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Umweltpolitik:Klima beschäftigt Ärzte "tagtäglich"

Luftmessstelle am Stachus in München, 2019

Besser die Luft anhalten: Eine Messstelle am Stachus.

(Foto: Stephan Rumpf)

Münchner Mediziner fordern "Enkel-taugliche" Vorschläge

Für einige hat dieser Abend ganz persönliche Dimensionen. "Ich bin Mutter von zwei Kindern", sagt Katharina Jäger, Internistin und Vorstandsmitglied des Ärztlichen Kreis- und Bezirksverbandes München (ÄKBV) bei einer Diskussionsveranstaltung über die Luft in München. "Mein Sohn sitzt hier und guckt, was ich erreicht habe." Der etwa zwölfjährige Junge winkt der Mutter von der ersten Reihe im Seminarraum aus kurz zu.

Jäger hat tatsächlich einiges erreicht. Im vergangenen Jahr entstand unter ihrem Vorsitz im Ausschuss "Gesunde Umwelt und frische Luft in München" ein Positionspapier zu den drohenden Gesundheitsgefahren der Luftverschmutzung in dieser Stadt. Nun will sie die Politik damit konfrontieren - und der Sohn, der immer so skeptisch nachfragt, was die Erwachsenen fürs Klima tun, soll zuschauen. Die Luftverschmutzung hat neben politischen und persönlichen auch gesundheitliche Auswirkungen. Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle, aber auch Diabetes oder Krebs gehören zu nachweisbaren Langzeiteffekten von Schadstoffen in der Luft. Feinstaub, Stickoxide und Ozon zählen laut Studienauswertungen der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin zu den zehn häufigsten Risikofaktoren in Deutschland. Die Weltgesundheitsorganisation schätzte schon 2013, dass der Einfluss von Luftschadstoffen die mittlere Lebenserwartung in Europa um bis zu neun Monate reduzieren könne. Dabei wolle und könne man aus medizinischer Sicht gar nicht abwägen, welcher Schadstoff maßgeblich Schuld ist, sagt Jäger - es sei die Mischung aus allen. Dass München nach wie vor auf Platz eins der deutschen Städte mit der schmutzigsten Luft ist, sorgt den ÄKBV. Als Arzt in München beschäftige man sich "tagtäglich" mit den Folgen.

Die Forderungen des Ärzteverbandes adressiert die Medizinerin an die politischen Entscheidungsträger, die sie am Mittwochabend an einem Runden Tisch versammelt hat. Von den Politikern wünsche man sich ein "viel bewussteres Bekenntnis" zu einer Verkehrswende. München brauche einen "intensiven Ausbau" des öffentlichen Nahverkehrs und der Radwege, denn "so geht es nicht weiter", sagt Jäger.

Dass sich etwas auf Münchens Straßen ändern soll und wird, darauf können sich zwar alle Eingeladenen einigen. Nur über das Wie und vor allem über die konkreten Ausmaße der Änderungen herrscht lautstarker Dissens. Während sich Simone Burger von der SPD ("Klimapolitik darf nicht diskriminieren!") mit Sonja Haider von der ÖDP ("Die Forderungen der Ärzte gleichen unserem Programm!") nach Herzenslust über die Sinnhaftigkeit einer City-Maut streiten, hält Hans Theiss von der CSU und selbst praktizierender Arzt gegen die umweltpolitischen Forderungen des ÄKBV: "Das können wir uns alles gar nicht leisten." Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs und Peter Frei vom Bayerischen Umweltministerium bleiben bei ihren Aussagen gemäßigter. Man habe bereits viel erreicht, ein neues Netz an Radwegen ist in Planung und auch die Messwerte der Luft seien zuletzt etwas heruntergegangen. Aber an der Landshuter Allee ließe sich eben auch nicht so viel gestalten, solange die älteren Diesel-Fahrzeuge dort noch fahren.

Die anwesenden Ärzte, die ihren Verband auch als "Münchens Ärzteparlament" verstehen, zeigten sich mäßig überzeugt. Die Dringlichkeit, die sie umtreibt, fasste der Kinderarzt Stephan Böse-O'Reilly so zusammen: Ein Kollege sei kürzlich Großvater geworden. Er freue sich für ihn, aber wenn er an die Zukunft seines Enkels denkt, habe er "Angst und Sorge". Sein Appell an die Politik: "Überprüfen Sie Ihre Vorschläge auf die Enkel-Tauglichkeit."

© SZ vom 22.02.2020
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