Wohnen:Platz für drei Generationen

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Das Ehepaar Ottmar hat sich dazu entschieden, ein geerbtes Grundstück unkonventionell zu nutzen und mit anderen Familien unter einem Dach zu wohnen.

Von Blanche Mamer, Gauting

Eine barocke Truhenbank im Hausgang lädt zum Ratschen ein. An der gegenüber liegenden Wand neben der rotlackierten Eingangstür ist mit Kreide auf einer großen Schiefertafel notiert: "Heute Abend kleiner Umtrunk im Gemeinschaftsraum." Und: "Lissi feiert am Sonntag Geburtstag." Das Mehrgenerationenhaus, Hildegardstraße 29 in Gauting, hat so seine Besonderheiten. Gefeiert wird in der großen Wohnküche des Gemeinschaftsapartments mit direktem Zugang zum Garten. Es ist das Herzstück des großen Fünfparteienhauses aus Lärchenholz, das die Eigentümer Martina und Stephan Ottmar mit sechs weiteren Erwachsenen von 42 bis 85 Jahren und fünf Kindern seit März bewohnen. "Unser Sohn ist die fünfte Generation auf diesem Grundstück", sagt Martina Ottmar und rechnet dabei ihre Urgroß- und ihre Großmutter mit ein.

Gauting: Mehrgenerationenhaus

Zwei Häuser, sechs Parteien: Beim Neubau entschieden sich die Ottmars dafür, das alte geerbte Giebelhäuschen (rechts) zu erhalten.

(Foto: Nila Thiel)

Für Gauting ist das Wohnkonzept noch neu, weswegen sich Bürgermeisterin Brigitte Kössinger, CSU-Fraktionssprecherin Eva-Maria Klinger, Bauamtsleiter Rainer Härta und Mitarbeiterin Marita Muench darüber informieren wollten. Denn in Zusammenhang mit dem Bebauungsplan 100 (AOA-Gelände) war mehrfach der Wunsch laut geworden, Mehrgenerationenwohnen zu ermöglichen.

Ein geerbtes kleines Einfamilienhaus mit Spitzgiebeldach aus den 1930er Jahren auf einem großen Grundstück mit Obstbäumen und einem Gartenhäusl in bester Wohnlage in Gauting - das war der Ausgangspunkt für dieses Bauprojekt. Geplant hat es Architekt Thomas Metzner in enger Zusammenarbeit mit den Hausherren. Ihr habe viel daran gelegen, das Giebelhäuschen ihrer Großmutter Liselotte Rocher zu erhalten, sagte Martina Ottmar, also blieb es stehen und wurde integriert. Hier wohnt Manfred Pinegger. Er teilt sich mit seiner Schwester die Betreuung der Mutter, die beiden Frauen leben im Mehrgenerationenhaus. Die 85-jährige Rollstuhlfahrerin sitze so gut wie immer zum Essen im Gemeinschaftsraum, erzählt Ottmar. Als Inklusionsbeauftragte der Gemeinde war es ihr wichtig, dass der Neubau barrierefrei ist. Es gibt also keine Schwellen und einen Lift in den ersten Stock, aber nicht ins Dachgeschoss. Im Keller ist neben dem Waschraum ein zusätzlicher Gemeinschaftsraum mit Kicker, Sitz- und Bücherecke eingerichtet worden.

Gauting: Mehrgenerationenhaus

In der Wohnküche des Gemeinschaftsapartements kommen die Familien zusammen.

(Foto: Nila Thiel)

"Wir wollten weg vom Einfamilienhaus", sagt Stephan Ottmar. Seine Mutter, Seniorenbeirätin Ulla Ottmar, setzt sich seit Jahren für Mehrgenerationenhäuser ein. Er selbst als Student und seine Frau als alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern hätten die Vorzüge von Wohngemeinschaften geschätzt, später aber 13 Jahre in einem klassischen Häuschen nahe der Würm eher isoliert von den Nachbarn gewohnt. Ihr Mehrgenerationenhaus in Holzständerbau mit Betonkern sei die richtige Entscheidung. Die Ottmars leben mit Sohn Pepe, 11, und Mischlingshund Zoretta in einer 105-Quadratmeter-Wohnung im Erdgeschoss. Die oberen Wohnungen sind kleiner, alle Bäder nur mit Dusche ausgestattet. Wer baden will, benutzt die Badewanne im Gemeinschaftsapartment, das alle Mieter mitfinanzieren und das auch als Gästewohnung genutzt werden kann. "Das funktioniert aber nur, wenn sich jemand professionell kümmert", stellt Bürgermeisterin Kössinger fest. Im Prinzip findet sie die Idee gut, ist sich aber nicht sicher, ob sich das Projekt für eine Umsetzung im AOA-Quartier eigne. Zumal die Gemeinde ja nicht das Geld habe, um selbst zu bauen.

Stephan Ottmar will von ihr wissen, warum es drei Anläufe brauchte, bis der Bauausschuss das Haus genehmigte, und dies erst, nachdem das Landratsamt die Pläne abgesegnet hatte. Es sei zunächst keine vergleichbare Kubatur in der Nachbarschaft gefunden worden, sagte Kössinger. Zudem habe es einige Missverständnisse gegeben. Ottmar wünscht privaten Bauherren mit ähnlichen Plänen mehr Entgegenkommen.

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