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Talentiade 2019:Langer Atem

Jazz Lausch, 15, gilt als eines der hoffnungsvollsten Synchronschwimm-Talente der SG Stadtwerke München - in einem oft belächelten, aber zugleich brutal anstrengenden und trainingsintensiven Sport

Gaaaanz langsam gehen die Renovierungsarbeiten in der Olympia-Schwimmhalle voran, immer wieder ist der Termin der Fertigstellung verschoben worden. Wenigstens sind schon ein paar Dinge fertig, zum Beispiel das Lehrschwimmbecken und ein kleineres Becken, in das eine silberne Kleinkinderrutsche führt. "Wassertiefe 2,10 Meter" steht darüber auf einer Digitalanzeige, Wasserballtore stehen am Rand, ein Rettungsring hängt in seiner Verankerung. Jazz Lausch kann all das gerade nicht sehen, denn von der 15-Jährigen sieht man nur die Beine. Kopfüber schraubt Lausch sie gaaaanz langsam ins Wasser hinab, mit vielen Drehungen, bis zu 25 Sekunden hält sie den Atem an. Dann schnellen ihre Beine blitzartig aus dem Wasser, bis zur Hüfte, und formen einen spektakulären Spagat.

Es ist nicht so, dass sie dort unten die Bauarbeiten nicht hören würde, die Geräusche stören gerade im Wasser die Konzentration. "Das Gebohre bin ich inzwischen gewohnt", sagt Lausch später fatalistisch, bevor sie eine Blitzdusche nimmt und den dunkelgrünen Badeanzug, die schwarze Schwimmbrille und die schwarze Badekappe gegen Jeans, Shirt und Straßenschuhe tauscht, sie hat ja gleich Schule um 10 Uhr früh. Sie weiß immerhin, dass die Bedingungen bald besser werden in München.

Ganz in ihrem nassen Element: Jazz Lausch, hochtalentierte Synchronschwimmerin der SG Stadtwerke, trainiert so gut wie täglich. Hier bereitet sie gerade eine Übung vor.

(Foto: oh)

Lausch, Eliteschülerin des Sports am Gymnasium Nord in Milbertshofen, gilt als eines der hoffnungsvollsten Synchronschwimm-Talente der SG Stadtwerke München in diesem oft belächelten, aber brutal anstrengenden, trainingsintensiven Sport. Sie braucht viel Kraft und eine immense Körperspannung, muss Schwimmen, Tauchen, Turn- und Ballettelemente beherrschen, ein gutes Rhythmusgefühl haben und im Duett oder im Team vor allem auch ein Auge für ihre Mitschwimmerinnen. Über sie sagt Barbara Liegl, Trainerin der Isarnixen, wie sich die SG-Synchronschwimmerinnen nennen: "Jazz ist ein Teamleader-Typ, sie hat eigentlich alles, was man braucht und ist für ihr Alter unheimlich weit und reif." Nur eine Sache gefällt Liegl noch nicht bei ihrer Musterschülerin: "Sie setzt sich zu sehr unter Druck."

Wenn sich Lausch zu sehr unter Druck setzt, kommen auch mal Wettkämpfe heraus wie Ende Mai bei der Deutschen Jahrgangsmeisterschaft in Bochum, als sie zu viel wollte in der Einzel-Pflicht und dann eine schlechte Platzierung erntete. Im Duett mit Thea Zehentner wurde Lausch dafür Dritte, mit der Gruppe gar DM-Zweite. Direkt danach sammelte Lausch in Schweden bei den Youth Open mit der Gruppe eine weitere Bronzemedaille.

Von München nach Bochum und weiter Richtung Schweden, all das während der Schulzeit - das zeigt schon, dass Lausch, die Mitglied des deutschen Perspektivkaders ist, Privilegien hat. Deshalb ist sie auf der Sportschule im Münchner Norden, ansonsten würden sich Sport und Schule kaum in Einklang bringen lassen. Montags bis donnerstags hat sie zweimal täglich Training, freitags ist Turntraining, samstags Kürtraining. Ihr Vater fährt sie immer morgens um 7.30 Uhr zur Schwimmhalle, um 21 Uhr holen sie ihre Eltern nach dem Abendtraining ab. Nur der Sonntag ist frei, theoretisch, denn oft sind dann Lehrgänge oder Wettkämpfe. Die Zeit, die Lausch mit ihrer Familie in Aschheim verbringen kann, ist knapp. "Klar ist das anstrengend, aber es macht mir auch mega die Freude. Einfach, weil man so viele Sportarten in einem hat", sagt sie.

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Begonnen hat ihre Liebe zum Wasserballett, wie das Synchronschwimmen früher hieß, vor sechs Jahren im Urlaub am Gardasee. Jazz war mit ihrem Bruder Noe im Pool, ihre Mutter sah ihnen beim Planschen zu. "Irgendwann haben wir angefangen, Schmarrn zu machen", erinnert sich Jazz Lausch, "so eine Art Choreografie für meine Mama. Danach meinte sie nur: Das ist Synchronschwimmen!" Bald danach schnupperten sie bei einem Training von Liegl vorbei - und wurden gecastet. Ja, die SG castet Bewerberinnen, so viele Interessentinnen gibt es inzwischen. Noe Lausch war übrigens lange Zeit der einzige Junge unter Dutzenden Mädchen, er erhielt viel Aufmerksamkeit, war in der Zeitung, in TV-Beiträgen. Es gibt ja kaum männliche Synchronschwimmer in Deutschland. "Ich fand's cool, immer mit ihm ins Training gehen zu können", sagt seine Schwester, er verlor aber irgendwann die Lust auf Synchronschwimmen - und spielt jetzt Theater.

Jazz Lausch kann 60 Meter am Stück tauchen, sie ist aufgeweckt, kommunikativ, von Margit Schreib, ihrer Trainerin an diesem Morgen im Becken der Olympia-Schwimmhalle, verlangt sie sehr viel Feedback. Sie nimmt es auf, tritt in den Diskurs, anders als ihre beiden Mittrainierenden, die nur nicken, wenn Schreib sie kritisiert oder lobt. Und sie hat klare Vorstellungen von ihrer Zukunft: "Ich möchte ein gutes Abi machen, in München studieren, vielleicht etwas Medizinisches. Und ich möchte zu den besten Synchronschwimmerinnen Deutschlands gehören, der Olympiatraum ist auf jeden Fall da."

Jazz Lausch im Kreis ihrer Kolleginnen. Als Team belegten sie vor Kurzem den zweiten Platz bei der Deutschen Meisterschaft.

(Foto: Barbara Liegl/oh)

Marlene Bojer ist ihr großes Vorbild, ihre Vereinskameradin, die derzeit beste deutsche Synchronschwimmerin. Die habe Muskeln an jeder Stelle ihres Körpers und könne sie auch verwenden, sagt Lausch, die ihre eigene Kraft und auch die Schönheit ihrer Schrauben noch für ausbaufähig hält.

Ende Juli fährt Lausch zur Jugend-WM in Šamorín, Slowakei, davor hat sie noch einen Vorbereitungs-Lehrgang in Bulgarien. Und nächstes Jahr möchte sie dann nach Tokio zu den Olympischen Spielen fliegen. Nicht als Teilnehmerin, davon ist sie noch einige Schrauben entfernt, sondern als Fan von Bojer und Daniela Reinhardt, so sie sich denn qualifizieren. Ob sie jetzt müde ist, vor der Schule? "Man hat sich nicht angestrengt, wenn man nach so einer Kür nicht tot ist", sagt Lausch. Sie lächelt.

Mit der Talentiade 2019 prämiert die Süddeutsche Zeitung zum zehnten Mal die Leistung von Sporttalenten (bis Jahrgang 2000) aus München und der Region sowie die Nachwuchsarbeit ihrer Vereine. Bewerbungen und Vorschläge bis 18. Juni unter sz.de/talentiade2019.