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Stream-Kritik von "Der Sandmann":Es hat Zoom gemacht

Ingolstadt bringt "Der Sandmann" als klugen Stream

Von Egbert Tholl, Ingolstadt

Nathanael steht mit der Realität ein wenig auf Kriegsfuß, aber wer würde ihm das momentan verübeln. Sein Professor Spalanzani, der die Physik als ein sehr weites Feld begreift, hat eine Puppe gebaut, diese Olimpia genannt und Nathanael verliebt sich in die vermeintliche Tochter, in den Apparat. Zu diesem Umstand gibt es sogar eine Oper, die heißt "Hoffmanns Erzählungen".

Um die geht es hier nicht. Sondern um die Erzählung "Der Sandmann", die E.T.A. Hoffmann vor rund 200 Jahren schrieb, die in Offenbachs Oper einfloss und nun von Alexander Nerlich am Theater Ingolstadt zu einer Art theatralischen Zoom-Konferenz umgearbeitet wurde. Wenn man, wie derzeit sehr viele Menschen, seine Umwelt vor allem in kleinen Bildschirmen wahrnimmt, dann hat Nerlichs Projekt zweierlei Effekt: Natürlich nervt es, weil man wieder einmal Menschen in einem aufgeteilten Bildschirm sieht. Zum anderen aber ist es ungemein treffend, erhellend, ein sehr gelungener Kommentar auf unsere derzeitige Situation, zwingend erschaffen mit einem alten Text.

Hoffmann erzählt von einer Paranoia, die bei Nathanael herrührt vom Tod des Vaters bei einem alchimistischen Experiment zusammen mit dem sinistren Coppelius. Der Student wird heimgesucht von Gestalten seiner Fantasie, wähnt sich selbst als Puppe, springt in seinem Irrsinn in den Tod. Nerlich übersetzt dies in eine klaustrophobisch wirkende Home-Office-Wohnung, Nathanael (Péter Polgár), bewirbt sich um die Teilnahme an einem Projekt zu Künstlicher Intelligenz, bei welchem ihm der Avatar Olimpia begegnet, was aufregender ist als seine Freundin Clara (beide: Theresa Weihmayr), Coppelius (Jan Gebauer) spukt als teils schemenhaftes, als kreatürlich-körperliches Wesen herum, Professor und Vater (Peter Reisser) werden eins - die Filmtechnik macht das so möglich wie Hoffmanns Erzählkunst.

Das hat schon eine hypnotische Kraft. Man weiß ja selbst nicht: Sind die Kollegen in der Team-Konferenz echt? Spricht man mit Avataren? Mit wem redet man eigentlich allein zu Hause im Lockdown? Sind wir nicht langsam alle irre? "Alles ist Lug und Trug." Reißt Nathanael in Nerlichs Projekt die Fenster auf, blickt er auf nachtstumpfe Hochhausfassaden. Kein Licht, keine Luft. Das Leben wird eng, und im Kopf von Péter Polgár rast es. Das alles geht nicht gut aus. Da hilft auch kein Avatar.

© SZ vom 13.04.2021/van
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