Unterricht aus der Ukraine:Volles Hausaufgabenheft

Lesezeit: 2 min

Mit Hilfe eines virtuellen Klassenzimmers geht der elfjährige Benjamin noch immer in Dnipro in die Schule.

Von Nicole Graner, München

Mathe, ukrainische Literatur, ukrainische Geschichte, Englisch, Gesundheit, Kunst... Benjamin und Mama Katharyna überlegen kurz. Und weiter geht's. Informatik, Kunst, Musik. Beide zählen die Schulfächer auf, in denen der Elfjährige - trotz des Krieges - unterrichtet wird. Allerdings nicht in der Ukraine, sondern seit fast vier Wochen in München. Die Lehrer seiner Schule in Dnipro wollen so etwas wie Unterricht aufrecht erhalten, den Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern einfach nicht verlieren. Katharyna, 41, findet das gut. Benjamin dagegen stöhnt. "Viel zu viele Hausaufgaben!"

Und tatsächlich. Die Lehrer sparen wirklich nicht daran. Auf dem Handy deutet Katharyna auf eine Mail nach der anderen. Alles Hausaufgaben, die Benjamin noch erledigen muss. Über ein digitales Klassenzimmer halten die Schülerinnen und Schüler Kontakt zu den Lehrern. Es gibt Unterricht, es können Fragen gestellt werden. Und im "Homebook" steht, was für Arbeiten zu erledigen sind. Alles über das Handy zu machen, stellt Katharyna immer wieder vor Herausforderungen. "Natürlich wäre ein iPad toll", sagt die 41-Jährige, die viel mit ihrem Sohn zusammen lernt, "da wäre vieles leichter. Aber: Es geht schon irgendwie." Paulina, Benjamins 15-jährige Schwester, geht bereits in München in die Schule und der dreijährige Bruder Daniel in den Kindergarten. "Da bleibt Zeit für Benjamin", sagt Katharyna.

Benjamin versucht, alles an den Wochentagen zu erledigen. Und am Samstag schon für die nächste Woche vorzuarbeiten. Er zeigt seiner Besucherin die Arbeitshefte. Da könnte jetzt natürlich alles drin stehen, man kann es nicht lesen, denn es ist kyrillisch. Aber in Mathe ist unverkennbar Bruchrechnen dran. Seite um Seite. Zum Glück mag Benjamin das Fach, sagt er. "Und auch ukrainische Literatur." Alles, was Benjamin gemacht hat, wird abfotografiert und ins Homebook zurückgeschickt. Zensuren gibt es wohl auch. Von eins bis zwölf. Zwölf ist eine eins plus.

Viele Lehrer unterrichten von der Schule in Dnipro aus, andere von zu Hause oder einer anderen Stadt. "Manchmal", sagt Katharyna, "muss der Unterricht unterbrochen werden". Weil Fliegeralarm ist und die Lehrer schnell in die Luftschutzkeller gehen müssen. Wie es weitergeht? Katharyna weiß es nicht.

Nach den Osterferien kommt Benjamin in München in die Schule und lernt erst einmal Deutsch. Er strahlt. Denn er hofft vor allem eines: Dass er dann weniger Hausaufgaben von seinen Lehrern aus der Ukraine bekommt.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB