleiben, aber die Finanzierung ist nicht hauptsächlich Aufgabe der Kommunen."

Konflikte scheut Bär nicht. Vier Jahre ist es inzwischen her, dass er mit dem Umweltinstitut München in einer Kampagne den Einsatz von Pestiziden beim Apfelanbau in Südtirol angeprangert hat. Der Südtiroler Landesrat Arnold Schuler von der konservativen SVP und 1376 Obstbauern zeigten ihn wegen übler Nachrede an. Bei einer Verurteilung drohen Bär bis zu drei Jahren Haft und Schadenersatz. Auf sein Angebot, die Rechnungen und Berichtshefte, die den Pestizideinsatz dokumentieren, im Rahmen einer Dialogveranstaltung zu diskutieren, gingen zwei Obstbauern nicht ein. Das Verfahren in Bozen wird deshalb im Oktober fortgesetzt. Bär spricht von "Justizmissbrauch" und Einschüchterungsversuchen; eine Einschätzung, die auch die Menschenrechtskommissarin des Europarats, Dunja Mijatovic, teilt. Die juristische Auseinandersetzung sei zermürbend, aber unterkriegen lasse er sich nicht. Über sein Privatleben spricht Bär wenig. Er hat eine dreijährige Tochter, die bei ihren beiden Müttern lebt. Mit der biologischen Mutter verbinde ihn eine enge Beziehung, seine Tochter sehe er regelmäßig. Mehr will er dazu nicht sagen, weil seine politischen Ziele und nicht sein Lebensstil im Mittelpunkt stehen sollten. Einen Satz sagt er dann doch: "Ein Kind ist ein guter Grund, sich für die Umwelt zu engagieren."

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