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Trudering:Kunst zum Anfassen

Beklebte Äpfel und Birnen, blinkende kleine Maschinen, Bilder von Enten: Im Truderinger Kulturzentrum gibt es viel zu bestaunen und auch zu fragen. Die Entscheidung, wer den Publikumspreis bekommen soll, fällt da nicht leicht

Von Renate Winkler-Schlang, Trudering

Vier ist fast zu wenig. Vier Stimmen hat der Gast bei den Truderinger Kunst-Tagen, mit denen er für den Publikumspreis votieren darf. Doch 23 Künstler präsentieren im Festsaal und im Foyer, in den Gruppenräumen und im kleinen Saal, auf der Empore und sogar in den Fluren ihre Werke. Wieder mutiert das Kulturzentrum über Ostern zu einem Tempel der Kunst. Wie soll man sich da entscheiden, fragt sich nicht nur die Truderingerin Celia, die mit ihren Freunden am Ende noch einmal durchgeht, vergleicht, überlegt. Vor allem erinnert sie sich an Gespräche mit einzelnen Künstlern: Selbstverständlich haben diese Dialoge ihre Wahl beeinflusst, mit dem Hintergrundwissen sehe man manche Skulptur, manches Gemälde genauer an, entdecke Einzelheiten - und seine Liebe zu einem bestimmten Bild.

Schon ein wenig erschöpft sitzt nach fast drei Stunden Gesprächen mit seinen Bewunderern der Werbegrafiker und Künstler Jörg Herz neben seinen kleinen Bildern mit lebensfrohen Menschen beim Yoga, Tango oder auf dem Fahrrad und seinen grob geschnitzten und doch sehr feinen Frauen aus Holz, die eine mit kleiner Federboa und Stiefeln, die andere im weißen Kleid mit rot lackierten Nägeln. Besonders habe ihn gefreut, dass zwei Kinder seine Damen immer wieder umrundeten und dann seine Kennziffer auf den Stimmzettel geschrieben haben.

Sehen, verstehen, diskutieren, genießen: Die österlichen Truderinger Kunst-Tage haben sich längst zum Publikumsmagneten entwickelt

(Foto: Stephan Rumpf)

Peter Gierse, der die vom Truderinger Kulturkreis und dem Verein Bürgerzentrum veranstaltete Schau organisiert, hatte eingangs darauf hingewiesen, dass nur Zettel mit vier verschiedenen Voten zählen. So wird verhindert, dass der gewinnt, der die meisten Freunde mitbringt: Die Jury um Gierse hat aus den 150 Einsendungen Aussteller aus der gesamten Republik eingeladen, da sollen die aus dem Umkreis keinen Vorteil haben im Ringen um den von einem Autohaus gestifteten Preis. Peter Wagner, in beiden veranstaltenden Vereinen stellvertretender Vorsitzender, hatte dem ob all des Lobs verlegenen Gierse eingangs gedankt für seinen Einsatz.

Auch einige Künstler schließen sich dem an. Dass Gierse sie verdonnert hat, die gesamte Dauer der Ausstellung anwesend zu sein, empfinden sie keineswegs als Zumutung, sondern als große Chance auf unmittelbares Feedback. Das betont etwa der Fotograf Peter Euser, aber auch Birgit Dittmar, die sich nach der Erziehung von vier Kindern wieder der Malerei widmen kann und sich freut auf die Resonanz des Publikums auf ihre gemalten poetischen Blicke aus dem Fenster.

Die Werke von Jörg Herz werden umringt

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Gäste haben keine Scheu, Fragen zu stellen, nach dem Hintergrund eines Werks, aber auch schlicht danach, wie es gemacht ist. Hasenleim ist das Geheimnis von Evelyn Heinsdorf. Damit klebte sie etwa ihr filigranes Wespennest aus dünnem Papier. Echte Äpfel und Birnen aus ihrem Obstkorb beklebt die in Trudering lebende Bulgarin Avgustina Stanoeva mit transparenten Schnipseln, schneidet die Früchte wieder heraus, erhält zarte und doch authentische Objekte, macht von diesem Prozess auch Fotografien als Werke mit ganz eigener Aussage. Die Ravensburgerin Miriam Saric hat sich für ihre Bilder an ein altes fotografisches Verfahren erinnert: Sie bringt eine lichtempfindliche Flüssigkeit auf Papier auf und belichtet das Negativ dann im Sonnenlicht - das Ergebnis hängt also auch vom Wetter ab. Fotomalerei nennt Sven Wieder seine Kunst: Es schwirrt einem der Kopf, als der Leipziger erzählt von Polyluxfolien, Retusche, Einscannen und Acryldispersionsfarbe. Vor allem Männer begeistern sich für die leuchtenden und blinkenden "sinnlosen kleinen Maschinen" von Stefan Stock: Man darf sie auch anfassen und an den Schaltern spielen. Er findet sie auf dem Schrott, dem Flohmarkt oder auch auf Ebay.

Doch man erfährt nicht nur, wie, sondern auch, warum Objekte entstehen: Elsa Nietmann etwa wurde nach einem Bandscheibenvorfall auch Feldenkraistrainerin; nun sucht sie in ihrer Holzbildhauerei nach dem Rückgrat der Dinge. Andrea Matheisen will mit ihren Bronzefiguren "die Welt ruhiger" machen, Elizaveta Reich startet ein Projekt mit Miniporträts, "damit die Menschen sich beachtet fühlen", Edna Rasch verliebte sich in Enten als Motiv, als eine Freundin sie bat, ihre Wasservögel zu zeichnen. Nun interessiert sie daran vor allem die Balance.

Elizaveta Reich erklärt gestenreich.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wird sie den Publikumspreis gewinnen, oder doch Hans Waschkau mit seinen verstörenden, grellen Bildern im Foyer, oder Peter Dubina, der seine Bilder eigens weiß rahmte, damit sie auf dem grün gestrichenen Flur zur Geltung kommen? Oder, oder. Die Vielfalt ist groß, die Wahl fällt schwer.

Truderinger Kunst-Tage, Wasserburger Landstraße 32, Karsamstag bis Ostermontag jeweils 14 bis 18 Uhr. Preisverleihung Montag, 18 Uhr.

© SZ vom 31.03.2018
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