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Typologie von Mietern:Haben Sie doch ein Herz für Selbständige!

"Helle zwei Zimmer, Küche, Bad, Balkon in Haidhausen zu vermieten, 53 qm, 945 Euro plus Nebenkosten" - so liest sich der Traum des ordentlich verdienenden Single-Bewerbers auf dem Münchner Wohnungsmarkt. Wer sich meldet? Eine Typologie, recherchiert während 20 Wohnungsbesichtigungen.

Katja Riedel

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Mieter Typologie

Quelle: Dennis Schmidt

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"Helle zwei Zimmer, Küche, Bad, Balkon in Haidhausen zu vermieten, 53 qm, 945 Euro plus Nebenkosten" - so liest sich der durchschnittliche Traum des ordentlich verdienenden Single-Bewerbers auf dem Münchner Wohnungsmarkt. Wer das inseriert, kann sich seinen Traummieter aussuchen. Wer sich meldet? Eine Typologie, recherchiert während 20 Wohnungsbesichtigungen.

Der Anzugträger

Er kommt sehr spät, schreitet an der Schlange vorbei, direkt zum Makler. Das Exposé blättert er auf dem iPad hervor (früher: Klarsichtfolie, Farbausdruck). Ein, zwei Blicke, kurzes Abschätzen. Passt. Selbstbewusst fragt er den Makler, bis wann er ihm seine Selbstauskunft samt drei bis sechs Lohnabrechnungen mailen soll. Er will allein einziehen, ja. Wie lange er dort wohnen will? Egal. Die Maklercourtage, doppelte Mieten und den Umzug zahlt eh der nächste Arbeitgeber.

Das denkt der Makler: Bestens. Je höher die Fluktuation, desto besser das Maklergeschäft. Und schuldig bleibt der keine Wohnungsmiete. Dafür nervt er bei der Abrechnung - weil er über jeden Punkt diskutiert und Sanierungen einfordert.

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Die Akademikerin um die 30

Sie ist ordentlich frisiert, kommt pünktlich, lächelt einnehmend. Die Wohnung wäre es - unbesehen. Cafés, Altbauumgebung, ein bisschen teuer, aber das kriegt sie hin. Etwa die Hälfte des Einkommens ginge monatlich drauf, aber das ist es ihr wert. Schließlich sind die Zeiten vorbei, in denen sie mit Elternbürgschaft nach 1-Zimmer-Ställchen für Studenten gesucht oder sich dem WG-Casting gestellt hat. Jetzt soll's was Schönes sein, groß genug, um da vielleicht bald auch zu zweit zu wohnen. Ihre Lohnabrechnungen hat sie schon in Kopie dabei, dazu noch einen Kontoauszug.

Das denkt der Makler: Wenn ein Anzugträger ihr Konkurrenz macht: schlecht. Ohne Anzugträgerkonkurrenz: naja. Frauen um die 30, die bleiben nicht lang allein. Und bekommen eh bald Kinder, das weiß doch jeder.

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Das Pärchen

Die Wohnung ist klein, aber die erste gemeinsame Wohnung darf nicht zu teuer sein - wenn es doch nicht passt, könnte sie einer allein bezahlen. Sie trägt Perlenohrringe, einen Paschminaschal und beige Loden, er kommt aus dem Büro (Karohemd, Sakko, Designerjeans). Sie sehen vor allem sauber aus und flüstern während der Besichtigung miteinander. Den Makler fragen sie nach der Parkplatzsituation im Viertel, nach Einkaufsmöglichkeiten (auch Bio) und nach der Heizkostenabrechnung. Sie freuen sich, dass die Wohnung renoviert wird und fragen, ob man einzelne Wände auch in anderen Farben als weiß streichen kann. Dabei lächelt sie ihn verliebt an.

Das denkt der Makler: Mit 53 Quadratmetern ist die Wohnung fast zu eng, um ein solches Musterpärchen auf Dauer glücklich zu machen. Und wenn Nachwuchs kommt, steht ein sperriger Kinderwagen mehr im Treppenhaus. Andererseits: Laute Partys feiern die nicht.Und die Miete ist sicher.

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Die Kreative

Sie kommt, als alle anderen schon weg sind und der Makler die Wohnung gerade zusperrt. Als sie ihren Puschelmantel öffnet, ist nicht zu überriechen, dass sie raucht. Begeistert schreitet sie durch die Räume und fragt, ob man notfalls auch schon ein paar Tage früher rein könne. Dass Haustierhaltung nicht genehmigt ist, stellt sie vor ein Problem: Wohin mit den sieben Meerschweinchen? Drei Lohnabrechnungen hat sie nicht dabei, dafür bittet sie den Makler darum, ein Herz zu haben für Selbständige.

Das denkt der Makler: Soll sie halt die Selbstauskunft ausfüllen, ich sortiere die dann ins Altpapier.

© SZ vom 07.12.2011/tob
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