bedeckt München 23°

Theater:Angst im Eigenheim

Mirjam Loibl inszeniert Kafkas späte Erzählung "Der Bau" als Labyrinth der Sorgen im Volkstheater

Von Egbert Tholl

Vor knapp fünf Jahren wurde diese Geschichte schon einmal erzählt, im Marstall des Residenztheaters. Und zwar ganz allein von Valery Tscheplanowa, was unter heutigen Umständen wie ein perfektes Corona-Format anmutete, rückwirkend, aber das gilt für jedes Solo auf dem Theater. Tscheplanowa stand damals herum als Mischung aus deutscher Michel und Märchenarbeiter, sang "Wochenend und Sonnenschein" und verkörperte erst einmal eine frohgemute Spießernatur, der ein kleines Glück im Leben genügt.

Stärker als jetzt im Volkstheater, wo Mirjam Loibl Kafkas späte Erzählung "Der Bau" auf die Bühne bringt, spürte man damals den Stolz aufs Eigenheim tief unter der Erde, aufs selbsterschaffene Reich, das sich ein Tierchen, einem ausgefinkelten Plan folgend, gebaut hat. Doch kein Plan hilft, wenn eine Angst naht. Das interessiert Loibl. Das Psychotische. Und sie verteilt die Zweifel, Ängste, Spekulationen, Selbstgespräche auf drei Menschen auf der Bühne, so dass alle Fragen, die sich das Tierchen selbst stellt, nun zu Gesprächen werden, Diskussionen über ständig und unablässig vorüberziehende Sorgen.

Der Bau Volkstheater

Unter sich: Steffen Link, Pola Jane O'Mara und Jan Meeno Jürgen (v.l.) krabbeln im vierstöckigen Bühnenbau von Thilo Ullrich herum.

(Foto: Arno Declair)

Interessant dabei: Wenn man von damals noch die faszinierende Stimme von Valery Tscheplanowa im Ohr hat, dann denkt man sich dieses Tierchen, dem Kafka nie eine nähere Bestimmung seiner Art zukommen lässt, unweigerlich weiblich. Dann ist die Stimme von Pola Jane O'Mara mit all ihren schönen Farben und dem Ausdruck präzis gedachter Rhetorik eben die Stimme des Tierchens, und die Stimmen von Jan Meeno Jürgens und Steffen Link, die man gleich zu Beginn hört, ohne dass man die Körper sieht, wirken wie die inneren Stimmen, die sich zu der einen von O'Mara gesellen. Zumindest so lange, bis Aktion anhebt und die drei krabbeln, wuseln und turnen.

Das Tierchen berichtet, zählt seine Vorräte wie Erbsen, trägt sie hierhin und dorthin, keine Anordnung ist von Dauer, es könnte jemand eindringen, alles wegfressen, das Tierchen gleich mit. Schnell mal raus, nach draußen, ins Moos, wo die Beute leckerer, aber schwieriger zu erhaschen ist. Wieder zurück, in die Sicherheit.

Kein Wunder, dass Kafkas Text seit einigen Jahren von den Theatern entdeckt wird, Das Tierchen baut zwar keine Festung Europa, aber innerhalb Europas gibt es längst schon viele kleinere Festungen, und wenn man nicht aufpasst, dann auch bald so kleine wie der Burgplatz im Bau des Tierchens eine ist.

Kafka schrieb die Geschichte in seinem Todesjahr; sie gilt als vollendet, doch Kafkas letzte Lebensgefährtin, Dora Diamant, merkte an, es fehlte da vielleicht doch ein Schluss, der letzte Kampf des Tierchen mit einem dann doch eingedrungenen, anderen Tier. Der dann fürs Tierchen tödlich geendet hätte, wie alle Kämpfe bei Kafka tödlich enden. Die Aufführung endet mit dem letzten aufgeschriebenen Satz: "Alles blieb unverändert." Ein Wunsch.

Doch zu diesem Zeitpunkt sind die drei schutzlos, haben sich ihrer Kutten und Kapuzen entledigt, auch die Grubenlampen sind weg. Drei Menschen auf der Bühne vergraben sich in sich.

Davor waren sie emsig. Angetrieben von der wummernden und sirrenden Musik von Constantin John erkundeten sie den Bau, eine Holzkonstruktion aus vier Etagen, teils offen, teils verkleidet mit einer Berg-Silhouette, ein insgesamt rätselhaftes, tolles Konstrukt von Thilo Ullrich, das seinen Bauplan so wenig preisgibt wie das Tierchen den seines Eigenheims, obwohl es diesen detailliert schildert. Ullrichs Bau ist im Licht von Björn Gerum schon an sich ein Objekt, die Aufführung, in der sich die drei nie körperlich nahe kommen, wirkt dadurch schon, wenn man den Text nur hört, niemanden sieht.

Aber man sieht sie ja, zunehmend abgearbeitet nach einer Stunde. Kafka lässt das Tierchen wie einen Menschen wirken, hier wirken manchmal die drei Menschen wie Tiere, die aber Psychosen haben. Vielleicht wird es dadurch einen Tick zu privat, wo die Erzählung politischer sein könnte. Aber das sind Nuancen.

© SZ vom 10.08.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite