Hilfsprojekt Die Logistik ist das größte Problem

"Mal bekomme ich ein Packerl mit vier gebrauchten Brillen geschickt, ein andermal kommen 400 neue von einem Hersteller, die wegen winziger Kratzer am Gestell nicht in den Verkauf gehen", sagt Altmann. Er nippt wieder an seinem Wasser. Das Lager ist proppenvoll. Die Logistik ist sein größtes Problem, denn jeder Tourist kann höchstens einen Koffer voller Brillen mitnehmen. Ständig sucht Altmann Menschen, die nach Indien oder Nepal reisen, Platz im Koffer haben und bereit sind, einen kleinen Umweg zu einer seiner Verteilstationen zu machen.

Zum Glück gibt es Menschen wie Anja Leinhoß und Andi Schmitt. Die beiden Landshuter sind Motorradfans, nein: Royal-Enfield-Enthusiasten, wie Altmann. Sie haben ihn bei einem Händler kennengelernt und waren sofort begeistert von der Idee, mit dem nächsten Urlaub einen guten Zweck erfüllen zu können. Leinhoß und Schmitt haben schon die Sahara und die Anden auf ihren Bikes durchquert, Australien und Indien. Jetzt sind sie zum ersten Mal im Himalaja unterwegs. Schmitt, von Beruf IT-Manager, hat vor der Reise in seiner Firma Brillen gesammelt. Im Münchner Hochhaus von Vodafone stellte er einen Karton auf und verteilte Tibet-Fotos von Altmann, "da kamen ganz schnell 720 Brillen zusammen". Mit zwei Koffern voller Brillen flogen die beiden nach Delhi.

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Verschüttete Wege nach der Schneeschmelze, Geröll und Schlaglöcher, dazu die extreme Höhe, das bedeutet für Mensch und Maschine keine leichte Tour. Altmann gab ihnen Tipps. Auch für den Khardung La, mit 5360 Metern Höhe der höchste befahrbare Pass der Welt. "Dort musste ich mein Moped schieben", erzählt Altmann und lacht, seiner Royal Enfield war die Luft ausgegangen. Ihm nicht.

Dem Mann aus Oberbayern, so scheint es zu sein, ist nichts zu schwer. Aufgewachsen in Bayerisch Zell, ist er heute mit buddhistischer Gelassenheit gesegnet. Er nimmt die Dinge, wie sie kommen. "Dann dauert es halt ein bisschen länger. Einen Platz zum Übernachten findet sich immer, notfalls im Daunenschlafsack im Freien." Und wenn an seinem geliebten Motorrad mal wirklich etwas kaputt geht auf den steinigen Pisten, "kommt sofort jemand, der hilft - und sei es, dass sie das Bike auf einen Lastwagen laden und zum nächsten Mechaniker bringen". Dann heißt es eben: Buttertee in einer Jurte trinken und warten, bis es weitergeht.

Altmanns Hoffnung: ganz Ladakh mit Sonnenbrillen zu versorgen, "das sind ungefähr 70 000 Stück". Und dann will er Shades of Love weiter nach Nepal ausdehnen. Er plant dort, mit der Augenklinik in Kathmandu zusammenzuarbeiten, so wie er es auch in Ladakh schon tut. "Die Ärzte organisieren 20- bis 30-mal im Jahr Augen-Camps in den abgelegenen Bergregionen und machen dort auch Netzhaut-Operationen wie am Fließband. Das zu sehen, hat mich total beeindruckt", sagte Altmann.

Feldarbeit mit Pflug und verspiegelter Sonnenbrille

Er sprudelt vor Ideen, wie man das Hilfswerk noch verbessern kann. Künftig will er kleine Bildergeschichten entwickeln, die den Leuten auch ohne Worte erklären, warum man eine Brille tragen sollte und wie man sie pflegt. Nicht alle Bewohner der abgelegenen Bergregionen verstehen auf Anhieb, was der Fremde auf seinem Motorrad von ihnen will. Einmal hielt er bei einer Gruppe Frauen auf einem Feld an, die mit ihren Sensen Heu ernteten. Er stieg von seinem Bike, setzte den Helm ab und öffnete seinen Koffer, "da ließen sie vor Schreck ihre Sensen und Körbe fallen und liefen davon".

Aber die meisten verstehen schnell, was der Deutsche ihnen bringt. Wenn sie einverstanden sind, fotografiert Altmann sie. "Ein Bauer, der mit seinen Yaks das Feld pflügte, nahm die Brille, grinste mich an und wollte sie nicht mehr absetzen. Jetzt pflügt er mit verspiegelter Sonnenbrille. Dieses Bild ist fest in meinem Kopf."

Inzwischen ist eine beeindruckende Fotogalerie von Brillenträgern entstanden. Die Bilder dienen dazu, weitere Sponsoren und Helfer anzusprechen. Einige der Tibeter lachen Altmann von der Wand in seinem Café an, sie inspirieren ihn, weiterzumachen. Zum Glück der Tibeter - und zu seinem eigenen.