Gesangsentertainment:Fehlt nur die Geschichte

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Viktoria Lein mit ihrem zweiten Soloprogramm im Schlachthof.

Von Oliver Hochkeppel, München

Hui, kein Wunder, dass Viktoria Lein es schon bei so mancher Firmengala geschafft hat, die Aufmerksamkeit der Belegschaft vom Tratsch und den Getränken auf sich zu lenken; das wird einem schon nach ein paar Minuten ihres Auftritts im Schlachthof klar. Die elegante Frau hat Bühnenpräsenz über geschulte Gestik und Mimik hinaus, sie kann exzellent tanzen und vor allem kann sie singen. Und zwar so ziemlich alles: Von der klassischen Händel-Arie "Lascia ch'io pianga" über Chanson (etwa die schöne Hildegard-Knef-Parodie "Für dich soll's Herpesbläschen regnen"), Standards oder Musical-Schmachtfetzen (Michael Kunzes "Ich gehör' nur mir" aus "Elisabeth") bis zu Blues (mit dem selbstgetexteten "Sauerkraut-Blues" etwa) oder einem James-Bond-Titelsong-Medley. Und letzteres ist in der Tat die Höchstschwierigkeit im Pop-Bereich, nimmt man es da doch mit erratischen Songs von Kalibern wie Tina Turner oder Adele auf.

Eine solide Ausbildung steckt natürlich dahinter, die klassische russische Schule zunächst, kommt die Russland-Deutsche Viktoria Lein doch - und das thematisiert sie auch im Programm - ursprünglich aus Kasachstan. Dann die lehrreiche Fron im deutschen Gesangs-Dienstleistungsbereich, wenn man das so sagen darf. Sozusagen als Kür bringt Lein all ihre Qualitäten nun im Musikkabarett zusammen. "Wo die Liebe hinfällt" heißt ihr neues, zweites Solo-Programm (Regie Manfred Abholzer, Textbeiträge von Werner Gerl).

Die Liebe also soll thematisch den Rahmen abstecken. Ein weites Feld, von der schwierigen Selbstliebe bis zum Objektfetischismus Smartphone, von den harten DMAX-Kerlen bis zu den sie glotzenden Couch-Potatoes, vom Patriotismus (also der Liebe zum Land) bis zur Nostalgie (der Liebe zum Vergangenen), vom Schlussmachen bis zum Abserviertwerden. Da zeigt sich dann, was Lein noch fehlt: eine Geschichte, die das Programm wirklich trägt. Weder zwischendrin noch am Ende weiß man, was sie einem in Sachen Liebe eigentlich sagen will, über die wirklich gekonnten und schönen Gesangsnummern hinaus. Und so bietet ihr Programm vorerst vorzügliches Entertainment, aber noch recht wenig Kabarett.

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