bedeckt München 25°

Wahlkampf in München:Gewerkschafter gegen Revolutionär

SPD-Kandidat Roland Fischer macht Hans-Peter Uhl (CSU) das Direktmandat streitig. Es wird ein knappes Rennen.

Wolfgang Görl

Es ist ein herbstlich-kühler Samstagmorgen, die Leute eilen über den Bürgersteig entlang der Fürstenrieder Straße, kaum einer beachtet die Plakatständer, auf denen Kandidaten um die Wette lächeln. Man ist anderweitig beschäftigt, Wochenendeinkäufe. Doch es gibt Ausnahmen: Vor der Tengelmann-Filiale haben sich ein paar CSU-Wahlkämpfer, angeführt vom Bayernkurier-Chefredakteur Peter Hausmann, unter einem blauen Baldachin postiert.

Roland Fischer (SPD) versucht, schon am frühen Morgen potentielle Wähler zu überzeugen.

(Foto: Foto: Rumpf)

Einer fehlt allerdings: die Hauptperson. Schon seit zehn Minuten hätte Hans-Peter Uhl hier sein müssen, doch noch ist von ihm nichts zu sehen außer seinem Plakat und seinen Flyern, die zu Hunderten auf dem CSU-Tisch lagern. Hans-Peter Uhl: Jahrgang 1944, Jurist, von 1987 bis 1998 Kreisverwaltungsreferent in München. Spätestens in dieser Zeit hat er sich den Ruf eines Law-and-Order-Mannes erworben. Seit 1998 sitzt er für die CSU im Bundestag, unter anderem ist er der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion.

Ähnlich wie Peter Gauweiler ist Uhl ein Politiker, bei dem man als Münchner das Gefühl hat, es gibt ihn schon seit Menschengedenken, und es wird ihn bis zum Jüngsten Tag geben. Er ist wie ein altes Möbelstück, das im Wohnzimmer steht, etwas sperrig vielleicht und modisch nicht mehr ganz auf der Höhe, aber man hat sich daran gewöhnt, es gehört zum Inventar.

Folglich muss Uhl auch in den kommenden vier Jahren in Berlin wieder mit dabei sein, muss mitreden, mitraufen, mitbestimmen. Das geht aber nur, wenn er das Direktmandat im Wahlkreis 221 (West/Mitte) erringt. Über die Liste gelangt er garantiert nicht in den Bundestag, Uhl steht da ebenso auf verlorenem Posten wie sein SPD-Konkurrent Roland Fischer. Immerhin, dreimal hat er den Wahlkreis schon gewonnen, er ist der Lokalmatador und Titelverteidiger.

Endlich fährt ein silbergrauer Mercedes vor, am Steuer sitzt Uhl, die Laimer Wahlhelfer atmen auf. Der Kandidat, in einen Trachtenjanker gehüllt, schleppt einen gewaltigen Strauß lachsfarbener Rosen an, so als wäre er zu einer Hochzeit geladen. Während Uhl die Blumen versorgt, versucht einer der Wahlhelfer, einen vorübereilenden älteren Herrn mit CSU-Werbung zu beglücken.

Der aber ist schlecht drauf. "Jetzt kommen die Ratten wieder aus den Löchern", ruft er und sucht fluchtartig das Weite. Als Reporter ist man ja dankbar, wenn einem Politikverdrossenheit in Gestalt eines echten Menschen praktisch in die Arme läuft. Trotzdem wird es Zeit, dass Uhl mit seinen Rosen ins Geschehen eingreift.

So ein Wahlkämpfer muss allerlei beherrschen, vor allem aber die Kunst, den Leuten auf die Pelle zu rücken, ohne dass diese sich belästigt fühlen. Uhl kann das, er ist auf penetrante Weise höflich und auf höfliche Weise penetrant, und vermutlich gibt es etliche Bürger, die seiner Charmeoffensive im Straßenwahlkampf erliegen - sofern sie nicht ohnehin CSU wählen wollten. Schon wie Uhl die Rosen überreicht!

Er tut dies mit der zart ironischen Grandezza eines in die Jahre gekommenen Kavaliers, der weiß, dass seine Blumen nicht mehr als kecke Liebesboten verstanden werden, sondern eher als manierliche Zeichen allgemeiner Verehrung für das Ewig-Weibliche. Danach ist es auch gar nicht mehr nötig, die Beschenkte in ein Gespräch zu verstricken, die Botschaft ist klar: "Dr.Hans-Peter Uhl - Für Sie wieder nach Berlin", steht auf der Banderole einer jeden Rose.

Da in diesen Minuten niemand mit dem Kandidaten reden will, plaudert Uhl mit dem Reporter ein wenig über Politik. Eigentlich, sagt er, sei es gar nicht so schlecht gelaufen in der großen Koalition, jedenfalls in Sachen Sicherheitspolitik, in der Uhl mit Vorliebe mitmischt, gern auch mal in der martialischen Rolle des "schwarzen Sheriffs". Mit Dieter Wiefelspütz, dem Kollegen von der SPD, könne er prima, da funktioniere die Koalition beinahe reibungslos. Was er dann über Schwarz-Gelb sagt, angeblich das Lieblingsbündnis der Union, ist schon ein wenig verblüffend: Wenn die FDP mitregiert, "stelle ich mich auf vier Jahre Pause ein".

Ein Revolutionär im Wahlkampf Wie? Will er dann auf sein Mandat verzichten? Nein, das nicht, aber Uhl vermutet, mit den Liberalen sei eine Sicherheitspolitik, so wie er sie versteht -also Online-Durchsuchungen, Einsatz der Bundeswehr im Inneren, verstärkte Überwachung und solche Sachen - kaum zu machen. Trotzdem ist er für Schwarz-Gelb? Klar! Weil diesmal die Wirtschaft das Hauptthema sei, und auf diesem Feld "geht es mit der FDP besser". Im nächsten Moment muss sich Uhl abwenden, denn jetzt hat der Wähler das Wort, ein älterer Herr, dessen Frau mit einer Rose beehrt wurde: "Solche wie Sie mog I", sagt er. "Sie und der Gauweiler: Solche san ned so Stubnhocker, na, die san no revolutionär." Ein erstaunliches Kompliment, das Uhl wohl nicht so oft hört.

Der härteste Gegner des Revolutionärs Uhl ist in der Regel ein Sozialdemokrat, und in diesem Jahr heißt er Roland Fischer. Der 48-Jährige kommt aus der Gewerkschaftsbewegung, seit 1981 ist er in der SPD, es ist sein erster Einsatz als Bundestagskandidat - Fischer, ein Kumpeltyp, mit dem man vermutlich nächtelang in der Kneipe über Politik quatschen könnte, einer, der im Zweifelsfall links steht und in dessen Stimme das Timbre seiner fränkischen Heimat mitschwingt. Für die letzte Phase des Wahlkampfs hat er freigenommen, Urlaub vom Job als Pressereferent des SPD-Bundestagsabgeordneten Klaus Barthel.

An einem kalten Morgen - es ist der erste Schultag nach den Ferien - steht er am Rotkreuzplatz vor dem Eingang zur U-Bahn. Es ist kurz nach sieben, aus den Bussen hetzen Menschen zur U-Bahn-Treppe, ihre Körpersprache signalisiert: keine Zeit, keine Zeit. Keiner möchte sich auf ein Gespräch einlassen, egal von welcher Partei der Werber stammt.

Immerhin bringen der SPD-Kandidat und seine Helfer reichlich Fischers Extrablatt mit dem traditionsreichen Titel Münchner Post unter die Leute, innerhalb einer Stunde verteilen sie fast tausend Exemplare. Unter anderem ist in der Zeitung zu lesen, dass Fischer aus dem "bayerischen Sibirien", also dem Fichtelgebirge, stammt, dass er seit 1986 in München lebt und dass man ihn wählen müsse, wenn man für den Atomausstieg, für Mindestlöhne, bürgerliche Freiheitsrechte und besseren Mieterschutz sei. Zudem verrät er sein Rezept für Erdbeerknödel mit Zimtbröseln.

Fischer hat Ringe unter den Augen, der Wahlkampf schlaucht ihn. Abends zieht er bisweilen durch die Straßen und Kneipen am Gärtnerplatz und im Glockenbachviertel, der Wählerstimmen wegen, das muss man wohl hinzufügen, und auch dass er eine erwachsene Tochter aus erster Ehe und eine Lebensgefährtin hat. Kürzlich, erzählt er, hat er dort rote Knicklichter verteilt, die haben die jungen Leute dann zu Ringen gebogen und damit auf Bierflaschen gezielt, bald standen dreißig, vierzig Menschen zusammen und haben bis nach Mitternacht diskutiert. Morgens um fünf klingelt dann wieder der Wecker, Fischer muss raus in den Straßenwahlkampf, unausgeschlafene Leute für die SPD begeistern, in Nymphenburg, Neuhausen, in der Isarvorstadt, auf der Schwanthalerhöhe, aber auch draußen in Allach. Kein leichtes Geschäft. "Ich komm' auf dem Zahnfleisch daher", gesteht er.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB