Schulen:Wie Schüler andere Kinder den Umgang mit Facebook lehren

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München:  Fridtjof-Nansen-Realschule / PK 'Netzgänger 3.0'

Annika und Julian schulen Schüler im Umgang mit Medien.

(Foto: Johannes Simon)

Beim Münchner Projekt "Netzgänger 3.0" bringen ältere Jugendliche jüngeren die Themen "Neuen Medien" und "Soziale Netzwerken" näher. Bald soll es auf ganz Bayern ausgedehnt werden.

Von Jacqueline Lang

Annika und Julian haben neuerdings viel mit Fünft- und Sechstklässlerinnen zu tun. Und mit deren Smartphones. Ein solches besitzen mittlerweile fast alle von ihnen. "Nur ein Junge hat keins. Der wird aber auch fertig gemacht", berichtet Annika. Und wenn sie und ihr Teamkollege Julian dann vor den Schülern noch über Cyber-Mobbing reden, machen die beiden Zehntklässler die Erfahrung, dass ihre Zuhörer bei diesem Thema stets am aufmerksamsten sind.

Julian glaubt, dass das daran liegt, dass viele selbst schon einmal Opfer von Mobbing waren oder Freunde haben, die damit zu kämpfen haben. Seine Aufgabe ist es, sie dafür zu sensibilisieren, dass die Grenzen zwischen einem Witz und Mobbing sehr fließend sein können, dass die Wirkung stark von den beteiligten Personen abhängt. Wichtig sei auch zu erkennen, dass es nicht nur Täter und Opfer gebe, sondern auch Mitläufer und Beobachter, sagt Birgit Treml, die stellvertretende Geschäftsführerin von Condrobs. Zivilcourage sei es dann, die den Unterschied ausmache.

Von Condrobs sind Annika und Julian geschult worden, einen Tag lang, nun sind sie selbst Experten und leiten Workshops für Schüler der fünften und sechsten Klasse, um deren Medienkompetenz zu verbessern. "Netzgänger 3.0" heißt das Projekt, das in diesem Jahr an zwölf Münchener Schulen gestartet wurde - sieben Realschulen, vier Gymnasien und eine Gesamtschule. Das Besondere daran ist aber nicht die Thematik, sondern der Ansatz, genannt "peer-to-peer": Nicht Lehrer sensibilisieren die Schüler für den bewussten Umgang mit neuen Medien und in sozialen Netzwerken, sondern andere Schüler. Statt dem belehrenden Zeigefinger soll so ein Austausch auf Augenhöhe möglich werden. Julian und Annika sind zwei der insgesamt acht "Peers" an der Fridtjof-Nansen-Realschule in Haidhausen.

Das Projekt "Netzgänger 3.0" wird vom Verein Condrobs, der sich auf Suchthilfe und Prävention spezialisiert hat, und der Techniker-Krankenkasse getragen. Deren Bayern-Chef Christian Bredl sagt, Medien und vor allem Smartphones hülfen zwar dabei, immer effizienter zu sein, würden aber auch das Risiko der Abhängigkeit in sich bergen. Diese Abhängigkeit und der Missbrauch von Medien könnten bei jungen Menschen zu psychischen Problemen führen. "Deshalb setzen wir uns mit dem Präventionsprojekt Netzgänger 3.0 dafür ein, dass Kinder früh lernen, sich in der digitalen Welt zurechtzufinden", sagt Bredl.

München:  Fridtjof-Nansen-Realschule / PK 'Netzgänger 3.0'

Birgit Treml von Condrobs betreut Schüler im Projekt "Netzgänger 3.0".

(Foto: Johannes Simon)

Ähnlich sieht das auch die bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU), die die Schirmherrschaft übernommen hat. Sie selbst sei noch in der medialen Steinzeit aufgewachsen, wie sie es nennt, aber gerade deshalb findet sie es sinnvoll, dass nicht Erwachsene die Tutorien leiten, sondern Jugendliche. Weil sie nicht selten mehr Erfahrung mit der Nutzung von Medien haben als Erwachsene, informieren die "Peers" auch die Eltern der teilnehmenden Schüler bei Elternabenden über den Umgang mit Medien. Mit den Kindern selbst bearbeiten sie vier Themenblöcke: Soziale Netzwerke, Cyber-Mobbing, virtuelle Spielwelten und Smart im Netz.

Beim Thema Soziale Netzwerke ist eine bei den Kindern beliebte Aufgabe die "Smartphone-Ampel". Sie sollen entscheiden, in welchen Situationen die Nutzung von Smartphones und Tablets angemessen ist und wann nicht. Dabei, so berichten es Annika und Julian, äußerten die Schüler häufig den Wunsch, dass auch ihre Eltern das Handy beim gemeinsamen Abendessen beiseite legen. "Medienkompetente Kinder brauchen medienkompetente Eltern", sagt Treml.

Wichtig ist ihr an dieser Stelle zu unterscheiden zwischen dem Beherrschen von Medien und dem verantwortungsbewussten Umgang damit. Den müssten auch Erwachsene teilweise noch lernen, weiß Julian: "Es gibt Eltern, die sind sehr informiert, aber manche sind nicht mehr auf dem neuesten Stand." Deshalb soll das Projekt "Netzgänger 3.0" auch Schüler, Lehrer und Eltern an einen Tisch und auf den gleichen Wissensstand bringen. In diesem Jahr wurden in München 140 Peers ausgebildet, die 1500 Schüler betreut haben. 2017 soll das Projekt im ganzen Freistaat angeboten werden.

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