Wohnen im Mini-Haus:Havariegefahr auf der Treppe

Lesezeit: 2 min

Wer mit drei Kindern nach München zieht, kann sich normalerweise nur ein Grundstück leisten, das zwischen zwei Ausfallstraßen liegt oder radioaktiv verseucht ist. Oder ein Haus, das so breit ist wie ein Porsche Cayenne lang. Doch unser Autor zeigt, dass sich auch in der kleinsten Hütte ein phantastisches Raumgefühl einstellen kann - zumindest wenn man die Einbahnregelung auf der Treppe beachtet.

Gerhard Matzig

Die Treppe, die in unserem Einfamilienhaus das Obergeschoss erschließt, ist 83 Zentimeter breit. Üblicherweise werden für eine "platzsparende Treppe" 85 Zentimeter angesetzt, für eine "übliche Treppe" sind es 90 und für eine "großzügige Treppe" 100 Zentimeter. Messen Sie ruhig mal nach bei sich zu Hause, dann wissen Sie, wo Sie stehen, so treppen- und klassenmäßig!

Wohnen im Mini-Haus: 4,80 Meter Außenmaß - eines der schmalsten frei stehenden Einfamilienhäuser Europas.

4,80 Meter Außenmaß - eines der schmalsten frei stehenden Einfamilienhäuser Europas.

(Foto: Claus Schunk)

Wir, meine Frau, meine drei Kinder und ich, leben in der Kategorie "Minimum für eine baurechtlich notwendige Treppe". Könnten aber sogar noch drei Zentimeter herschenken.

Die Raumnot liegt nicht nur am sparsamen Arbeitgeber des Autors, sie liegt auch an den Münchner Grundstückspreisen. Unsere Treppe mag noch so verschwindenwollend wirken, es ist jedenfalls keine Provinzpendlerpauschaltreppe.

Anderswo, dort, wo normale Grundstückspreise herrschen, in Dinkelscherben vielleicht, gibt es wohl hie und da jene palastartigen, dreiläufigen Treppen, über die es in Neuferts grandioser "Bauentwurfslehre" heißt, sie seien "teuer, unzweckmäßig und platzraubend". Mit einem Wort: Das hätte man gerne. Auf solchen Treppen geht man nicht - man schreitet.

Wir haben dagegen eher eine Mischung aus Hühner- und Schiffsleiter. Da ist nichts mit Schreiten. Trotzdem leben wir lieber in München mit einer Treppe, die wegen der Havariegefahr nur als wechselseitige Einbahntreppe benutzt werden darf (das fördert auch die Fähigkeit der Kinder, sich kommunikativ zu einigen, ist also pädagogisch wertvoll), als dass wir in Dinkelscherben herumschreiten möchten. Nichts gegen das ziemlich schöne Dinkelscherben natürlich.

In München haben wir, als die Kinder langsam etwas größer wurden - so groß, wie es die Sehnsucht nach einem Garten immer schon war -, nach einem Grundstück gesucht, dass man gerade noch bezahlen respektive innerhalb einiger Jahrzehnte würde abstottern können. Folglich kam nur ein "Problemgrundstück" in Betracht. Also eines, das zum Beispiel zwischen zwei Ausfallstraßen liegt, oder eines, dass radioaktiv oder sonst wie kontaminiert ist.

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