Wohnen Zu beliebt: Die Wogeno nimmt keine neuen Mitglieder mehr auf

Ein Teil dieses Mietshauses an der Speyerer Straße gehört der Genossenschaft Wogeno.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Das Modell Wohnungsbaugenossenschaft wird immer beliebter in München.
  • Die Wogeno hat nun einen Aufnahmestopp für neue Mitglieder verhängt, weil es nicht genügend Wohnungen gibt.
  • Die Genossenschaft will damit die Qualität der Organisation bewahren und sich nachhaltig weiterentwickeln.
Von Anna Hoben

Wer in München in einer Genossenschaftswohnung lebt, ist im doppelten Sinne ein glücklicher Mensch. Zum einen hat er Glück gehabt, eine Wohnung zu ergattern, zum anderen berichten Genossenschaftsmieter einhellig von einem besonders lebendigen Miteinander ihrer Hausgemeinschaft. Dazu kommen verhältnismäßig günstige Mieten und ein lebenslanges Wohnrecht. Kein Wunder, dass Genossenschaften als essenziell im Kampf gegen die Wohnungsnot angesehen und von der Stadt gefördert werden. Kein Wunder, dass dieses Modell immer beliebter wird in München.

So beliebt, dass eine Genossenschaft jetzt die Notbremse zieht. Ab sofort nimmt die Wogeno keine neuen Mitglieder mehr auf. Das haben Vorstand und Aufsichtsrat beschlossen. Ende 2018 waren es fast 6000 Mitglieder, davon ungefähr 1200, die in einer Wogeno-Wohnung leben. 2500 sind in den vergangenen drei Jahren beigetreten, 1000 allein im Jahr 2018. "Es drohte uns zu überrollen", sagt Vorstand Peter Schmidt. Das Erfolgsmodell ist ein bisschen zu erfolgreich geworden. Die Wogeno, gegründet im Jahr 1993, hat 600 Wohnungen im Bestand, 140 sind im Bau und schon an Mitglieder vergeben. Weitere 180 Wohnungen sind geplant und sollen in den nächsten drei bis vier Jahren fertig werden. Bei Ausschreibungen kommen schon mal 40 Bewerbungen auf eine Wohnung.

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"Es ist das erste Mal, dass wir reagieren müssen und nicht proaktiv voranschreiten", sagt Schmidt. Der Stopp schmerze, sei jedoch dringend nötig, "um die Qualität unserer Organisation bewahren und nachhaltig weiterentwickeln zu können", wie es in einer Erklärung auf der Webseite der Wogeno heißt. Das Verhältnis von wohnenden zu nicht-wohnenden Mitgliedern müsse wieder ausgeglichener werden. "Ein Drittel wohnt, ein Drittel ist uns gewogen, und ein Drittel ist in einer latenten bis akuten Wartesituation", sagt Schmidt: Dies sei ein gesundes Verhältnis, das die Wogeno über 20 Jahre begleite, das sich in jüngster Zeit aber stark verschoben habe.

Durch den sprunghaften Mitgliederanstieg sei der bürokratische Aufwand enorm gestiegen. Die Wogeno könne zudem ihrer Aufgabe kaum noch nachkommen, die neuen Mitglieder in ihre Wertegemeinschaft - sozial, ökologisch, selbstverwaltet - einzubinden, sagt Schmidt. Die Zeit und die Kapazitäten, die man nun gewinne, wolle man auch nutzen, Formate dafür zu entwickeln.

Genossenschaftsexperte Christian Stupka teilt die Münchner Genossenschaften in drei Kategorien ein. Da gibt es die jungen Etablierten wie Wogeno, Wagnis und Frauenwohnen, gegründet in den Neunzigerjahren. Da gibt es die meist mehr als 100 Jahre alten Bestandsgenossenschaften mit ihren großen Beständen, wie die München West oder den Verein für Volkswohnungen. Und da gibt es die ganz jungen, erst vor wenigen Jahren gegründeten Genossenschaften, die gerade ihre ersten Projekte verwirklichen: Kooperative Großstadt, Zinwo oder Progeno.

Bei den Bestandsgenossenschaften ist es üblich, dass sie keine neuen Mitglieder aufnehmen oder nur unter speziellen Voraussetzungen. Bei den ganz jungen Genossenschaften ist es laut Stupka unterschiedlich: Die einen nehmen nur projektbezogen Mitglieder auf, die anderen, wie die Kooperative Großstadt, sind jederzeit offen für Zuwachs. Und unter den jungen Etablierten ist die Wogeno die erste, die einen Aufnahmestopp verhängt.

Bei Wagnis führe man zwar auch eine Debatte darüber, "wie viel Wachstum wir vertragen", sagt Vorstandsmitglied Rut-Maria Gollan, "aber an dem Punkt sind wir noch nicht". Die Genossenschaft hat etwa halb so viele Mitglieder wie die Wogeno, das Zahlenverhältnis ist noch etwas ausgeglichener. Ungefähr ein Drittel der Mitglieder wohnt in einer Wagnis-Wohnung. Die nichtwohnenden Mitglieder seien auch deshalb wichtig, weil sie "immer wieder ein Innovationsmotor" seien.

So sieht man es auch bei der Wogeno. Zur Gründungsidee gehörte, dass es gut sei, immer mehr wartende als wohnende Mitglieder zu haben, um lebendig zu bleiben und einen Antrieb zum Weitermachen zu haben. "Wir sind nach wie vor der Meinung, dass eine offene Mitgliedschaft uns gut tut", sagt Vorstand Peter Schmidt. Der Aufnahmestopp solle künftig jährlich überprüft werden. Man werde auch schon bald darüber nachdenken, wie eine "Wiedereröffnung" aussehen könnte. Denkbar wäre etwa, ein Kontingent festzulegen.

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