Tiere Saatkrähen werden zur Plage

Sie sind intelligent, sozial - und manchmal auch nervtötend. Saatkrähen leben in Kolonien in Gilching, Hechendorf und Starnberg.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

212 Paare in 17 Kolonien: Gilching ist die Hochburg der intelligenten Vögel. Mit ihrem Kreischen strapazieren sie die Nerven der Nachbarn.

Von Christian Deussing 

Sie gelten bei Anwohnern oft als unerträgliche Plage und kreischende Störenfriede, die einem den Schlaf rauben können. Auf andere Menschen wirken die schwarzen Saatkrähen (Corvus frugilegus) bedrohlich und wecken Ängste wie in Hitchcocks Horrorfilm "Die Vögel". Die geschützten Kolonienbrüter fühlen sich besonders in Gilching immer heimischer, aber inzwischen auch am südlichen Stadtrand von Starnberg, beim Bahnhof Nord und in Percha. Gilching ist jedoch landkreisweit die Hochburg: Dort wurden heuer 212 Brutpaare in 17 Kolonien gezählt - Tendenz steigend. Im Starnberger Raum gibt es aber auch schon 58 Brutpaare mit hohen Baumnestern in vier Kolonien. Noch im vorigen Jahr hat es erst eine Kolonie in der Kreisstadt gegeben.

Es seien aber "keine Invasionen", denn bayernweit würden in nur 67 Gemeinden Saatkrähen nisten und dort auffallen, erläutert Hilde Abold, die seit neun Jahren ehrenamtlich die Saatkrähen-Statistik für das Landesamt für Umwelt (LfU) erstellt und mit 50 Helfern in Südbayern die Kolonien kartiert. Die Diplom-Mathematikerin hat auch Hechendorf in der Gemeinde Seefeld im Blick, die zweite Hochburg der Krähen in der Region. In Hechendorf wurden 173 Paare in sechs Kolonien registriert. Dagegen ist die Saatkrähe aus Herrsching seit einem Jahr nahezu verschwunden - was sich die Vogelschützer bislang nicht recht erklären können.

Es gab dort auch keine Vergrämungen, die ohnehin nutzlos seien, wie Gilchings Bürgermeister Manfred Walter und sein Umweltbeauftragter Jan Haas längst wissen. In Gilching haben sich in den vergangenen zwei Jahren Splitterkolonien gebildet, nachdem etliche Nistbäume an der Landsberger Straße und Waldstraße für Bauprojekte gefällt worden sind. Es gebe keine Patentrezepte im Umgang mit Saatkrähen-Kolonien, sagt Walter und betont, machtlos zu sein. Auch der Versuch der Gemeinde, den schlauen Vögeln in freier Landschaft alternative Brutplätze anzubieten und dorthin zu locken, ist gescheitert. Und an Puchheim im Landkreis Fürstenfeldbruck wollen sich die Gilchinger kein Beispiel nehmen: Dort waren die Strategien fehlgeschlagen, die listigen Krähen mit Netzen, Lautsprechern und Luftballons zu vertreiben - im Gegenteil, es bildeten sich daraufhin unerwünscht neue Kolonien. Mit Vergrämungen und Eingriffen tue man sich "keinen Gefallen, weil sich diese Vögel sehr dynamisch verhalten", erläutert Bernd-Ulrich Rudolph, Leiter der Staatlichen Vogelschutzwarte beim Landesamt für Umwelt.

Das laute Spektakel beginnt jedes Jahr im März und dauert etwa drei Monate: Die Saatkrähen bauen ihre Nester, legen Eier, brüten sie aus und kreischen bereits am frühen Morgen in höchsten Tonlagen. Das sei sicherlich eine "Lärmbelästigung", und auch parkende Autos würden verkotet, sagt Horst Guckelsberger, der ehemalige und langjährige Kreisvorsitzende des Landesbunds für Vogelschutz (LBV). Doch die Saatkrähen würden mit dieser Belästigung nur für eine "begrenzte Zeit und in bestimmten, nicht flächendeckenden Gebieten" auffallen. Ein Experte ist auch Peter Brützel von der Arbeitsgemeinschaft Starnberger Ornithologen (ASO). Er verweist darauf, dass die Saatkrähe zwar nicht mehr auf der roten Liste stehe, aber immer noch ein seltener Singvogel sei.

Die Saatkrähe wird aber seit zwei Jahren nicht mehr auf der Vorwarnliste der gefährdeten Brutvögel geführt. Denn der Bestand dieser Art hat sich nach LfU-Angaben zunehmend erholt und ist in den vergangenen neun Jahren bayernweit von 5700 auf etwa 12 7 00 Brutpaare angewachsen. Seit 1977 ist die Saatkrähe besonders geschützt und darf nicht bejagt werden, nachdem sich ihre Population stark dezimiert hatte. Sie wurde als "Saatschädling" verfolgt und litt früher auch noch stärker unter dem Einsatz von Spritzmitteln in der Landwirtschaft.

Hilde Abold , die Saatkrähen-Koordinatorin, fährt jährlich Tausende von Kilometern in Südbayern ab, um Hinweisen auf besetzte und verlassene Kolonien nachzugehen, die jeweils bis zu 1000 Nester aufweisen können. Die Weilheimerin hatte selbst einmal Ärger mit dem Lärm und Dreck der geschwätzig-geselligen Krähen vor ihrem Anwesen, entdeckte dann aber deren Klugheit und soziales Verhalten. Auch am Tonfall dieser Vögel erkennt Abold, wie es ihnen in den Kolonien ergeht. Die Beobachterin ist sich dabei sicher: "Die Saatkrähen werden sich nicht unendlich vermehren."