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Trudering:Verwurzelt und verbunden

Die Initiative "Rettet die Unnützwiese" hat die Grünfläche erfolgreich vor Bebauung bewahrt. Nun will die Stadt das Areal aufwerten, einige Anlieger aber empfinden das eher als Zwangsbeglückung

Ein Hektar Gras und zwei Fußballtore, außen herum ein Holzzaun und am Rand einzelne Bäume, in der Ecke ein paar Spielgeräte im Sandkasten - so kennt man die Truderinger Unnützwiese. Geliebt und gerettet von den Anliegern, die vor drei Jahren alles getan haben, um die von der Stadt geplante Randbebauung mit einem Wohnen-für-alle-Projekt zu verhindern. Am Ende hat Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) das Vorhaben gestoppt, ehe es gerichtlich überprüft werden konnte. Das Interesse der Anrainer am Grün in der Stadt ist danach jedoch nicht versiegt, das Kernteam um Stefan Hofmeir startete stadtweit das Bürgerbegehren "Grünflächen erhalten", das mittlerweile 32 000 Münchner unterschrieben haben.

Offen einsehbar und offen für jede Art spontaner Nutzung: So schätzen die Truderinger ihre sonnige Unnützwiese.

(Foto: Renate Winkler-Schlang)

Und die Bürger bringen sich nun auch engagiert ein in die Pläne für eine Umgestaltung ihrer Freizeit- und Frischluftoase an der Unnützstraße, die der Bezirksausschuss und die CSU-Fraktion im Stadtrat gefordert haben. Bei einem Bürgerworkshop am Dienstagabend machten sie dem Baureferat und den Vertretern des beauftragten Planungsbüros Jühling und Partner klar, was sie sich wünschen: keine Rundumerneuerung de Luxe, lieber nur wenige, behutsame Eingriffe. Dass die Schönheitskur laut Wolfgang Mesenich vom Baureferat wohl erst 2022 abgeschlossen sein kann, fanden die Aufhübschungs-Skeptiker eher beruhigend: "Lassen Sie sich ruhig Zeit", rief eine Anliegerin - und viele klatschten Beifall.

Zwei Entwürfe hingen an den Schautafeln im Saal des Truderinger Kulturzentrums. Der Unterschied zeigte sich auf den ersten Blick: Das Bürger-Konzept, ausgearbeitet vom Anlieger und Architekten Helmut Köpf, will das Meiste einfach so lassen, wie es sich für viele Generationen von Truderingern im Alltag bewährt hat, und plädiert lediglich für neue Spielgeräte, Wasser und ein Sonnensegel auf dem Spielplatz sowie weitere Bänke. Das Planungsbüro aber will zusätzlich den Zaun versetzen, das Gelände mit Wegen zerschneiden, einen Rodelhügel und einen Multifunktionsbereich mit Sitzstufen gestalten und zwei Bolzflächen definieren.

Am derzeitigen Ideal orientiert sich der Anliegervorschlag (linke Seite), das Konzept des Planungsbüros würde deutlich mehr umgestalten.

(Foto: Moses Omeogo)

Die Stimmungslage wurde bereits deutlich, als Planerin Gisela Schmid von ihrer Bestandsaufnahme berichtete. Auf ihre Einlassung, die Wiese wirke derzeit doch "relativ monoton", schallte ihr spontan ein mehrstimmiges, lautes "Nein" entgegen, sodass Mesenich gleich betonte, man könne auch über eine "Nullvariante" reden.

Die aber will ernsthaft niemand, zumal Magdalena Miehle (CSU), Planungssprecherin im Bezirksausschuss, zu bedenken gab, dass eine Aufwertung auch der Sicherung diene: "Wenn die Stadt hier Geld in die Hand nimmt, sinkt die Gefahr, dass die Wiese erneut Begehrlichkeiten für Wohnungsbau weckt." Eine Einschätzung, der Marcel Metzmeier von der Initiative "Rettet die Unnützwiese" nur zustimmen kann. Er erinnerte daran, dass die Wiese am 9. Januar 100 Jahre alt werde: So lange sei es her, dass sie der Stadt von Martin Vogl, einem Schwager des Immobilienhändlers und Ziegeleibesitzers Matthias Grundler, als Ausgleich für Baurecht in Berg am Laim übertragen wurde - und zwar ausdrücklich für den Grünflächenbedarf.

Die Bürgerinitiative ist der Stadt und den lokalen Politikern dankbar, dass ihre Wiese noch existiert. Das habe man mit einem Kampf erreicht, der stets sachlich geführt wurde. Sachlich und konstruktiv wolle man auch hier diskutieren. Doch an den Thementischen offenbarten Bürger wie Clement Meier ihre Kritik an den Vorschlägen: Die geplanten Wege würden die Wiese zur Radler-Rennstrecke machen, eine kleine Pflegezufahrt für die Stadtgärtner müsse doch genügen. Der Rodelhügel sei unnötig, zudem vermindere er die Einsehbarkeit, die bisher ein Garant dafür war, dass es hier nie Kriminalität gab. Mütter sangen ein Loblied der Chance auf "freies Spiel", die hier noch bestehe. Doch auch mancher Zusatzwunsch keimte auf: Boulespielen wäre schön, erklärten einige. Fledermauskästen, Relaxing-Liegen und Trimm-Geräte für Senioren, Basketball und Tischtennis wurden ins Spiel gebracht.

Die Plaungskonzepte bieten genug Stoff für engagierte Diskussionen.

(Foto: Moses Omeogo)

Kein Problem haben die Bürger damit, dass die Freiwillige Feuerwehr Michaeliburg, die ihr Domizil an der Bajuwarenstraße sanieren muss, für zwei, drei Jahre einen Interimsbau auf die Südost-Ecke der Wiese stellen will.

Wolfgang Mesenich fand es in seinem Resümee "geradezu rührend", wie verwurzelt und verbunden die Bürger mit diesem Fleckchen Grün seien. Er nehme mit, dass sie die weitläufige, offene Qualität behalten wollen. Im nächsten Schritt werde eine Schulklasse der Feldbergschule befragt - die Bürger aber plädierten für Kinder aus der hier zuständigen Forellenschule. Dann müsse man nach Altlasten und Munitionsfunden suchen, so der Experte. Eine ältere Frau erzählte, es habe freilich Bombentrichter gegeben, doch ihr Mann und ihr Bruder hätten die selbst schubkarrenweise verfüllt. Man fühle sich halt verantwortlich für die Unnützwiese - seit jeher.

© SZ vom 24.10.2019
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