TSV 1860:"Die Westkurve ist Heimat"

Warum hält man einem Chaos-Verein wie dem TSV 1860 über Jahrzehnte die Treue? Sechzger-Fans erzählen über den Mythos Löwen und was für sie Heimat bedeutet. 

Protokolle von Sebastian Beck und Vinzent-Vitus Leitgeb

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Ferdinand Pongratz, München

Ich wohne im Hasenbergl. Beruflich mache ich Umzüge, ich schleppe Möbel und Kisten. Ein harter Job, aber man gewöhnt sich dran. Die Westkurve ist Heimat. In der Westkurve, da habe ich einfach mal nichts zu tun, da kann man sich von der Stimmung und den Gesängen mitreißen lassen. Bei den Sechzgern war immer schon so eine Mentalität im Stadion drin, das ist phänomenal. Sechzig ist schon noch ein Arbeiterverein, anders als die Bayern. Ich bin Löwenfan seit 37 Jahren, seitdem mein Papa mich zu einem Benefizspiel mitgenommen hat - Sechzig gegen den TSV München Ost. In dieser Saison war ich in jedem Heimspiel und bei 90 Prozent der Auswärtsspiele. Ich habe Auf- und Abstiege mitgemacht. Fußball gehört inzwischen zu meinem Leben dazu, ich kann es mir anders gar nicht mehr vorstellen. Früher bin ich mit dem Hut auch zum Arbeiten gegangen, die ganzen Sticker habe ich fast alle von Kunden bekommen.

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Was treibt Fußballfans ins Stadion? Warum hält man einem Chaos-Verein über Jahrzehnte hinweg die Treue? Sechzger-Fans erzählen über den Mythos Löwen und was für sie Heimat bedeutet.

Erich "Helmi" Bittner, Windach

Ich bin gelernter Maurer, aber 1991 hatte ich auf dem Weg zur Arbeit einen Unfall. Seitdem lebe ich von Erwerbsunfähigkeitsrente - das sind 550 Euro im Monat. Halbtags arbeite ich in einer Werkstätte in Landsberg. Sechzig ist mein ganzes Leben. Letztes Jahr wäre ich fast gestorben. Ich hatte einen großen Abszess im Nacken und lag zwei Monate lang in Murnau im Krankenhaus. Der Wille, zu Sechzig zurückzukehren, hat mich gerettet. Das hat mich motiviert. Die Partien gegen Bielefeld und den Karlsruher Sportclub habe ich zwar verpasst, da saß ich noch im Rollstuhl. Eine Woche nach meiner Entlassung, ich glaube, es war gegen Union Berlin, da habe ich aber schon wieder getrommelt. Jetzt beginnt die Winterpause, das ist die schlimmste Zeit für mich. Ich würde gerne mal ins Trainingslager mitfahren, aber wie soll ich das machen von meinem Geld? Ich kann es mir einfach nicht leisten. Der glücklichste Moment als Fan war für mich der Bundesligaaufstieg 1994. Ich bin zum Auswärtsspiel nach Meppen mitgefahren und saß die ganze Zeit am Spielfeldrand. Danach feierten wir auf dem Marienplatz und ich durfte sogar mit auf den Rathausbalkon und ans Mikrofon.

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Klaus Seidler, Oberndorf

Das Tattoo ist fürs Herz gemacht. Es macht mir auch nichts aus, dass ich es nicht sehe, denn ich weiß, dass es hinten drauf ist. Es war zum 50. Geburtstag gedacht. Da habe ich mir gesagt: Jetzt mache ich mir den Buckel voll mit Löwen! Meine Frau, die im Herzen einen Rote ist, war am Anfang natürlich sehr begeistert von der Idee. Sie hat zu mir gesagt: Du spinnst ein bisschen. Aber jetzt hat sie sich damit abgefunden. Ich bin dafür nach Tschechien gefahren, da kenne ich einen guten Tätowierer aus Ungarn. Alleine acht Stunden dauert es, bis die Außenkonturen gestochen sind. Insgesamt haben wir sechs Sitzungen von jeweils fünf bis sieben Stunden benötigt. Löwe kann man nicht werden, als Löwe wird man geboren und als Löwe stirbt man. Sechzig ist für mich die zweite Familie: Als Erstes kommen meine Frau und meine Tochter und der Hund, dann kommen nur noch die Löwen. Im Grünwalder Stadion bin ich daheim, da ist Tradition, da ist Stimmung und da gehören wir hin. Giesing ist wieder Heimat, da steigst du aus der U-Bahn aus, gehst zum Trepperlwirt, ins Schönstüberl, ratscht ein bisserl und hast eine Riesengaudi. Und fast jeder kennt jeden.

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Andreas De Biasio, München

Weil ich komplett blind bin, ist für mich die Stimmung im Stadion besonders wichtig. In der Arena war alles so auseinandergezogen und weit weg. Auch im Olympiastadion. Im Grünwalder ist alles enger, lauter, intensiver. Ich kann die Spieler am Platz hören, während mein Vater mir das Geschehen kommentiert. Es ist schön, dass die Stadt über eine Erweiterung nachdenkt. Von mir aus könnte sie auf 25 000 aufstocken. Das Fanpotenzial ist da, trotz des Abstiegs, der sportlich natürlich ein brutaler Schlag war. Aber der Anspruch, höherklassig zu spielen, ist immer noch da. Auch in den Jugendmannschaften. Das ist extrem wichtig. Mein erstes Spiel habe ich mit zwölf Jahren besucht, seit 2000 bin ich stärker involviert. Seit zwei Jahren arbeite ich sogar für die Löwen. Ich koordiniere soziale Projekte im Nachwuchs. Von der U9 bis zur U21 - jede Mannschaft muss sich einmal im Jahr gemeinnützig engagieren.

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George Philipp, München

Das erste Spiel, das ich gesehen habe, war im Jahr 2000: Bayern gegen Sechzig. Da war ich mit meiner Mutter im Olympiastadion. In der Saison 1999/2000 haben die Sechzger sowohl das Hin- als auch das Rückspiel gewonnen. Regelmäßig gehe ich seit fünf oder sechs Jahren zu den Spielen, davor konnte ich mir keine Karte leisten. Was mir im Grünwalder Stadion besonders gefällt: Die Fans halten wirklich zusammen. Einmal hatte ich eine Wette verloren, da musste ich zu einem Spiel der Bayern. Null Stimmung. Wenn nicht mal alle Fans die eigene Hymne singen können, das ist schon peinlich.

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Edward Sladkowski, Neuburg an der Donau

Ich bin der Vorstand der Euro-Sechzger aus Neuburg an der Donau. Wir haben so um die hundert Mitglieder. Wenn es geht, fahre ich fast zu jedem Spiel, auch auswärts. Der größte Moment für mich war die Champions-League-Qualifikation gegen Leeds im Jahr 2000. Wir sind zwei Tage hin- und zurückgefahren. Was für ein super Spiel! Den weißblauen Pulli hat mir 1996 die Monika vom Fanclub gestrickt, den trage ich immer bei kaltem Wetter, auch neulich beim Unentschieden in Rosenheim. Ich stehe zum Verein in guten wie in schlechten Zeiten, so bin ich halt. Jetzt fangen wir eben in der Regionalliga wieder von vorne an.

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Paul Kubus, Teublitz

Am 18. März 1961 haben wir daheim gegen den Meidericher SV gespielt. In der Pause machten sie dann die Durchsage, dass ich Vater eines Sohnes geworden bin - Paul. Da haben die Leute applaudiert. Und bei meiner Tochter Carola war es genauso. Sie kam an meinem Geburtstag zur Welt, das war am 27. September 1969. Da war ich auch im Stadion. Danach bin ich mit dem Radi im Stüberl gesessen, er hat mir sein Torwarttrikot geschenkt, das halte ich immer noch in Ehren. Anschließend ist der ganze Fanbus ins Krankenhaus gefahren. Jetzt bin ich schon 82, aber im Stadion erlebe ich immer noch meine glücklichsten Tage. Um mich herum stehen im Block immer die gleichen Leute beieinander. Das ist wie eine richtige Familie. Ich werde weiter zu allen Spielen fahren. Meine Lieblingsvorstände waren der Karlheinz Wildmoser und der Dieter Schneider, mit denen war ich persönlich befreundet. Vier Wochen bevor der Wildmoser starb, hat er mir noch ein Weißbierglas geschenkt und eine freundliche Widmung dazu.

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Oliver Christian, München

Ich bin gebürtiger Münchner und gelernter Industriekaufmann. Schon als kleiner Bub bin ich ins Stadion gegangen - erst ins Grünwalder, dann ins Olympiastadion und die Arena, jetzt wieder ins Grünwalder. Natürlich ist das Stadion nicht auf dem neuesten Stand im Vergleich zu anderen Arenen, aber vielleicht ist genau das das Besondere daran. Und es ist auch der Ort, an dem wir unsere größten Erfolge gefeiert haben. Die lange Zeit in der Allianz-Arena war schwierig, wir sind dort einfach nicht auf die Füße gekommen. Wir waren im Niemandsland. Viele Fans, die zum alten Stamm gezählt haben, sind in der Zeit weggeblieben. Jetzt kommen sie wieder. Generell aber ist das Publikum in der Westkurve jünger geworden, sie legen mehr Wert auf Choreografie, was ich sehr gut finde.

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Peter Ringlstetter, Eching

Ich bin gebürtiger Münchner und Bierfahrer bei Hacker und Paulaner. So um die zwölf Tonnen am Tag räume ich da schon runter vom Lastwagen. Alles mit den Händen! Es ist ein harter Job, aber auch mein Traumberuf. Ich teile mir die Touren ein, wie ich Lust habe, und zwischendrin kann man auch mal einen Schwatz halten. Sechzig ist einfach immer noch ein Arbeiterverein und für mich Religion und Kult. Als wir damals aus dem Grünwalder Stadion in die Arroganz-Arena gezogen sind, haben wir nach dem letzten Heimspiel einen Sarg durch Giesing getragen. Eine richtige Demo mit Polizei und so. Giesing war danach tot. Jetzt aber kommt wieder Leben rein. Es ist ein Viertel, in dem noch ganz normale Menschen wohnen. Manni Schwabl hat mal ein geiles Konzept für den Stadionumbau vorgelegt. Aber daraus ist nichts geworden. Wir sind halt nicht die Großen.

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Philipp Groß, Wiesenfelden

Ich arbeite in Wiesenfelden als Elektriker, Hausinstallation, Rohbau - alles. Daheim haben wir einen Fanclub mit etwa 120 Mitgliedern. Wir fahren zu den Spielen, im Sommer grillen wir immer ein Spanferkel und am 1. November ist Saustechen: Der Wirt unseres Vereinslokals ist zugleich Metzger, er schlachtet dann zwei Schweine, es gibt Presssack, Blut- und Leberwurst für alle. Allein in diesem Jahr bin ich seit Juli bereits 5000 Kilometer für die Spiele gefahren. Bis zur Stadionadresse sind es 168 Kilometer. Manchmal leidet meine Freundin darunter, aber Sechzig ist fast schon so etwas wie eine Familie. Wenn daheim eine Party ist, dann gehe ich lieber früh ins Bett, damit ich am nächsten Tag fürs Stadion fit bin. In diesem Jahr war ich zum ersten Mal im Grünwalder Stadion: Die Leute sind super drauf, der Zusammenhalt, die Stimmung passt. Das war schon eine Gänsehautstimmung.

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Volker Maschke, Herzogenaurach

Ich wohne in der Nähe von Herzogenaurach, nach München sind es von hier aus knapp 200 Kilometer. Ich hatte sogar schon fürs Olympiastadion eine Dauerkarte. Als ich den Führerschein bekam, bin ich zum ersten Mal selbst nach München mit dem Auto gefahren: Es war die Bayernliga-Partie gegen die SpVgg Weiden an einem Gründonnerstag , da lagen 20 Zentimeter Schnee, aber das Stadion war mit 32 000 Zuschauern ausverkauft. Wir haben 2:0 gewonnen. Jetzt ist die Stimmung zwar auch wieder gut, aber mit den 32 000 von früher kann man es nicht vergleichen. Sechzig ist schon ein Kultverein. Ich habe einen Kellerraum mit weißblauem Kicker, das ganze Zimmer ist mit Postern tapeziert. In einer Vitrine habe ich den Teller mit den ganzen Legenden drauf. Was die Fanartikel betrifft, gibt es nichts, was ich nicht besitze. In der Allianz-Arena war ich nicht mehr so oft. Jetzt pusht mich mein eigener Sohn wieder, der ist noch verrückter als ich. Deshalb haben wir zwei Dauerkarten.

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Markus Imhof, Meitingen

Der Verein hat mein Leben verändert, meine Familie, einfach alles. Schon deshalb hat er einen ganz hohen Stellenwert für mich. Vor 15 Jahren habe ich meine Frau bei einem Auswärtsspiel in Kaiserslautern kennengelernt. Sie ist auch Sechzger-Fan. Früher bin ich regelmäßig zu Heim- und Auswärtsspielen gefahren, aber jetzt sind Kinder da, ich schaffe im Moment nur die Heimspiele. In den letzten Jahren haben wir unser Ich verloren. Als Fan ist man sich vom Verein oft alleingelassen vorgekommen. Jetzt sind wir zurück zu den Wurzeln. Wo gibt es denn das: Die Sechzger haben einen Zuwachs an Mitgliedern, obwohl sie in die Regionalliga abgestiegen sind. Das Stadion ist dauernd ausverkauft. Man sieht: Wir brauchen endlich wieder mal einen ehrlichen Fußball mit jungen und hungrigen Spielern, das ist der richtige Weg. Und der Biero ist als Trainer ein richtiger Leitlöwe. Ich hoffe, wir können diesen Weg beibehalten. Viele sagen, sie möchten am liebsten gar nicht mehr aufsteigen, ich aber finde, das Ziel muss der Aufstieg sein.

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Hans-Peter Weis, Otterfing

Als ich in der Schülermannschaft des TSV Otterfing spielte, durften wir gegen 1860 antreten. Ich war im Tor und habe ein bisschen gehofft, dass ein Löwen-Scout mich entdeckt. Das war leider nicht so. Wegen meines Meniskusschadens musste ich früh meine Fußballschuhe an den Nagel hängen. Mein Heimatort Otterfing war und ist aber immer noch ein blaues Nest. Im Juni 1997 habe ich dort einen Fanclub gegründet. Seither habe ich auch meine Kutte. Früher war es noch gang und gäbe selbst Aufnäher zu entwerfen und sticken zu lassen. Die haben wir dann im Stadion mit den anderen Blauen getauscht. Seit zehn Jahren gibt es das eigentlich nicht mehr. Schade. Die Kutte war trotzdem fast in sämtlichen Stadien der Bundesliga und der zweiten Liga. Der Aufstieg in Meppen 1994 war natürlich einmalig. Das ganze Löwenrudel hat die Autobahn unsicher gemacht, danach haben wir drei Tage gefeiert. Ich bin von Geburt an Löwe. Ich war noch nie etwas anderes.

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Johanna Kern, Au in der Hallertau

Das Dirndl ziehe ich nur bei Oktoberfest-Spielen ins Stadion an. Vor 40 Jahren bin ich zum ersten Mal mit meinem Mann zu den Löwen ins Grünwalder Station gefahren. Vorher konnte ich mit Fußball gar nichts anfangen. Jetzt bin ich schon 25 Jahre Mitglied beim TSV 1860 und habe seither auch eine Dauerkarte. Zu den Heimspielen fahre ich mit meinem Fanclub, den Holledauer Löwen, immer mit 50 bis 70 Personen. Meistens fahre ich selbst den Bus zum Stadion. Seit 15 Jahren habe ich den Bus-Führerschein. Jetzt, wo wir wieder im Grünwald spielen, dauert die Anfahrt ins Stadion fast doppelt so lange, mitten durch die Stadt. Das Parken war am Anfang schwierig. Aber die Atmosphäre bei den Spielen ist super, da wird geschimpft und gejubelt. Schön ist auch, dass ich meine Löwenfrauen, die ich noch vom Olympiastadion her kenne, jetzt wieder öfters treffe. Einmal Löwe, immer Löwe.

© SZ.de/bica
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