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Stream-Kritik:Nabelschau

Die Kammerspiele zeigen "Werther's Quest for Love"

Werther leidet wieder. Und diesmal ist man sehr, sehr nah dran. Man hört ihn schnaufen und schlucken und lustlos Pudding kauen. Man beobachtet ihn wie von der Kamera seines Computers aus und blickt ihm direkt ins Gesicht, wenn er sich dieser Kamera nähert, um irgendwas über Liebe zu googeln. Liebe lässt sich aber nicht zufriedenstellend googeln, da helfen auch Erklärvideos und schmalzige Musik nicht. Die Kammerspiele haben die Performance "Werther's Quest for Love" von Johnny Bix-Bongers wieder aktiviert und nun in die Wohnzimmer gestreamt.

Vergangenes Jahr war die Performance ein paar Mal im "Z Common Ground", einer Zwischennutzung, zu sehen. Damals hauste Werther, ja, der nach der Vorlage von Goethe, in einem Studentenzimmer, umschlossen von Glaswänden, durch die ihn die Zuschauer beim Leiden beobachten konnten. Damals schon arbeitete der Regisseur mit Videoschnipseln, und Werther (Vincent Redetzki) war gefangen in diesem Zimmer, auch ohne Social Distancing, nur seiner unerfüllten Liebe wegen.

Die komplette Übertragung ins Netz ergibt dann auch absolut Sinn, sie verstärkt im Prinzip nur das Voyeurismus-Gefühl, dass man schon bei der ersten Version hatte. Werther sieht man jetzt in einem schlicht eingerichteten Zimmer (vermutlich Redetzkis richtige Wohnung) herumtigern. Er ist in seinem Leiden liebenswert und unausstehlich zugleich, er kreist um sich wie ein typischer Millenial, der seinen Schmerz für das Zentrum der Welt hält und unfähig ist, von sich selbst zurückzutreten. Stattdessen tritt er in Dialog nur mit einem riesigen Pappmaché-Kopf. Klappt aber auch nicht recht. Versuche, kluge Sätze zu schreiben - in dem Fall Zitate aus dem echten "Werther" -, scheitern auch. Für den Zuschauenden ist diese Nabelschau über Video noch unangenehmer, noch lustiger, als säße man direkt mit dem überforderten Herzschmerzenden in seinem Zimmer.

© SZ vom 02.04.2020

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