Vernissage:Abenteuer im "Huhniversum"

Lesezeit: 2 min

Die Ausstellung des Cartoonisten Peter Gaymann im Buchheim-Museum bildet Auftakt und zugleich einen der Höhepunkte des Bernrieder Humor-Festivals. Die Eröffnung erweist sich als Post-Lockdown-Premiere

Von Katja Sebald, Bernried

Die große Retrospektive zum 70. Geburtstag von Peter Gaymann im Bernrieder Buchheim-Museum musste im vergangenen Jahr abgesagt werden, pünktlich zum 71. Geburtstag wurde sie nun eröffnet: "Die erste Ausstellungseröffnung seit, ich weiß nicht wie lange, seit ewigen Zeiten!", freute sich Museumsdirektor Daniel J. Schreiber. Auch Peter Gaymann und sein "Personal Curator" Reinhard Wittmann strahlten um die Wette, als sich am Samstag auf der Wiese vor dem Museum die handverlesenen Vernissagengäste zunächst noch mit gebührendem Abstand versammelt hatten.

Schreiber verlieh Gaymann, der selbst zwei Wochen lang täglich beim Aufbau geholfen und alle Ausstellungsgrafiken von Hand an die Wände gezeichnet hatte, einen virtuellen Orden für die "beste Ausstellung aller Zeiten". Ein weiterer, ebenfalls virtueller Orden, ging an Wittmann als "besten Kurator des Jahres 2021" und ein großes Lob an Thomas Flakus, der als technischer Mitarbeiter des Museums das Unmögliche möglich gemacht hatte und dafür zum "Mitarbeiter des Jahres" ernannt wurde.

Vernissage: Peter Gaymann kann zur Vernissage auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, begrüßen.

Peter Gaymann kann zur Vernissage auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, begrüßen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Ausstellung "Gaymann. Von Hühnern und Menschen" ist Auftakt und zugleich ein Höhepunkt des "Humor-Festivals Bernried", das bis zum 26. September weitere Ausstellungen und Veranstaltungen an verschiedenen Spielorten in Bernried bietet und von der Initiative "Forum Humor und komische Kunst e.V." veranstaltet wird. Reinhard Wittmann, ehemals Leiter des Münchner Literaturhauses, steht dem Verein vor, der aus einer Initiative von Gerhard Polt hervorging. Peter Gaymann ist ebenfalls Vorstandsmitglied.

Geht es im Freien ohne Maske? Wie nah darf man sich kommen? Kann man sich schon wieder die Hand geben oder gar mit dem Sektglas anstoßen? Das waren erst einmal die drängendsten Fragen dieses Nachmittags. "Wir sind heute das allererste Mal wieder unter Leuten", bekannte eine Vernissagenbesucherin. Drinnen aber, vor den Ausstellungswänden, die über und über mit Gaymanns bezaubernden Zeichnungen bestückt sind, waren alle Vorsichtsmaßnahmen schnell vergessen. Wer den Großmeister des Hühnercartoons auf einem Kinderfoto bestaunen oder eine Bildunterschrift lesen wollte, der kam dem Nebenmann nicht selten bedrohlich nahe und setzte zur Not auch die Ellbogen ein.

Vernissage: Plausch unter Kollegen: Cartoonist Peter Gaymann (re.) empfängt im Buchheim-Museum den Illustratoren und Buchautoren Quint Buchholz. Gaymann hat bei der um ein Jahr verspäteten Retrospektive zu seinem 70. Geburtstag Werke auch direkt auf die Wand gezeichnet.

Plausch unter Kollegen: Cartoonist Peter Gaymann (re.) empfängt im Buchheim-Museum den Illustratoren und Buchautoren Quint Buchholz. Gaymann hat bei der um ein Jahr verspäteten Retrospektive zu seinem 70. Geburtstag Werke auch direkt auf die Wand gezeichnet.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Ausstellung, die Gaymanns Leben buchstäblich nachzeichnet, besticht durch die sehr persönliche, ausgesprochen charmante und gänzlich uneitle Präsentation von Fotos, Schulzeugnissen, Briefen und vor allem von unzähligen Zeichnungen. Sie ist nach zunächst nach Lebensstationen gegliedert: Sie beginnt in Freiburg, wo Gaymann 1950 geboren wurde, aufwuchs und ein Studium der Sozialpädagogik absolvierte. Sie dokumentiert seine politischen Aktivitäten in den wilden Siebzigern, die "Auswanderung" nach Rom in den Achtzigern, die Rückkehr nach Deutschland und 25 weiteren Lebensjahre in Köln. Und schließlich gipfelt sie in Gaymanns "Eintritt in den Freistaat Bayern im Jahr 2017", wie Schreiber es in seiner Einführung formulierte. Gaymann illustriert diesen Moment in der Ausstellung mit einem Küsschenfoto aus dem Karneval, das ihn mit seiner Frau Viktoria Steinbiß-Gaymann zeigt. Dazu hat er an die Wand gepinselt: "Viktoria hat mich nach Bayern gelockt... des war a sau-guade Idee."

Nebenbei ist die Retrospektive nach Werkgruppen geordnet: Zu sehen sind frühe Zeichnungen, die der große Robert Gernhardt einst als "dilettantisch und zugleich perfekt" bezeichnete. Es folgen das "Huhniversum", das Gaymann berühmt machte, und die "Paar Probleme" für die Frauenzeitschrift Brigitte, die ihn noch berühmter machten. Es gibt auch Reiseskizzen, Objekte und Collagen, auch führt die Ausstellung psychologische und politische Themen vor Augen. Vor allem aber weist sie den stets zurückhaltend auftretenden Gaymann als ebenso scharfsinnigen wie humorvollen Chronisten eines halben Jahrhunderts deutscher Befindlichkeiten aus.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB