Angela Merkel bei 77-Jahre-SZ-Feier:"Ihre Zeitung ging und geht mit der Zeit"

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Angela Merkel bei 77-Jahre-SZ-Feier: Angela Merkel vor ihrer Festrede im Münchner Gärtnerplatztheater.

Angela Merkel vor ihrer Festrede im Münchner Gärtnerplatztheater.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die "Süddeutsche Zeitung" war für Altbundeskanzlerin Angela Merkel ein ständiger Begleiter. Bei der 77-Jahr-Feier betont sie den hohen Wert der Pressefreiheit, lobt die Meinungsvielfalt in der SZ und sagt, worüber sie sich vor allem zu Beginn ihrer politischen Karriere geärgert hat.

Die Rede von Altbundeskanzlerin Angela Merkel zu 77 Jahren Süddeutsche Zeitung im Wortlaut:

"Ich freue mich sehr, heute Abend an dieser Festveranstaltung teilhaben zu dürfen. Gern habe ich erneut zugesagt, nachdem das Jubiläum des 75-jährigen Bestehens der Süddeutschen Zeitung vor zwei Jahren pandemiebedingt leider nicht angemessen gefeiert werden konnte.

Vergessen wurde das Jubiläum 75 Jahre Süddeutscher Zeitung im Jahre 2020 natürlich trotzdem nicht, sondern, wie ich jetzt noch einmal nachgelesen habe, im Erscheinungsbild der Zeitung umfassend gewürdigt. Insbesondere gab es eine Buchausgabe von immerhin 400 Seiten mit dem Titel 'Geschichte und Geschichten', herausgegeben von Ihrem früheren Chefredakteur Kurt Kister.

Als die erste Ausgabe der Süddeutschen Zeitung am 6. Oktober 1945 erschien, lag der Schrecken des von Deutschland begangenen Holocausts und entfesselten Zweiten Weltkriegs noch nicht einmal ein halbes Jahr zurück. Deshalb war es natürlich nicht verwunderlich, dass die Zeitung bei ihrer Gründung unter Aufsicht der US-Militärbehörde gestellt wurde. Auch der Hinweis 'Lizenznummer 1 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung Ost' durfte damals nicht fehlen. Diese Aufsicht endete vier Jahre später, 1949, im Jahr der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Ich kann die damaligen Zeitungsmacher gut verstehen, dass sie den Tag des völlig eigenständigen Arbeitens nicht erwarten konnten. Zugleich meine ich, dass vier Jahre Aufsicht angesichts des zuvor von Deutschland über Europa und die Welt gebrachten Schreckens im Rückblick gesehen noch nicht über die Maßen lang waren.

Besonders wichtig für das Selbstverständnis der Zeitung finde ich aber die Zeilen, die auf der ersten Seite der Erstausgabe zum Geleit zu lesen waren - ich zitiere: 'Zum ersten Mal seit dem Zusammenbruch der braunen Schreckensherrschaft erscheint in München eine von Deutschen geleitete Zeitung. Sie ist von den politischen Notwendigkeiten der Gegenwart begrenzt, aber durch keine Zensur gefesselt, durch keinen Gewissenszwang geknebelt. Die Süddeutsche Zeitung ist nicht das Organ einer Regierung oder einer bestimmten Partei, sondern ein Sprachrohr für alle Deutschen, die einig sind in der Liebe zur Freiheit, im Hass gegen den totalen Staat, in Abscheu gegen alles, was nationalsozialistisch ist.' - Zitatende.

Verstärkt wurde dieses Bekenntnis noch dadurch, dass für die ersten Druckplatten der Zeitung ein Teil des Bleisatzes von Hitlers Buch 'Mein Kampf' eingeschmolzen wurde, ein, wie ich finde, äußerst starkes Symbol.

Doch allein bei Symbolen blieb es nicht. Das zeigten neben dem schon zitierten Geleitwort im '1. Jahrgang Nummer 1' zum Beispiel auch die Sonderausgabe der Zeitung zu den Nürnberger Prozessen am 1. Oktober 1946 unter der Überschrift 'Das Urteil in Nürnberg' oder Ihre Berichterstattung über den Gerichtsprozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem im Jahre 1961.

Von Beginn an, das wird spürbar, fühlte sich die Süddeutsche Zeitung also einerseits ihrem Erscheinungsort München, dem damit verbundenen bayerischen Geschichtsbewusstsein und den Traditionen des Föderalismus verpflichtet, verstand sich andererseits aber auch als überregionale deutsche Zeitung. Hieß sie zu Beginn noch 'Süddeutsche Zeitung und Münchner Nachrichten aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport', so wurde daraus später der Name 'Neueste Nachrichten aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport'. Und gleichsam zu ihrer DNA gehörte es, sich entschieden gegen das damals noch verbreitete Verdrängen der Verantwortung Deutschlands für das Grauen des Nationalsozialismus zu wenden. Dieses Verdrängen allerdings war - das kann ich aus meinen ersten 35 Lebensjahren in der DDR sagen - nicht nur in Westdeutschland verbreitet, sondern auch in der DDR. In ihr kam es nur anders daher, etwa dadurch, dass die DDR bis 1989 keine diplomatischen Beziehungen mit Israel unterhielt, oder daran, wie wir als Kinder und Jugendliche in den 60er-Jahren in der Schule eigentlich nur von kommunistischen Opfern des Nationalsozialismus und kaum vom Holocaust an sechs Millionen Juden lernten. Und dass im SED-Staat all diejenigen einfach verschwiegen wurden, die zum Beispiel früher NSDAP-Mitglieder waren. Sie sollte es offiziell nicht geben.

Zurück zur Geschichte der Süddeutschen Zeitung. Im Jahre 1965, also 20 Jahre nach ihrer Gründung, begann sie mit dem Aufbau eines Netzes eigener Auslandskorrespondenten. Das war aus meiner Sicht ein entscheidender Schritt, um dauerhaft überregionale Relevanz zu entwickeln. Gemacht wurde dieser Schritt in einer Zeit, die für unser damals geteiltes Land trostloser kaum sein konnte. Und so sehr ich später, als ich älter wurde und mich mit den geschichtlichen Abläufen jener Zeit zu beschäftigen begann, die Haltung des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, zur Westbindung und damit verbunden gegen eine Deutsche Einheit ohne Verankerung im westlichen Bündnis rational nachvollziehen konnte, so wenig konnte ich zugleich vergessen, was das für uns in der DDR bedeutete. 1965, also wie gesagt in dem Jahr, in dem Ihre Zeitung ihr eigenes Netz von Auslandskorrespondenten aufzubauen begann, ging ich im brandenburgischen Templin zur Schule, meine Familie war durch die vier Jahre vorher gebaute Berliner Mauer wie Millionen andere Familien brutal getrennt worden.

Dass sich die beiden deutschen Staaten eines Tages wiedervereinigen sollten, und zwar in Frieden und Freiheit, dass sich damit so unterschiedliche Lebenswelten wie die der Redaktion einer Zeitung im Süden der alten Bundesrepublik Deutschland und die von Menschen meiner Generation in der DDR eines Tages buchstäblich treffen und überschneiden sollten - das war damals außerhalb meiner Vorstellungskraft, von einer Festrede anlässlich des 77-jährigen Bestehens Ihrer Zeitung ganz zu schweigen.

Die 1960er-Jahre hatten es in sich: Studentenbewegung im Westen, die brutale Niederschlagung des Prager Frühlings mit sowjetischen Panzern im Osten. Unterschiedlicher hätten Lebenswelten zwischen Ost und West kaum sein können. Besonders schön fand ich deshalb, dass im Jahr 2008, also 40 Jahre nach diesen beiden 1968ern im Osten und im Westen, Evelyn Roll, Autorin der Süddeutschen Zeitung, mit mir ein Interview für das im Jahr der Deutschen Einheit gegründete Süddeutsche Zeitung Magazin zu meinem 1968 führte, also dazu, wie ich als 14-Jährige das Jahr 1968 in der DDR erlebt hatte. Das Interview erschien unter der, wie ich finde, wunderbaren Überschrift 'Und es war Sommer'.

Gehen wir damit noch einmal zurück in die Geschichte Ihrer Zeitung Ende der 60er- und Anfang der 1970er-Jahre. Im Jahre 1971 gaben sich Gesellschafter, Geschäftsführung, Betriebsrat und Redaktion der Süddeutschen Zeitung das bis heute gültige Redaktionsstatut. Es verpflichtete die Zeitung auf - ich zitiere - 'freiheitliche, demokratische Gesellschaftsformen nach liberalen und sozialen Grundsätzen'. Sie selbst nennen es eine Art Grundgesetz Ihrer Zeitung.

In der alten Bundesrepublik Deutschland wehte zu der Zeit ein neuer politischer Wind. Die CDU war erstmals auf die Oppositionsbänke verwiesen worden, und die Ostpolitik der sozial-liberalen Koalition von Bundeskanzler Willy Brandt war auch für uns in der DDR mit ganz praktischen Folgen verbunden. So wurde es in meiner Familie wieder möglich, dass meine Hamburger Verwandtschaft uns nun auch wieder in Templin besuchen konnte.

Es sollte gleichwohl noch viele weitere Jahre dauern, bis die Berliner Mauer in einer friedlichen Revolution der DDR-Bürger endlich fiel und der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl die Einheit Deutschlands in Frieden und Freiheit im Einverständnis mit Deutschlands Nachbarn, Partnern und Verbündeten erreichen konnte.

Ich glaube, wir können uns gar nicht oft genug klarmachen, welche unfassbare Glücksstunde wir Deutschen 1989/1990 erleben durften, ganz wesentlich natürlich auch deshalb, weil Michail Gorbatschow die Rufe der DDR-Bürger 'Wir sind das Volk' und 'Wir sind ein Volk' nicht mit Panzern niederwalzen ließ. Stattdessen ließ er die Einheit Deutschlands in Frieden und Freiheit und in der Folge auch das Ende des Warschauer Paktes zu.

Ganz anders heute. Der Angriffskrieg Russlands und Präsident Putins gegen die Ukraine zerstört das Fundament all dessen, worauf sich die Staatengemeinschaft einschließlich der damaligen Sowjetunion und später Russlands im KSZE-Prozess und in der Charta von Paris verständigt hatte. Der 24. Februar dieses Jahres markiert eine tiefgreifende Zäsur. Und zwar eine Zäsur, bei der wir alle gut beraten sind, Worte ernst zu nehmen und sich ernsthaft mit ihnen auseinanderzusetzen und sie nicht von vornherein als Bluff einzustufen.

Ich finde, es ist angesichts dieser bestürzenden Lage von gar nicht groß genug einzuschätzender Bedeutung, dass und wie Deutschland, die Europäische Union und das transatlantische Verteidigungsbündnis der Nato ebenso geschlossen wie entschlossen Position bezogen haben, um die Souveränität und die Integrität der Ukraine zu schützen und wiederherzustellen.

Damit kann, so meine ich, einhergehen, zugleich immer auch das im Moment so undenkbar Erscheinende mitzudenken, und zwar wie eine zukünftige europäische Sicherheitsarchitektur im Rahmen des Völkerrechts entwickelt werden kann, die diesem Anspruch am Ende nur dann gerecht wird, wenn sie auch unter Einbeziehung Russlands erfolgen kann. Denn solange wir dies nicht wirklich geschafft haben, ist auch der Kalte Krieg nicht wirklich zu Ende.

In jedem Fall aber - auch davon bin ich überzeugt - wird die Zeit nicht zurückgedreht werden können, zu tiefgreifend waren die Umwälzungen des Jahres 1989/1990, zu bedeutend die Erfahrung damals, dass Veränderungen zum Guten möglich sind.

Veränderungen, die auch mein Leben damals auf den Kopf stellten, und Veränderungen, die schließlich dazu führten, dass sich auch die Wege dieser Zeitung und meine Wege kreuzen sollten, und zwar sowohl als politisch interessierte Zeitungsleserin als auch als aktive Politikerin und damit auch als Thema von Artikeln über mich. Einer der ersten längeren Texte, die es über mich in meinen politischen Anfängen als frisch ernannte Bundesministerin für Frauen und Jugend zu lesen gibt, findet sich im schon erwähnten Süddeutsche Zeitung Magazin, dieses Mal aus dem Frühjahr 1991. Er stellt in der Überschrift eine Frage, die mich, warum auch immer, mein gesamtes politisches Leben in immer neuen Varianten begleiten sollte. Sie lautete, ich zitiere: 'Warum kennen wir Angela Merkel nicht?' In dem Text steht auch, ich zitiere: 'Sie ist die jüngste Ministerin, die Deutschland je hatte, vielleicht auch die netteste.' Wobei ich schnell lernen sollte, dass es mit der Nettigkeit in der Politik so eine Sache ist. In jedem Fall waren die 1990er-Jahre Umbruchsjahre, für uns alle, politisch, gesellschaftlich, technologisch. Das spiegelte sich auch in der weiteren Geschichte der Süddeutschen Zeitung wider. Seit 1992 wird das Redaktionsarchiv Ihrer Zeitung elektronisch geführt, seit 1995 gibt es Ihr Online-Angebot, und seit 1999 hat das Hauptstadtbüro der SZ seinen Sitz nicht mehr in Bonn, sondern wie Parlament und Regierung in Berlin.

Das hat auch das Angebot jenseits der täglichen Zeitungsausgabe vielfältiger gemacht: So ist die SZ-Nacht seit dem Jahr 2000 ein fester und beliebter Programmpunkt in der veranstaltungsfreudigen Hauptstadt Berlin und wirkt seit 2007 auch der jährliche Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung meinungsbildend, an dem ich ausweislich meiner Unterlagen sechs Mal teilgenommen habe. Ich hoffe, ich habe keine Teilnahme übersehen und richtig gezählt.

Seit 2011 gibt es eine digitale Ausgabe Ihrer Zeitung, die bereits am Vorabend des nächsten Erscheinungstages heruntergeladen werden kann, Markus Söder sprach darüber. Und im 75. Jahr des Bestehens der Süddeutschen Zeitung im Jahre 2020 lag die Print-Auflage bei 308 000, sie muss gestiegen sein, ich habe hier viel höhere Zahlen jetzt gelesen, und die digitalen Abonnementen waren 150 000, jetzt sind es auch deutlich mehr. Glückwunsch dazu, so könnte es weitergehen, aus Ihrer Sicht wahrscheinlich und aus meiner vermutlich auch.

Wir sehen: Ihre Zeitung ging und geht mit der Zeit. Sie war und ist erfolgreich und meinungsstark. Und so frage ich jetzt: Wie bin ich mit der Zeitung umgegangen? Anders gefragt: Wie hat sich mein mein Blick auf diese Zeitung entwickelt?

Am Beginn meiner aktiven politischen Zeit war für mich als Mitglied der CDU schnell erkennbar, dass seitens der CDU eine gewisse kritische Distanz zur Süddeutschen Zeitung bestand, die, so glaube ich, durchaus auch auf Gegenseitigkeit beruhte. Deshalb, so meine frühe politische Erfahrung, konnte man als CDU-Politikerin kritische Artikel in der SZ mit Blick auf die Akzeptanz der eigenen Anhängerschaft unter dem Strich recht gut verkraften. Ich hoffe, es stimmt Sie nicht traurig, dass Bewertungen zum Beispiel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder der Welt mir damals wichtiger schienen, so meine frühe politische Erfahrung.

In den ersten Jahren nach der Deutschen Einheit, insbesondere in der Zeit, als ich Frauen- und Jugendministerin war, war es für mich kaum möglich, als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen zu werden. Vielmehr dominierte das Bild von, wie es sehr lange hieß, 'Kohls Mädchen' oder der, ich zitiere: 'Bonner Karte im Brandenburger Spiel', wie die Süddeutsche Zeitung am 18. November 1991 zu meiner später gescheiterten Kandidatur um den CDU-Landesvorsitz in Brandenburg schrieb. 'Bonner Karte im Brandenburger Spiel'. Alles wurde von Bundeskanzler Helmut Kohl her abgeleitet, das allerdings natürlich nicht nur in der Süddeutschen Zeitung. Das empfand ich als jemand, der sich freute, erstmals im Leben eigenständig seine Meinung zu äußern, ohne mit staatlichen Institutionen in Schwierigkeiten zu kommen, als ziemlich deprimierend.

Dennoch wurde mir die Süddeutsche Zeitung Schritt für Schritt ein wichtiger Begleiter. Interessante Artikel über unsere Schwesterpartei CSU, für die die Süddeutsche Zeitung sicherlich häufig ein Stachel im eigenen Fleische war und ist, weckten mein Interesse. Die CSU ist gar nicht so äußerungsfreudig über sich selbst, so habe ich einiges lernen können.

Und immer mehr begeisterte mich an der Süddeutschen Zeitung die im Grunde recht konservative Grundstruktur der Zeitung mit der immer gleichen Ressortaufteilung, vor allem aber die klare Unterscheidbarkeit von Sachverhaltsmeldungen, Reportagen und Meinungsartikeln. Die Reportagen der berühmten Seite Drei der Zeitung waren und sind häufig inhaltlich wie sprachlich ein Hochgenuss und haben immer wieder meinen politischen und geistigen Horizont erheblich erweitert und tun das bis heute.

Und die Meinungsseite schafft es immer wieder, da ist ein kleiner Dissens mit Markus Söder, mich zu überraschen. Wenig ist aus meiner Sicht bei der Zeitungslektüre erfreulicher, als einen Meinungsartikel zu lesen, dessen Quintessenz man nicht schon kennt, wenn man nur die Zeitung aufschlägt oder den Namen des Autors oder der Autorin liest.

Die Vielfalt der Meinungen in Ihrer Zeitung ist bis heute erfreulich hoch. Sie zeichnet sie aus. Und damit steht sie auch für den Wert, den die in Artikel 5 unseres Grundgesetzes festgeschriebene Freiheit der Meinung, der Kunst und der Wissenschaft konstitutiv für unsere Demokratie macht.

Deshalb feiern wir heute nicht allein 77 Jahre Süddeutsche Zeitung und eine der bedeutendsten deutschen Tageszeitungen, sondern gleichsam stellvertretend den Wert der Freiheit der Presse an sich. Er ist keinesfalls selbstverständlich. Davon kündigt besonders die Arbeit von Organisationen wie Reporter ohne Grenzen, die weltweit Verstöße gegen die Presse- und Informationsfreiheit dokumentiert, Alarm schlägt, wenn Zensur droht, es öffentlich macht, wenn Journalisten, Blogger, Fotografen in Gefahr geraten oder inhaftiert werden, nur weil sie ihre Arbeit machen, Journalisten und ihren Familien hilft, die verfolgt und angegriffen werden und dadurch in Not geraten, und Druck macht, damit Morde an Journalistinnen und Journalisten aufgeklärt werden.

Zur Pressefreiheit gehört deshalb zwingend auch der Auftrag des Staates, Journalistinnen und Journalisten zu schützen und das freie Wort zu garantieren - sowohl vor eklatanten Verstößen als auch mit Blick auf die Arbeit im Alltag. In ihm fordern uns alle - die Medien, die Politik, die Gesellschaft - die Veränderungen heraus, die die Digitalisierung und das Internet mit sich gebracht haben und weiter bringen.

Sie, die Journalistinnen und Journalisten, sind täglich damit konfrontiert, dass Sie eine schier unendliche Fülle an Informationen bekommen können, diese jedoch - wie es sich für den Qualitätsjournalismus einer Zeitung wie der SZ gehört - prüfen, ordnen und gewichten müssen, was aber angesichts einer rasend schnellen Konkurrenz auch in den neuen sogenannten sozialen Medien wahrlich nicht einfacher wird.

Das berührt natürlich auch uns Politiker und damit auch das Verhältnis von Politik und Medien. In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick auf ein Gespräch, das der langjährige Redakteur der SZ und Bonner Büroleiter Klaus Dreher am 11. Juli 2000 im Bayerischen Rundfunk geführt hat. Klaus Dreher wurde nach den Veränderungen des Verhältnisses von Medien und Politik gefragt und antwortete, dass sich in diesem Verhältnis eigentlich nichts geändert habe, verändert habe sich allerdings die Vielzahl der Medien wie auch, aus meiner Sicht sehr gravierend, die Entwicklung weg von der schreibenden Zunft hin zur filmischen Darstellung.

Und er sagte weiter, ich zitiere ihn jetzt: 'Die optische Darstellung ist wichtiger geworden, aber in der Grundsubstanz ist das Verhältnis das gleiche geblieben. Es ist die Auseinandersetzung zwischen Journalisten und Politikern. Wenn ich junge Leute angelernt habe, dann habe ich immer gesagt: ,Ihr macht keine Politik, ihr beschreibt die Politik. Bitte bleibt auch dabei!'' - Zitatende.

Ich denke, schöner und klarer kann man die Bedeutung des Berufes, vielleicht auch der Berufung des Journalisten und der Journalistin nicht in Worte fassen. Für mich jedenfalls steht dieser Gedanke im Ergebnis auch für den wechselseitigen Respekt, also dem von Journalisten gegenüber der Politik und dem von Politikern gegenüber dem Journalismus.

Meine Damen und Herren. 'Runter vom Platz': Das war die Überschrift eines Essays von Rainer Erlinger in der Süddeutschen Zeitung am 11. Januar 2019. Es handelte, wie es wörtlich hieß, 'von Lahm bis zu Merkel und Seehofer - warum es eine Kunst ist, den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören zu finden'. Zitatende. Dieser Text berührte mich seinerzeit sehr, ich hatte gut einen Monat zuvor mit der Abgabe des CDU-Parteivorsitzes auch den Ausstieg aus dem Kanzleramt und der aktiven Politik insgesamt unwiderruflich eingeleitet. Dieser Text endete mit dem wunderbaren Satz, ich zitiere: 'Umso wichtiger ist es deshalb zu erkennen, dass das Aufhören selbst, nicht nur im politischen Bereich, auch Handeln darstellt.' Zitatende.

Und so sage ich jetzt: 'Runter vom Platz!', also von dieser Bühne. Ich gratuliere der Süddeutschen Zeitung zu 77 Jahren ihres Bestehens und wünsche ihr und allen, die an ihr mitwirken, alles erdenklich Gute für die Zukunft.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!"

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