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Asylsuchende:Eine neue Heimat in Wolfratshausen

Mohammed ist als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen. Bei Jonas Better Place werden Jungen wie er auf ihr neues Leben in diesem Land vorbereitet.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Stiftung Jonas Better Place gibt Jugendlichen, die Flucht und Migration hinter sich haben, einen "New Place". Sie lernen, absolvieren Praktika, gehen in Vereine und bereiten sich auf ein selbständiges Leben vor

Von Miriam Kinzl

Lange, lichtdurchflutete Flure mit vielen Türen, bunte selbstgemalte Kunstwerke schmücken die Wände. Hier sieht es aus wie in einem Internat oder Studentenwohnheim. Türschilder weisen auf Team-Raum, Duschen und Toiletten hin. Manche Zimmern haben Namensschilder. Der 18-jährige Mohammed hat sein Reich mit vielen Fotos dekoriert. Er kam vor eineinhalb Jahren von Somalia nach Deutschland und in die Wohngruppe "New Place". "Dein neues, zweites Zuhause", sagt Sabine Faber, und der Junge stimmt ihr lächelnd zu: "New Place together!" Faber ist Geschäftsführerin der gemeinnützigen Stiftung Jonas Better Place und Leiterin der Einrichtung in Wolfratshausen. Die elf Jugendlichen, die dort aktuell wohnen, haben alle Flucht und Migration hinter sich.

New Place, ein neuer Ort, ein Neuanfang also. "Man kann sich das sehr schwer vorstellen, was die Jugendlichen hier alles leisten und lernen müssen in der kurzen Zeit", sagt Faber. Das reiche von Alltagsverrichtungen bis zum Kennenlernen von Werten und Normen. In der sozialpädagogischen Wohngruppe wohnen bis zu zwölf männliche Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren zusammen. Seit der Eröffnung im Jahr 2016 hat sich das Konzept verändert; New Place nimmt nun bei Bedarf auch junge Männer ohne Flucht- und Migrationshintergrund auf.

Hoch motiviert

"Ich fühle mich hier gut. Es ist ganz anders", sagt Mohammed. "Ich gehe jetzt in die Schule. Ich habe ein gutes Leben hier. Ich habe hier Praktikum gemacht." In Somalia sei das nicht möglich gewesen, und hier absolviere er schon das zweite Praktikum. Der 18-Jährige scheint hoch motiviert zu sein. Über seine Aufgaben in der Wohngruppe weiß er genau Bescheid. Den Putzplan einhalten, am Wochenende manchmal für alle Mitbewohner und die Betreuer Mittagessen kochen und eine tägliche verpflichtende Lernzeit von 15 bis 16 Uhr gehören hier zu seinem Alltag.

"Der Fokus ist bei uns auf einer sehr klaren Tagesstruktur, da Struktur Sicherheit und Halt bedeutet für die Jugendlichen", erklärt Faber den Ansatz der Einrichtung. Durch Regelunterricht erhöhten sich auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt und es werde eine gute Bleibeperspektive geschaffen.

Harald Beilhack und Sabine Faber arbeiten im Wolfratshauser „New Place“, wo derzeit zwölf Jungen zwischen 14 und 18 Jahren leben. Faber sagt: „Wir wollen positiv nach vorne schauen, jeder bringt natürlich ein Paket mit sich.“

(Foto: Hartmut Pöstges)

Ob beim Lernen oder anderen Herausforderungen, Mohammed weiß: "Wenn du Hilfe brauchst, ist immer jemand da." Faber sagt: "Jeder Jugendliche hat einen Bezugsbetreuer." Das sei ein Pädagoge, der sich intensiver um den Einzelnen kümmere. Beziehungsarbeit und die Aufarbeitung der Fluchtgeschichte seien ein wichtiger Bestandteil des Gesamtkonzepts. Bei therapeutischem Bedarf arbeite New Place mit der Wolfratshauser Ambulanz der Heckscher-Klinik und dem Münchner Beratungs- und Behandlungszentrum Refugio zusammen. "Wir wollen positiv nach vorne schauen, jeder bringt natürlich ein Paket mit sich", sagt Faber.

Der Spaß soll nicht zu kurz kommen. So sei jeder Jugendliche in einem Verein aktiv. Mohammed spielt zum Beispiel Fußball bei der JFG Wolfratshausen, während einer seiner Mitbewohner in der Wolfratshauser Schule der Fantasie einem kreativen Hobby nachgeht. Neben den individuellen Freizeitaktivitäten gibt es bei New Place immer wieder Projekttage und Gemeinschaftsaktionen. "In den Ferien haben wir den Garten umgebaut und einen Urlaub auf einem Reiterhof in Ebersberg gemacht", erzählt Mohammed.

Das übergeordnete Ziel des Konzepts aus Freizeitpädagogik, Erziehung, Bildung und Integration ist die Verselbständigung. "Wir betreuen die Jugendlichen hier nicht, wir erziehen sie, damit haben sie dann die Chance, selbständig ein gutes Leben in Deutschland zu führen", fasst Faber zusammen. Wer bereit sei für eine Teilbetreuung oder den Umzug in eine eigene Wohnung, werde auch darin unterstützt. "New Place ist sehr gut. Ich habe hier schon so vieles geschafft: Deutschkurs, Fahrradprüfung und Schwimmabzeichen und nächstes Jahr gehe ich in die Berufsschule in Bad Tölz", zählt Mohammed auf.

www.jonasbetterplace.com

© SZ vom 11.09.2020

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