"Kammermusik im Dialog":In die Fugen gefügt

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Das Klavierduo Tal/Groethuysen beleuchtet in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste Bachs letztes Werk.

Von Klaus Kalchschmid, München

Johann Sebastian Bachs letztes, vielleicht gar nicht für eine Aufführung vorgesehenes (Studien-)Werk "Die Kunst der Fuge" kann man auf dem Cembalo, der Orgel, als Gamben- oder Streichquartett mit Fagott oder wie 1927 mit großem Orchester, Cembalo und Orgel spielen. Doch was Reinhard Febel auf Wunsch des Klavierduos Tal/Groethuysen 2014 getan hat, geht weit darüber hinaus: Er hat eine Art Übermalung oder auch Doppelbelichtung vorgenommen, indem er keine Note Bachs weggelassen, aber teilweise viele an unterschiedlichsten Stellen hinzugefügt hat. In der Reihe "Kammermusik im Dialog" der Bayerischen Akademie der schönen Künste spielte das Duo nun live (wie auch 2020 auf CD) zwei Drittel der 18 Fugen respektive Kanons. Im Gespräch mit seinem Komponisten-Kollegen Nikolaus Brass erläuterte Reinhard Febel zwischendurch plastisch sein Vorgehen.

Manchmal sind die Eingriffe mikroskopisch klein, dann gibt es "nur" Tonrepetitionen oder hinzugefügte Obertöne, manchmal schneidet das Skalpell tiefer, dann spielen in manchem "Contrapunctus" die beiden Musiker um einen Ton versetzt dasselbe, oder die beiden Hälften von sogenannten "Spiegelfugen" werden nicht nacheinander, sondern gleichzeitig aufgeführt: Andreas Groethuysen murmelt legato und leise, Yaara Tal sticht staccato im Forte dazwischen. Manche Fuge muss sehr langsam, manche enorm schnell musiziert werden, manchmal werden die Strukturen deutlicher, manchmal verschwimmen sie fast: Das ist ungemein spannend zu hören, und wer je bei einer anderthalbstündigen Gesamtaufführung auf Cembalo oder Orgel etwas ermüdete, der bleibt hier hellwach, denn jeden Augenblick passiert etwas anderes Unerwartetes und Erhellendes.

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