Kurzkritik:Farbenreiche Präzision

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Dirigent Vasily Petrenko und das Royal Philharmonic Orchestra brillieren an zwei Abenden mit Khatia Buniatishvili und Anne-Sophie Mutter in der Isarphilharmonie.

Von Paul Schäufele, München

Es gibt mehr als einen Dirigenten, der sich im Cockpit ebenso wohlfühlt wie am Pult. Was Piloten und Dirigenten vereint, ist ihre Reaktionsgeschwindigkeit in Stresssituationen. Etwa, wenn man gleichzeitig das Royal Philharmonic Orchestra zu leiten hat und dabei auf eine Musikerin wie Khatia Buniatishvili oder Anne-Sophie Mutter achten soll. Vasily Petrenko hat an zwei Abenden in der Isarphilharmonie vorgeführt, wie das geht.

Ganz einfach ist das besonders bei Buniatishvili nicht, die in Tschaikowskis erstem Klavierkonzert das Kapriziöse zur Haltung kultiviert. Das bedeutet, dass sie in den Kadenzen eine zutiefst individuelle Künstlerpersönlichkeit offenbart, die über ihren substanzreichen, nuancierten Anschlag selten gehörte Ausdrucksschichten freilegt. Das bedeutet, dass der langsame Satz zu reiner Poesie wird. Aber das bedeutet auch, dass Buniatishvilis Ungeduld hörbar wird. Schnelles Passagenwerk interessiert sie weniger, hier verliert sie an Konkretheit, rattert Oktaven herunter, als würde sie zur nächsten interessanten Stelle vorspulen und vergisst dabei, dass neben ihr ein Orchester sitzt. An einer Stelle des Kopfsatzes prescht sie derart voraus, dass Petrenko das Violinpizzicato diskret abwinkt und darauf wartet, wieder einen brauchbaren Einsatz zu geben. Das macht ihn zum Könner, neben seiner Präzision, die ihn auch eine stringente, farbenreiche "Petruschka"-Suite dirigieren lässt. Am Gesamteindruck ändert es nichts. Buniatishvili überzeugt als Super-Virtuosin mit eminenter Publikumsausstrahlung.

Auf Anne-Sophie Mutter ist Verlass

An Ausstrahlung mangelt es auch Anne-Sophie Mutter nicht. Ja, man ist versucht zu sagen, der einzige Grund, während André Previns mäanderndem Violinkonzert - sein Verlobungsgeschenk an Mutter - nicht völlig mit seinen Gedanken auf Abwege zu geraten, liegt bei der Solistin: Auf Mutter ist Verlass. Nach jeder rhythmischen Vertracktheit des Orchesters ist mit einer expressiven Geigen-Bewegung zu rechnen, die ganz auf Mutters auch in stratosphärischen Höhen schimmernden Samt-Ton zugeschnitten ist. Was nicht heißt, dass Mutter sich auf diesen Bergen des Herzens ausruht. In den trostlosen Feldern des Mittelsatzes verwandelt sich die geigerische Wärme in schneidende Kälte, die erst im Finale wieder auftaut. Mit ihrem unverwechselbaren Vibrato des kleinen Fingers lässt Mutter das Zwitschern sterben, mit dem Previn den melancholisch humorvollen Satz, Variationen über "Wenn ich ein Vöglein wär", angereichert hat.

Das ist unmittelbar expressive Kunst. Und doch freut man sich danach über Petrenkos effekt- wie fantasievolle Interpretation der "Symphonischen Tänze" Rachmaninows. Petrenko, der sich unter dem Jubel des Publikums erst Gehör verschaffen muss, geizt nicht mit Zugaben. Zwei Stücke sind es, aus Rimski-Korsakows "Die Nacht vor Weihnachten" und Mussorgskis "Der Jahrmarkt von Sorotschinzy". Beide Opern gehen auf Texte von Nikolai Gogol zurück und spielen in der Ukraine. Es ist eine kleine Geste, diese Stücke an den Schluss zu stellen, doch an Bedeutung verliert sie darum nicht, nicht politisch und erst recht nicht künstlerisch.

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