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Theater:Kunst kommt von Leiden

Ein musikalischer Trip ins Innere eines verzweifelten Genies: Am Gärtnerplatztheater hat die Oper "Schuberts Reise nach Atzenbrugg" Premiere. Zu sehen ist sie als Live-Stream, doch ein paar Zuschauer dürfen physisch dabei sein - und staunen

Von Egbert Tholl

Die Dorothea Tumpel, ihres Zeichens eine an der Kunst interessierte Wurstmacherin, hat eine Wesensverwandtschaft entdeckt: Es geht ihr wie dem Schubert. Von ihren Würsten sind die Herren begeistert, aber wenn sie ins "Gefühlsmäßige" hinüberwill, passiert nix. Bei Franz Schubert ist es so, dass ihm die Damen zu Füßen liegen, wenn er Musik macht, von ihm als Person wollen sie aber wenig wissen. Diese Korrelation von Wurst und Kunst, respektive von Wurstmacherin und Kunstmacher, ist eine der schönen Ideen an diesem Abend.

Dieser ist die Uraufführung, pardon, die Stream-Vorabpremiere, von "Schuberts Reise nach Atzenbrugg" am Gärtnerplatztheater, wofür dessen Intendant Josef E. Köpplinger die Komponistin Johanna Doderer und den Autor Peter Turrini zusammenbrachte und das Ergebnis der Auftragsarbeit selbst inszenierte. Das Besondere hieran ist zunächst einmal, dass man der Aufführung im Theater selbst beiwohnen kann. Bislang spendeten am Gärtnerplatz bei den Stream-Premieren einige Mitarbeiter des Hauses Applaus, von außen durfte niemand rein; nun ist eine Handvoll Journalisten zugelassen, wird vorher im Haus getestet und kriegt so schon mal mit, wie das in mittelferner Zukunft mit dem Spielbetrieb laufen könnte - der Testvorgang ist doch ein eher langwieriger.

Schuberts Reise nach Atzenbrugg

Der einsame Künstler und die Qual des Schaffens: Daniel Prohaska als Franz Schubert in der Eingangsszene von Josef E. Köpplingers Inszenierung.

(Foto: Christian Pogo Zach)

Egal, man ist drin. Und man hört das Orchester des Gärtnerplatztheaters und die Stimmen, live, in echt, das allein ist ja heutzutage sensationell. Weniger sensationell ist indes, was man hört. Johanna Doderer schrieb eine Oper über Franz Schubert. Das heißt, da ist auch einiges von Schuberts Musik drin, teilweise in Reingestalt, teilweise verarbeitet, ein Fluidum. Dieses Amalgamieren gelingt Doderer sehr fein. Was sie aber an genuin Eigenem dazustellt, ist oft zwar geschickt gemacht, aber auch ein wenig enervierend in seinen redundanten Strukturen und selten wirklich griffig. Aber auch nicht aufregend. Es funktioniert. Punkt. Es sind auch einige schöne Gesangspassagen darin, tumulthafte Ensembles, viel Rhythmus, von Michael Brandstätter oft mit so grober Lautstärke dirigiert, dass man kaum auf die dereinst volle Orchesterbesetzung warten will.

Freilich: Liest man Turrinis Libretto, ist man verblüfft, wie viel Musik man daraus generieren kann. Turrini kann ein sehr toller Autor sein; hier hat man den Eindruck, er hätte besser ein echtes Stück geschrieben und sich mehr Zeit für die Geschichte genommen als die 40 dürren Seiten Text, die er Doderer lieferte. Entsprechend schnell ist die Geschichte erzählt: Schubert und ein paar Künstlerfreunde machen sich mit einem Klavier und einem Karren auf den Weg nach Atzenbrugg, wo Schubert tatsächlich oft war und es auch ein Schubertmuseum gibt. Mit dabei: Schuberts offenbar einziger echter Freund, Leopold Kupelwieser, von Mathias Hausmann liebenswert verkörpert. Einige halbblasierte Stutzer, die sich großartig vorkommen. Eine Kunstpfeiferin, die hier allerdings mit halbgaren Vokalisen nervt. Das Fräulein Tumpel, dargestellt von der wundervollen Florine Schnitzel. Und: Josepha von Weisborn, die wie oft strahlende Mária Celeng, in die Schubert unrettbar verliebt ist.

Die äußere Handlung ist vernachlässigbar, sieht man von Turrinis protopolitischem, von historischem Interesse befeuerten Eifer ab, die Bühne mit elenden Überbleibseln der Napoleonischen Kriege bevölkert sehen zu wollen, was Josef E. Köpplinger auch sehr elegant löst, wie er überhaupt aus der ganzen Landpartie ein lebendig durchwirktes Treiben macht.

Doch Schuberts Reise ist bei Turrini im Kern eine ins Innere des eigenen Elends. Dieses besteht darin, dass Schubert zwar Musik über Liebe schreiben kann, die ihn in der Gesellschaft der Schubertiaden zu einem Gott erhebt, er selbst aber mit der Liebe so wenig anfangen kann, dass er gegenüber Josepha kein einziges Wort herausbringt und nur ein Held in eigener Fantasie ist. Monokausal und geprägt von einem eher atavistischen Schubertbild steuert Turrini auf die simple Formel zu, dass große Kunst ausschließlich aus dem Leid, der Qual und der Pein entsteht und nur die Sublimation solcher Zustände ist. Vielleicht jedoch gibt es noch einen anderen Grund: Schubert litt an Syphilis, wird, so im Text, mit Quecksilberdämpfen behandelt, war also nicht stets dem Geschlechtlichen abhold gewesen und hat vielleicht einfach in sozialer Hinsicht eine weiche Birne.

Das eigene Schubertbild bleibt von dem Abend ohnehin unberührt, egal, wie aufopferungsvoll sich Daniel Prohaska, eigentlich ein Bühnen-Filou, in Leid und auch Wut hineingräbt. Am Ende ist er eine reine Schmerzengestalt, auf die Notenblätter herabsinken, während das Adagio aus dem Streichquintett erklingt. Je größer die Verzweiflung, desto herrlicher die Musik.

© SZ vom 03.05.2021
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