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Bauten in der Loisachstadt:Später Rettungsversuch

Auch die Gärten sind unter dem Aspekt des Denkmalschutzes erhaltenswert, argumentiert das zuständige Landesamt. Sie dienten einst der Selbstversorgung der Anwohner.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Wolfratshauser Stadtrat lehnt einen Neubau im historischen Ensemble an der Alpenstraße ab. Der Abriss aber ist wohl nicht mehr aufzuhalten

Das Drama um das Haus an der Alpenstraße 14 in Wolfratshausen geht einem tragischen Ende entgegen. Der Abriss des Gebäudes, das Teil eines historischen Ensembles aus den Dreißigerjahren ist, rückt näher. Am Mittwoch hatte der Bauausschuss des Stadtrats erneut über den Antrag für vier Reihenhäuser zu entscheiden, den der Eigentümer anstelle des historischen Mehrfamilienhauses errichten will. Zuletzt hatte das Gremium seine Zustimmung wegen abweichender Wandhöhe und Gestaltung verweigert. Der Bauwerber hatte seinen Antrag daraufhin modifiziert. Nach einer emotionalen Diskussion kam es im Sitzungssaal zum Patt: Mit fünf zu fünf Stimmen wurde das Einvernehmen erneut nicht erteilt. Ein Signal mit vermutlich geringer Wirkungskraft. Denn das Landratsamt wird Abriss und Neubau genehmigen müssen.

Dramatisch ist der Fall, weil das gesamte Ensemble, die Siedlung "Isarleiten", die zwischen 1936 und 1939 für Angestellte der Geretsrieder Rüstungsbetriebe an der Schießstätt- und Alpenstraße errichtet wurde, nach heute gültigem Recht streng geschützt ist. Als der Eigentümer allerdings einen Vorbescheid beantragt hatte, war der Ensembleschutz weniger rigide. Der Stadtrat hatte deshalb dem Abriss mit Neubau im Februar 2016 mehrheitlich zugestimmt, am 16. Februar 2017 genehmigte das Landratsamt den Vorbescheid. Nur zehn Wochen später, am 1. Mai 2017, trat eine Gesetzesänderung in Kraft, die das Grundstück zum Teil des Ensembledenkmals macht.

Der Historische Verein, der auf die bevorstehende Gesetzesänderung und den architekturhistorischen Wert des Ensembles hingewiesen hatte, organisierte Protestaktionen und sammelte Unterschriften für den Erhalt des Hauses. Mit scheinbarem Erfolg: Anfang 2018 hieß es, der Eigentümer habe sich gegen den Abriss entschieden. Im Dezember vergangenen Jahres aber machte er von seinem Vorbescheid Gebrauch und reichte den Bauantrag ein. Zweimal verweigerte der Stadtrat daraufhin sein Einvernehmen. Nun hat das Landratsamt festgestellt, dass die geänderten Pläne von April 2019 dem Vorbescheid entsprächen. Dem Vorhaben könne die Genehmigung nicht versagt werden.

"Nach dem Gesetz müssen wir eigentlich zustimmen", erklärte Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW). Das sei tragisch, zumal der Eigentümer bereit gewesen sei, in einem Kompromiss auf den Abriss zu verzichten. Die Denkmalbehörden hätten sich jedoch "nicht bewegen" wollen. Dem Vernehmen nach soll der Besitzer im Gegenzug Baurecht für den Garten gefordert haben, der wie im gesamten Ensemble ursprünglich der Selbstversorgung der Hausbewohner diente. Vom Landesamt für Denkmalpflege und vom Landratsamt waren am Donnerstag dazu keine Stellungnahmen zu erhalten.

Das Landratsamt greift ein

Laut Schreiben des Landratsamts, das in der Vorlage zitiert wird, kann das gemeindliche Einvernehmen nur aus bestimmten baurechtlichen Gründen verweigert werden. Diese lägen aber in dem Antrag zur Alpenstraße 14 nicht vor. Eine Verweigerung sei daher rechtswidrig. Heilinglechner (BVW), Günther Eibl, Claudia Drexl-Weile (beide CSU), Roswitha Berchtold und Fritz Schnaller (beide SPD) gaben schließlich zähneknirschend und mit Verweis auf ihre Verantwortung als Stadträte ihre Zustimmung. Hans Schmidt (Grüne), Richard Kugler (CSU), Josef Praller, Ulrike Krischke und Maximilian Schwarz (BVW) lehnten den Antrag hingegen erneut ab. Mit dem Unentschieden ist das Einvernehmen nicht erteilt. Genehmigungsbehörde ist jedoch das Landratsamt, das die Entscheidung wohl "ersetzen" wird.

Sybille Krafft, die Vorsitzende des Historischen Vereins, begrüßt die erneute Ablehnung. "Es ist ein großes, positives Zeichen, dass der Wolfratshauser Stadtrat den Wert dieses Denkmalensembles erkannt hat und sich dafür einsetzt, es zu erhalten", sagt sie. "Es wäre wirklich eine Katastrophe, wenn es abgerissen und durch übliche, gesichts- und geschichtslose Neubauten ersetzt würde." Den vom Bauwerber angestrebten Kompromiss mit einer Bebauung des Gartens hätte der Historische Verein laut Krafft in Kauf genommen - auch wenn er das Baurecht massiv erweitert hätte. "Wir hätten diese Kröte geschluckt, um das Ensemble zu erhalten", sagt sie.

Krafft will mit ihren Mitstreitern für den Erhalt des Gebäudes "bis zuletzt kämpfen", wie sie sagt - und weiter auf Einsicht des Besitzers hoffen. Dass es soweit kommen konnte, sei "eine sehr unglückliche Konstellation gewesen", erklärt sie. "Es gab mehrere Räder in dem Getriebe, die nicht funktioniert haben." Dennoch sei die im Landtag einstimmig verabschiedete Gesetzesänderung abzusehen gewesen. "Es ist schade, dass man nicht auf Zeit gespielt hat - was man ja bei anderen Dingen durchaus gerne macht."

Die Stadträte, die dem Antrag widerwillig zugestimmt haben, gaben sich denn auch selbstkritisch. "Ich bin wahnsinnig unglücklich, dass wir mit unserem Einvernehmen diesen Vierspänner auf den Weg gebracht haben", sagte Gerlinde Berchtold. Und Heilinglechner bekannte: "Da müssen wir uns selbst an die Nase fassen."

Schon frühzeitig protestierten mit dem Historischen Verein Wolfratshausen Bürger gegen einen Eingriff in das als Ganzes denkmalgeschützte Ensemble an der Alpenstraße.

(Foto: Hartmut Pöstges)