Nach Beinahe-Kollision im Bahnhof Geldstrafe für Uttinger Fahrdienstleiter

Der Mann hatte vor einem Jahr versäumt, die Weiche zu stellen. Nun rüstet die Bahn nach.

Von Armin Greune

Der Fall hat in der jüngsten Serie von Zugunfällen bundesweit Aufsehen erregt: Vor einem Jahr konnte ein Zugführer der Bayrischen Regiobahn (BRB) im Bahnhof Utting knapp eine Frontalkollision verhindern. Am Morgen des 22. Februars 2018 hatte der Fahrdienstleiter der Deutschen Bahn (DB) versäumt, die Weiche umzustellen: So wurde die aus Schondorf einfahrende Bahn auf ein Gleis geleitet, auf dem schon ein ebenfalls voll mit Schülern besetzter Zug aus Dießen stand. Nun ist der Mann aus dem Landkreis Weilheim-Schongau per Strafbefehl zu einer Geldstrafe von 2200 Euro wegen fahrlässiger Gefährdung des Bahnverkehrs verurteilt worden.

Die Anzahl der Tagessätze liege nicht über 90, was für den Fahrdienstleiter bedeute, dass die inzwischen rechtskräftig gewordene Strafe nicht ins Führungszeugnis aufgenommen wird, sagt der Augsburger Oberstaatsanwalt Mathias Nickolai auf Nachfrage. Der Beschuldigte hätte "eine Hilfssperre anbringen und eine Hinsehungsprüfung durchführen" müssen, die Unterlassung sei strafbar. Hohen Respekt zollt Nickolai hingegen dem Zugführer, der seines Wissens nach bereits öffentlich ausgezeichnet wurde: "Es ist nur seinem Reaktionsvermögen zu verdanken, dass keine Menschen zu Schaden kamen."

Eine Portion Glück oder instinktive Vorsicht war wohl auch dabei, denn der Mann im Führerhaus habe auf dem schnurgeraden Gleis im Seeholz südlich von Utting nicht die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 110, sondern nur ein Tempo von 70 Stundenkilometern gewählt, sagt Nickolai. Der Zug kam auch deshalb mit einer Notbremsung 40 Meter vor dem anderen gerade noch zum Stehen. Nicht einmal drei Monate später kam es 50 Kilometer weiter nördlich auf der ebenfalls von der BRB bedienten Strecke Augsburg-Ingolstadt zu einer ähnlichen Situation, aber mit viel schwereren Folgen: In Aichach prallte ein Triebwagen auf einen abgestellten Güterzug, der Zugführer und eine Passagierin starben, 14 Fahrgäste wurden verletzt. Der verantwortliche Fahrdienstleiter wurde wegen fahrlässiger Tötung zu einer zehnmonatige Bewährungsstrafe verurteilt.

Ein BRB-Chef übte seinerzeit scharfe Kritik an der DB Netz, die für die Gleistechnik zuständig ist, und forderte von ihr, die Strecken nachzurüsten. Dieser Forderung will die DB nun nachkommen: Laut Pressemitteilung sollen in den kommenden fünf Jahren bundesweit 600 Stellwerke, die bislang von den Fahrdienstleitern nur auf Sicht kontrolliert werden, mit einer zusätzlichen technischen Meldeanlage versehen werden. Als einen von zwei Testbahnhöfen wählte die DB Utting aus, wo demnächst der Probebetrieb beginnen kann. Das Aichacher Stellwerk steht mit ganz oben auf der Liste und soll noch heuer modernisiert werden.