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Tanztheater:Die Menschmaschine

Kinesphere

Roboterliebe: Solistin Gabriela Zorzete Finardi im Pas de Deux mit Kuka.

(Foto: Jan-Pieter Fuhr)

Das Theater Augsburg war schon im vergangenen Jahr Vorreiter darin, seinen Zuschauern trotz Distanz mittels technischer Innovation nahe zu kommen. Mit der Ballettproduktion "Kinesphere" geht man jetzt noch einen Schritt weiter

Von Anna Covell

Das Reinigerhaus auf dem Gelände des Augsburger Gaswerks ist ein einschüchternder Ort. Oder ein "verlorener Ort", wie es Ricardo Fernando, Chef-Choreograf am Ballett Augsburg, ausdrückt. Aufgrund der Größe kann dieses Gebäude nicht beheizt werden. Es ist trostlos, grau, industriell, kalt; ein ideales Setting also für die Begegnung von Mensch und Maschine.

Genau dieser Themenkomplex bildet nun den Kern der Produktion "Kinesphere" der Ballettkompanie des Augsburger Staatstheaters. Menschliche Leidenschaft und Emotion strahlt die in São Paulo geborene Solistin Gabriela Zorzete Finardi aus. Aber sie übernimmt nur eine der beiden Hauptrollen. Die andere spielt "Kuka", ein grellorangener und 533 Kilogramm schwerer Roboter, der eigentlich für den Einsatz im industriellen Umfeld konstruiert wurde.

Von Guillermo del Toros Film "The Shape of Water" von 2017 bis hin zu "Jumbo", dem Regiedebüt von Zoé Wittock, in dem sich die junge Jeanne in ein wirbelndes, blinkendes Fahrgeschäft verliebt, hat die künstlerische Erforschung von Mensch-Nicht-Mensch Beziehungen in den vergangenen Jahren zugenommen. Beim Tanz ist dieses Thema jedoch noch deutlich komplizierter: Hier geht es um Körperbewegungen, um die Dreieinheit von Körper, Seele und Geist. Der Kuka hat keinen eigenen Körper, keine eigene Seele, keinen eigenen Geist und dennoch entsteht im Verlauf der vier Kapitel des Stücks eine emotionale Verbindung mit ihm. "Kein Kuka, keine Produktion", wie Ricardo Fernando die tragende Rolle des Roboters beschreibt.

Die menschlich-emotionale Verbindung zum Roboter entsteht erst aus der einzigartigen Erfahrung heraus, das Stück "Kinesphere" als Zuschauer wahrzunehmen. Die eigens dafür komponierte Musik ist eine aufregende Mischung aus klassischen Versatzstücken und dem Piepen und Surren von Maschinen, den Bewegungsgeräuschen des Roboters. Dieses musikalische Ping-Pong-Spiel, das vom Komponisten Lilijan Waworka eingerichtet wurde, bildet so auch die Grundlage der ganzen Geschichte. Wir pendeln zwischen schweren, percussionbasierten Tracks und Tracks voller Sentiment, beispielsweise im Pas de Deux zwischen Finardi und dem Roboter.

Im Reinigerhaus dröhnt diese Musik aus großen Lautsprechern und füllt den riesigen Raum komplett aus, aber die Bühne hat hier eigentlich keine wirkliche Bühnenfunktion. Denn die Produktion wird hier gemeinsam mit der Kreativagentur "Heimspiel" als Virtual-Reality-Film aufgezeichnet: als digitale Bühne fürs Wohnzimmer. Wer "Kinesphere" dort schließlich ansieht, kommt den Tänzern und Kuka ziemlich nahe. Jedes Detail der Kostüme wird sichtbar, jede Bewegung, die der Roboter macht, ist aus jedem Winkel einsehbar. Eine beispiellos subjektive Zuschauererfahrung entsteht.

Doch wie ist diese Erfahrung für die Künstler? Die Arbeit mit einem Roboter hängt im Wesentlichen davon ab, dass Menschen ihre Ideen und Wünsche etwas Nicht-Menschlichem aufzwingen. Kuka bewegt sich nur, weil er dafür programmiert wurde (in diesem Fall von Markus Schubert, dessen Arbeiten als Creative Coder an der Schnittstelle von Kunst und Technik angesiedelt sind). Der Choreograf Ricardo Fernando hat vom "Gesicht" des Roboters gesprochen, Gabriela Finardi von seinen "Augen": sie legen ihm erkennbare und menschliche Attribute auf. "Zu Beginn der Proben hatte ich etwas Angst, mit ihm zu arbeiten, dann habe ich die Vorteile gesehen: Er beschwert sich nicht und bekommt keine Rückenschmerzen", berichtet Finardi und vergleicht den Roboter direkt mit ihren üblichen Tanzpartnern. Sie erhebt ihn damit auf das Niveau der Menschlichkeit, das er natürlich nie erreichen kann - nur im künstlerischen Zusammenspiel mit einem Menschen wird dies möglich. Wird er dann zum Spiegelbild für diejenigen, die mit ihm interagieren? Vielleicht. Und zu dieser Gruppe der Interagierenden zählen in dieser Produktion eben nicht nur die Tänzer, sondern auch die VR-Zuschauer.

"Kinesphere" bietet so ein einzigartiges Seherlebnis. Und zeigt nach Monaten des Lebens mit den Auswirkungen der Pandemie die Fortschritte, die im Bereich der Theaterproduktion erzielt wurden. "Wenn wir dazu gezwungen sind, einen Schritt von dem Gewöhnlichen zurückzugehen und einen breiteren Blickwinkel zu erhalten, nur dann können sich Konzepte wie dieses zu etwas Realem entwickeln", sagte Fernando. Sein intimes, immersives Werk bietet einen Einblick in eine hoffnungsvolle Zukunft des Theaters voller Möglichkeiten; und einen grellorangen Lichtblick in einem ansonsten grauen Umfeld.

"Kinesphere" wird die eröffnungspremiere der Spielzeit 2021/22 und ist von 10. September an verfügbar. Infos unter staatstheater-augsburg.de

© SZ vom 08.05.2021
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