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SZ-Serie: Auf dem Sockel, Folge 9:Ein Riese mit Rillen

Maximilian Joseph von Montgelas gilt vielen als Schöpfer des modernen Bayern - das gut sechs Meter hohe Alu-Standbild auf dem Promenadeplatz finden manche dennoch übertrieben

Von Wolfgang Görl

In der Fußgängerzone stehen manchmal lebende Denkmäler herum, also Straßenkünstler, die sich mit bronzener oder silberner Schminke und anderen Utensilien in ein Standbild verwandelt haben. So ein stocksteifer Silbermann ist auch auf der baumbestückten Grünfläche des Promenadeplatzes zu sehen, nur muss es sich, sollte ein Künstler dahinterstecken, um einen veritablen Riesen handeln, einen 6,20 Meter großen Lulatsch von imponierender Gestalt und neuneinhalb Tonnen Gewicht.

Aber so ist es nicht. In Wirklichkeit besteht der silbrig schimmernde Gigant aus toter Materie, aus Aluminium, das die Künstlerin Karin Sander auf ihre Weise belebt hat. Die Figur wurde mit einer Fünf-Achs-Fräse aus einem Aluminiumblock herausgefräst, als digitales Modell diente ein dreidimensionales Bild, gescannt und errechnet von einem Computer. Aber hat der Computer nicht einen Fehler gemacht? Oder warum sonst ist die Oberfläche gerillt wie ein Waschbrett? In einem Interview kurz nach der Denkmal-Enthüllung im Frühjahr 2005 sagte Karin Sander: "Meine Idee war: Wenn man die Figur aus der Nähe sieht, löst sie sich gleichsam auf und wird abstrakt. Je weiter man sich aber von ihr weg bewegt - und das ist in diesem städtebaulichen Bereich ja möglich -, desto realistischer wird sie."

Blumen vor Montgelas-Denkmal in München, 2020

Mit einer Fünf-Achs-Fräse wurde der Politiker Maximilian Joseph von Montgelas aus einem Aluminiumblock herausgefräst.

(Foto: Robert Haas)

Wer aber ist dieser Mann, dessen Standbild in einer Reihe mit den Bronzedenkmälern des Historikers Lorenz Westenrieder, des Kurfürsten Max Emanuel sowie der Komponisten Christoph Willibald Gluck und Orlando di Lasso steht, wobei Orlandos Skulptur mittlerweile auch als Gedenkstätte für Michael Jackson, den King of Pop, genutzt wird? Im Internet kursieren Vermutungen, der gerillte Mann sei Goethe. Tja, knapp daneben. Modische Details wie Frack oder Halskrause würden zwar passen, auch das Zeitalter träfe zu, aber so populär ist Goethe, der nur einmal kurz in München weilte, in der bayerischen Hauptstadt auch wieder nicht, dass man ihm neben dem Denkmal an der Ottostraße noch eine zweite Gedenkstätte errichten würde.

Der Gigant auf dem Promenadeplatz ist Maximilian Joseph von Montgelas, der mächtigste bayerische Politiker in der Ära des Kurfürsten und späteren Königs Maximilian I. Joseph. Montgelas, geboren am 12. September 1759 in München als Sohn eines aus Savoyen stammenden bayerischen Generals und einer Landshuter Gräfin, war inspiriert von den Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution. Sein Ansbacher Mémoire von 1796 diente gewissermaßen als Blaupause für die Reformen, mit denen Montgelas, der diverse Ministerämter bekleidete, das noch in alten Traditionen steckende Bayern in ein modernes Staatswesen verwandelte, das auf einer effizienten und wohlorganisierten Verwaltung ruhte.

Für viele, vor allem fromme Zeitgenossen dürfte Montgelas ein Abgesandter der Hölle gewesen sein, wenn nicht der Teufel selbst. Seine radikale Reformpolitik machte auch vor der Kirche nicht halt, unter seiner Ägide wurden kurz nach der Jahrhundertwende Klöster aufgelöst und deren Kunst- und Kulturschätze in die Obhut des Staates gelegt. Selbstverständlich wehte ihm ein eisiger Wind entgehen, es war ja auch ein unerhörter Vorgang: Im christkatholischen Bayern, wo in jedem Dorf die Kirche den Mittelpunkt bildete, und zumal in München, das wegen seiner vielen sakralen Einrichtungen als das deutsche Rom galt, wurden auf einen Schlag die Abteien säkularisiert. Man musste schon ein politischer Riese sein, um so etwas durchzusetzen. So gesehen ist die Montgelas-Figur auf dem Promenadeplatz keineswegs zu groß geraten.

Dennoch ist es ungewöhnlich, dass ein Politiker, der in der unruhigen und für Bayern schwierigen Zeit der Koalitionskriege nach der Französischen Revolution wirkte, rund 200 Jahre später ein Denkmal bekommt. Treibende Kraft war der damalige bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser (CSU), der mit Hilfe privater Sponsoren und einer Expertenjury Sanders Alu-Koloss errichten ließ, um seinen Amtsvorgänger Montgelas - auch dieser war unter anderem Finanzminister - mit Aplomb zu feiern. Faltlhauser ist beileibe nicht der Einzige, der Montgelas für den Schöpfer des modernen Bayern hält. Dessen ungeachtet bot das neue Denkmal sofort Anlass zum Granteln. Nicht jeder Münchner war begeistert, dass der große Staatsmann mit einer Statue geehrt wird, neben der das übrige Denkmal-Personal auf dem Promenadeplatz verblasst. Die Skulptur aus der Fräsmaschine wirke wie ein Fremdkörper, hieß es, und im Übrigen sei sie überdimensioniert. Anders als der wirkliche Montgelas, der im Jahr 1817 auf Betreiben des Kronprinzen Ludwig gestürzt wurde, hat sich der stattliche Alu-Montgelas bislang aber gehalten.

© SZ vom 12.08.2020

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