SZ-Serie: Sakrale Glaskunst, Folge 5 Glühende Gleichnisse

Der Glaskünstler Helmut Ammann hat die drei Chorfenster der Neuhauser Christuskirche geschaffen. Ihre expressive Farbgebung und dramatische Bildsprache schlagen den Betrachter in Bann

Von Anita Naujokat

Der purpurne Mantel des entrückten Christus schlingt sich hinab bis zum Erzengel Gabriel, der mit gespreizten Flügeln gegen den Drachen kämpft. Rottöne finden sich in den drei zentralen Fenstern der evangelisch-lutherischen Christuskirche in der Zunge des Geheilten ebenso wie in den Wunden Jesu nach der Kreuzabnahme und als entflammte, bewegte Herzen bei Maria und Magdalena daneben. Gelb und Orange hat der Bildhauer, Maler, Grafiker und Glasmaler Helmut Ammann (1907-2001), für ihn die Verheißung, spärlicher eingesetzt. Sie tauchen im wahrsten Sinn des Wortes, gebadet in Licht, in der "Himmlischen Stadt", in den Broten zur "Speisung der Fünftausend", im "Baum der Erkenntnis" auf, fallen einem als Sterne zu Schöpfungsbeginn förmlich entgegen. "Glasfenster sind ein Testament meiner Kinderseele", soll Ammann einst gesagt haben.

Es sind Szenen, die ineinander fließen und doch für sich stehen, in denen allein schon die Farben Geschichten erzählen. Holzschnittartig auf den ersten Blick, besitzen sie dennoch Tiefe und mancher Strahl oder Finger scheint sich geradezu aus der Fläche herauszuheben. Und der Künstler brauchte nur wenige Linien, um den Gesichtern Ausdruck zu verleihen, von Liebe, Leid, Schmerz, Bosheit, Skepsis, Erstaunen, Entsetzen, Beseeltheit.

Für Erich Kasberger ist das Gesamtwerk der drei Fenster "ein absolut durchdachtes theologisches Gesamtkonzept". Der 72-jährige Galerist, freiberufliche Historiker und Musikkabarettist ist nicht nur der Verwalter des künstlerischen Nachlasses von Helmut Ammann. 15 Jahre war er ihm freundschaftlich und über das familiäre Umfeld verbunden. In fünf Bänden hat er dessen Werktagebücher, Briefe, Fragmente, Gedichte und die "Morgengrüße an Carmen" im Volk Verlag herausgegeben und Ausstellungen konzipiert. Ein Buch beschäftigt sich mit der Glasfensterkunst Ammans, weitere sind geplant. Mit wem also könnte man sich besser Ammanns Werk in der Neuhauser Christuskirche am Dom-Pedro-Platz annähern.

Die Vertreibung aus dem Paradies, die Versuchung Jesu, die Heilung der Kranken (von oben): ein Ausschnitt aus dem linken Fenster der Christuskirche.

(Foto: Florian Peljak)

Aus wie vielen Einzelteilen Ammann die drei Fenster in der Christuskirche gestaltet hat, kann auch Kasberger nicht annähernd sagen. "Das müsste man ausrechnen", sagt er. Dafür aber weiß er ungeheuer viel über dessen Schöpfungsakt und Schaffenskraft. Ammann habe ständig seine Fantasie und Kreativität in Gang gehalten, sagt Kasberger. Er war immer mit ihnen befasst und gefordert, beides wach und gefügsam zu halten. Oft habe sich sein Freund in eine Art Halbschlaf sinken lassen, um eine Ebene tiefer im Zustand der Entspannung zu arbeiten. Die dabei aufgekommenen Bildelemente habe dieser sofort - farbig ausgelegt - skizziert, um sie nicht wieder zu vergessen. "Das ist eine wichtige Station im schöpferischen Prozess", sagt Kasberger. Ebenso wichtig sei für Künstler, ständig die Finger in Bewegung zu halten. Kasberger gebraucht dazu den Vergleich mit den Etüden des Geigers. Ammann hat dazu den Stift benutzt. Der Maler, Bildhauer und Glaskünstler hat ständig Menschen porträtiert, die ihm in Cafés, in der Bahn und anderen Orten begegneten. Allein 6000 dieser Handzeichnungen, zehn auf 15 Zentimetern groß in Notizblöcken, und zehn große Bronzeporträts hat Ammann hinterlassen. Der Blick, das Erkennen, das Festhalten und Gewinnen - ein Porträt sei die Summe der Profile aller Ansichten, und deshalb in der Kunst so wichtig, sagt Kasberger. "Profile müssen einem zeichnerisch aus der Hand fallen." Ammann brauchte für jedes nur drei Minuten.

Für seine Kirchenkunst, die ihn bekannt gemacht hat, kamen auch städtebauliche Aspekte ins Spiel, mit dem, was entstehen sollte, ihm dazu einfiel, der Örtlichkeit und dem, was Pfarrer und Gemeinde wollten. Für die Christuskirche lautete das Thema: Christus. Im Jahr 1957 erhielt er den Auftrag, 1961 begann er mit der Umsetzung mit der Glaswerkstatt Bockhorni. Ammann selbst war ein sehr gläubiger Protestant, und bibelfest, kannte sich also nicht nur im Gestalterischen aus.

Die drei Chorfenster in der Neuhauser Christuskirche wurden von Glaskünstler Helmut Ammann gefertigt.

(Foto: Florian Peljak)

Und im Gegensatz zu etlichen anderen Kollegen aus seinem Metier, habe Ammann den Vorgang von Anfang bis Ende begleitet, sagt Kasberger. Für das mittlere der drei Chorfenster rückte er den wiederkehrenden Christus als Weltenherrscher auf einem Regenbogen, die Füße auf der Weltkugel, ins Zentrum. Das linke zeigt Szenen aus dem Leben Christi, im rechten dominieren Formen der Verklärung, des Wandels, der Erlösung. Er hat die Farbgebung auf Kartons in Original-Fenstergröße als Vorlage für die Glaswerkstätte aufgebracht und dann begann das Komponieren der Farben - aus bis zu 6000 Glasfarbtönen. Dazu müsse man ein phänomenales Gedächtnis haben, sich beim Ausprobieren und Abstimmen sechs, sieben Istzustände merken, entscheide man sich letztlich dann doch für einen der ersten, beschreibt Kasberger den Vorgang. "Ein großes Kompositionsspiel aus Farbabläufen." Er erzählt es mit derselben Leidenschaft, mit der auch der Künstler zu Werke gegangen sein muss.

Die Vorgaben der senkrechten und waagrechten Träger mussten überbrückt, die Verkürzung der Perspektiven einkalkuliert werden. Die Scherben wurden in Bleileisten geschoben, die wiederum festgeklopft wurden. Ammann habe ausschließlich mit einfarbigen, aber in der Struktur naturbelassenen Antikgläsern gearbeitet, die Linien und Schatten auf Händen und Gesichter mit Schwarzlot gezeichnet, das die Glaser wiederum brennen mussten. Zu den ersten Kritikern seiner Werke gehörte seine Frau Carmen Inés Stubenrauch. Den künstlerischen Prozess hat er stets in Tagebüchern reflektiert - 3000 Seiten in 70 Jahren. Zu seinem Vermächtnis gehören auch alle Glasfenster-Kartons, die er jemals angefertigt hat. "Er war ein Aufheber, ein Aufbewahrer, was ein Segen ist", sagt Kasberger deshalb.

Erich Kasberger, ein Freund und Kenner des Künstlers.

(Foto: Florian Peljak)

Die drei Chorfenster der Christuskirche setzt Kasberger immer in einen Zusammenhang, "wie ein mehrflügeliger Altar", sagt er. Kasbergers Lieblingsszene ist die "Ruhe im Sturm". Ein scheinbar schlafender Jesus im Boot inmitten banger Gesichter ob des wütenden Orkans. Kasberger kennt andere Beispiele, wie Ammann diese Szene gelöst hat. Ihm gefällt in der Christuskirche die große Dynamik, der Wind scheint das Boot direkt auf den Betrachter zu zu treiben. "Er hat statische Elemente durch die bauliche Architektur, aber große Bewegungen in der Bildarchitektur. Eine großartige Erzählung", sagt Kasberger. "Man muss sich darauf einlassen, doch das ist Teil des Konzepts." Denn die Geschichten erzählten sich nicht unbedingt von selbst. Je mehr Wissen der Betrachter einbringe, um so leichter erschlössen sie sich. "Man muss bei jeder Geschichte den Subtext lesen", sagt Kasberger. Und je näher man herantritt, umso mehr tritt ihre Schönheit in den Raum. Einzig der Weg zu ihnen von der Rückseite der Kirche aus war versperrt. In München hat der 1907 in Shanghai geborene Schweizer Ammann nicht nur die Fenster der Christuskirche gestaltet. Auch die in der Lutherkirche in Giesing sind sein Werk. Doch in keinem der von ihm vorher geschaffenen Fenster habe er eine so expressive, bunte und farbige, fast poppige Bilderwelt ersonnen wie in der Christuskirche, sagt Kasberger. Beim Abschied von ihm hätte man fast "Auf Wiedersehen, Herr Ammann" gesagt.

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