Kritik:Keck am Klavier

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Zweimal Tschaikowsky mit den Münchner Philharmonikern

Von Sarah Maderer, München

Gleich zwei von Tschaikowskys Klavierkonzerten brachten die Münchner Philharmoniker auf die Bühne der neuen Isarphilharmonie: Das Klavierkonzert Nr.2 in G-Dur darf beide Konzertabende eröffnen, sein bekannterer Vorgänger in b-Moll die Sonntagsmatinee, jeweils gefolgt von Bruckners 6. Symphonie. Letztere ist ähnlich vom Underdog-Effekt betroffen wie Tschaikowskys Zweites Klavierkonzert; in ihrer Gesamtheit kann sie weder der mittleren noch der späten Schaffensphase Bruckners eindeutig zugeordnet werden, in ihren Einzelsätzen strotzt sie vor Widersprüchen und Gegensätzen. Vielleicht rangiert sie in der Rezeption deshalb nicht unter den Publikumslieblingen, Bruckner selbst bezeichnete sie jedoch als seine "keckste" Symphonie.

Mit den kecken Triolen im Pianissimo sind die Anfangstakte der Symphonie keine leichte Aufgabe für die Violinen, jegliche Asynchronität legt die hervorragende Akustik des neuen Saals schonungslos offen. Nach dem erhabenen "Majestoso" finden sich die Streicher im zweiten, "sehr feierlichen" Satz in einem hochromantischen Vibrato zusammen, wobei besonders die Präzision und Einheit der Bassgruppe aufhorchen lässt. Konnte das Publikum während der ersten beiden Sätze noch in einem Klangteppich aus dicht-verwobenen Motiven baden, unterbreiten ihm Scherzo und Finale eher einen klanglichen Flickenteppich mit gegensätzlicher Dynamik, Motivik und Tonalität.

Seine Finger laufen, als wären es mehr als zehn

Nicht weniger stark fordert Tschaikowskys Klavierkonzert Nr.2 heraus, jedoch weniger den Hörenden als den Spielenden. Der junge Franzose Alexandre Kantorow hat sich dieser Aufgabe angenommen. Ohne zu hetzen bezwingt er das irre Tempo des ersten Satzes, lässt seine Finger über die Klaviatur laufen, als wären es mehr als zehn. Zuweilen lehnt er sich genießerisch zurück, pflegt engen Kontakt zu Konzertmeisterin Naoka Aoki, die beherzt führt und ihre Stimmgruppe zu gemeinsamen Einsätzen motiviert. Mit warmem Ton und viel Gefühl gestaltet sie den Solopart des zweiten Satzes, bildet eine Einheit mit Kantorow und dem Solo-Cellisten Floris Mijnders, sodass man hier eher von einem Trio mit Orchesterbegleitung sprechen kann als von einem Solisten mit Orchester. Beim begeisterten Publikum bedankt sich Kantorow gleich mit zwei Zugaben.

Der gerade mal 22 Jahre alte Mao Fujita aus Tokio gibt sich in Tschaikowskys Erstem Klavierkonzert am Sonntagvormittag ganz dem Orchester hin. Mit direktem Blickkontakt begleitet er seine Mitmusiker, wiegt sich mit den Orchesterparts und übernimmt Phrasen wie ein demütiges Scharniers zwischen Flügel und Orchester. Dabei spielen seine Hände nie im rein technischen Autopilot, Kopf und Empfinden sind stets hörbar verbunden. Fujita gelingt es, all seine Energie über die Handgelenke zu kanalisieren und in seine Finger je nach Phrasierung abfließen zu lassen, ehe diese Energie unmittelbar für den nächsten Ton recycelt wird. Neben so viel Virtuosität ist ihm vor allem die Spielfreude anzusehen, die sich auf das Orchester überträgt. Das Publikum belohnt seine Leistung mit tosendem Applaus, noch ehe der letzte Ton dem Flügel ganz entsteigen konnte.

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