Trudering:Geben und auch viel zurückbekommen

Trudering: Ein gutes Team: Pate Harald Föhrenbach (Mitte) hat Farid Ibrahim (links), hier mit Sohn Arun, sehr unterstützen können, als die Familie nach einem Unfall des Vaters vor großen Herausforderungen stand.

Ein gutes Team: Pate Harald Föhrenbach (Mitte) hat Farid Ibrahim (links), hier mit Sohn Arun, sehr unterstützen können, als die Familie nach einem Unfall des Vaters vor großen Herausforderungen stand.

(Foto: Robert Haas)

Seit zehn Jahren unterstützen ehrenamtliche Familienpaten Menschen in schwierigen Lebenslagen. Ob bei der Wohnungssuche, im Bürokratie-Dschungel oder als Ersatz-Oma

Von Ilona Gerdom, Trudering

Wenn Farid Ibrahim geht, dann stützt er sich mit der rechten Hand auf eine Krücke. 2018 hatte er einen Autounfall und brach sich die Wirbelsäule. Für den zweifachen Vater war das eine besonders schwierige Situation. Deshalb ist er froh, dass das Familienzentrum Trudering seine Familie unterstützt hat. Seit 2011 bietet die Einrichtung zusammen mit dem "Netzwerk Familienpaten Bayern" ein Programm an, bei dem Ehrenamtliche im Alltag helfen.

Im Wohnzimmer erinnert ein Rollator neben dem Fernseher an den Unfall. Zwei Operationen hat Ibrahim schon hinter sich. Aber nicht nur deshalb war 2018 ein schweres Jahr. Damals waren er, seine Frau und die zwei Kinder wohnungslos. Die kurdische Familie aus dem Irak lebte im Clearing Haus in Trudering. Zu viert hatten sie gerade einmal zwei Zimmer zur Verfügung. Dass sie nun in einer geräumigen Wohnung am Hirschgarten wohnen, haben sie auch ihrem Paten, Harald Föhrenbach, zu verdanken. Er hat bei der Suche geholfen, die Hausverwaltung kontaktiert, Schreiben aufgesetzt. Auch sonst war der Rentner vor allem Ansprechpartner für bürokratische Belange. Als der heute fünfjährige Sohn Arun krank wurde und in ein Krankenhaus in Starnberg musste, hat Föhrenbach medizinische Dokumente übersetzt. Manchmal musste er selbst erst einmal recherchieren, was die Fremdwörter bedeuten. "Ich war Mittler, Übersetzter und Lotse", erinnert sich Föhrenbach. Gut zwei Jahre hat er die Familie betreut. Auf diesen Zeitraum ist das Patenprojekt begrenzt. Es ist vor allem dafür da, "schwierige Lebenslagen" zu bewältigen.

Die Felder, in denen die Ehrenamtlichen zuarbeiten, sind dabei vielfältig. Einmal in der Woche beaufsichtigen sie zum Beispiel Kinder, helfen im Haushalt, beraten beim Thema Finanzen oder machen Behördengänge. "Es geht nicht nur darum, eine Person zu betreuen", erklärt Sabine Albrecht, die stellvertretende Leiterin des Familienzentrums: "Das Projekt geht in die Familie". Auch wenn die Paten einen Schwerpunkt haben, sei es "viel nachhaltiger", dabei alle Haushaltsmitglieder im Blick zu haben. Dafür werden die Ehrenamtlichen von Albrecht und der Sozialpädagogin Beate Barth geschult. Bei Fragen und Schwierigkeiten stehen sie zur Seite.

Ein klassisches Einsatzgebiet der Patinnen und Paten sind Familien mit Zwillingen. Gerade dann, wenn schon ein Kind in der Familie ist, können zwei Neugeborene eine große Herausforderung sein. So war es in Ulrike Wespels Fall. Noch während der Schwangerschaft wandte sie sich an das Familienzentrum. Da kam Karin Obermeier ins Spiel. "So eine Art Oma" sei sie einmal in der Woche für zweieinhalb Stunden gewesen. Sie holte zum Beispiel die Tochter von der Kindertagesstätte ab, las ihr vor oder machte Puzzles mit ihr. Wenn die Mutter einen Termin hatte, passte Obermeier auf die Kinder auf. "Das war super", sagt Wespel rückblickend. "So musste ich nicht immer alle drei Kinder gleichzeitig jonglieren."

Auch wenn Föhrenbachs und Obermeiers Aufgaben unterschiedlich waren, sind sich einig: Es sei einfach das "schönste Gefühl", anderen zu helfen. Dabei sind Grenzen zentral. "Es ist wichtig, Abstand zu halten", erklärt Albrecht. Sonst bestehe die Gefahr, zu weit zu gehen und sich zu überlasten. Es gäbe auch Fälle, da "muss man raus" aus der Familie. Zum Beispiel bei körperlicher Gewalt. Dann werden Kinder und Eltern aber nicht "fallengelassen", sondern an Hilfseinrichtungen vermittelt. Ohnehin sei das Programm nicht als Ersatz für professionelle Unterstützung zu verstehen. Stattdessen soll es Mütter und Väter entlasten und Kinder stärken. Gerade in einer Großstadt wie München sei das wichtig. Nicht immer gibt es Großeltern oder andere Verwandte, die in schwierigen Situationen einspringen können. Andere Betreuungsmöglichkeiten sind oft knapp. "Familien müssen hier über Gebühr leisten", findet Albrecht. Das sei ein No-Go. Die Patenschaften sollen deshalb ein niederschwelliges Hilfsangebot sein und "positive Aspekte" einer Großfamilie bieten.

Nicht nur die Familien profitieren vom Programm. "Als Familienpate lernt man in jeder Familie neue Sachen", sagt Föhrenbach: "Zuerst ist das Geben. Dann ist man gerührt und überrascht, wenn das auch zu einem Nehmen wird." Die nächste Schulung für Ehrenamtliche findet an drei Wochenenden im Oktober statt. Interessierte können sich am Donnerstag, 16. September, von 18 Uhr an im Familienzentrum am Dompaffweg 10 informieren. Dafür ist eine Anmeldung per Mail an albrechtfzt@aol.de oder telefonisch unter 089 4524 2072 3 notwendig.

© SZ vom 15.09.2021
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