Theater:Überbordend

Fünf Spielorte und noch viel mehr irrwitzige Ideen: Das ELLE-Kollektiv verblüfft sein Publikum in Schondorf mit dem letzten Teil seiner Trilogie, dem Verwirrspiel "Das Meditier"

Von Armin Greune, Schondorf

Elle Kollektiv

In Tretbooten heißt es zur Bühne auf dem See strampeln.

(Foto: Yorck Dertinger)

Rosalie Rosenberger ist verzweifelt. Die Live-Reporterin von "Ammerseekurier TV" hetzt mit Kameramann durch Publikum und Mitwirkende. Sie kann gerade noch vor der Premiere von "Das Meditier" Schondorfs Bürgermeister Alexander Herrmann interviewen, bis sie vom Gelände verwiesen wird. Und auch die einzelnen Spielorte verschließen vor der lauthals protestierenden "Freien Presse" die Türen oder Zeltplanen. Rosenberger ist einer Sensation auf der Spur und auf der Suche nach. . . ja was eigentlich? Irgendetwas ist hier am Westufer des Ammersee passiert, das sich nicht so ohne Weiteres rational erklären lässt.

Zwischen Hektik und Hysterie rast Rosenberger (spielfreudig wie immer: Elisabeth-Marie Leistikow) mit Mikrofon und rosa Perücke durch die neue Produktion des ELLE-Kollektivs. In einer als Video im Bierzelt wiedergegeben Fernsehsendung findet sie ein mysteriöses Leuchtobjekt auf einem Ständer, das sie durch das Raum-Zeit-Kontinuum purzeln lässt. Sie landet in einer Gärtnerei, zwischen den Raistinger Satellitenschüsseln und in der Dießener Buchhandlung "Colibri", wo Inhaber und "Leihschauspieler" Anton Gruber aus Herman Melvilles "Moby Dick" so bravourös-theatralisch liest, dass ihm das Publikum Szenenapplaus schenkt, obwohl er ja nur auf dem Bildschirm agiert. Die von André Döbert herrlich unbeholfen moderierten TV-News werden von Werbespots unterbrochen, die das köstliche Ammersee-Wasser preisen, das stolz in "zu 0,1 Prozent wiederverwertbaren Kunststoffflaschen" angeboten wird.

Elle Kollektiv

Eine rasende Reporterin.

(Foto: Yorck Dertinger)

Die Suche nach Wasser und Wahrheit sind zentrale Motive der höchst amüsanten Inszenierung, mit der ELLE nach "Der Erleuchthund" (2017) und "Die Blondierte Stierin (2019) seine "Trilogie der schlafenden Vernunft" abschließt. Leistikow, Luis Lüps (beide Regie und Buch) und Louis Panizza (Aufführungskonzept, Bühnenbild und Kostüme) folgen auch im "Meditier" keinem linearen Erzählstrang: "Wir verbrennen alle rote Fäden", sagt Lüps. Zwischen Fiktion und Realität werden dem Zuschauer fünf verschiedene Perspektiven angeboten, Wahrheit und Wasser dreidimensional zu erfahren. "Im Theater gibt es nichts zu verstehen, es geht ums Erleben," sagt Lüps programmatisch.

Und mitzuerleben gibt es für das staunende Publikum reichlich in diesem überbordend fantasievollen Verwirrspiel voller philosophischer Gedankengänge: eine Tretbootfahrt auf dem Ammersee oder eine Nachtwanderung in "Toffifee-Formation" durch den Wald, Beschwörungsrituale um das "Ding da draußen" auf dem Wasser. Weltraumschrott trifft auf ein resolutes Flintenweib, eine Diva in rosa Tüll (Thomas Hauser) singt "Ein Schiff wird kommen" und posiert zur Arie aus Luc Bessons Film "Das Fünfte Element". Es ließe sich eine ganze Zeitungsseite mit den Ideen füllen, die das ELLE-Team im Meditier Revue passieren lässt.

Und die Bestandsaufnahme wäre dennoch bei Weitem nicht vollständig, denn man müsste mindestens noch vier weitere Vorstellungen besuchen, um alles zu erfassen, was an den fünf Spielstätten simultan geschieht. Der Zuschauer kann entscheiden, ob er die derbe Fischerin Susanne Saibling - beeindruckend gespielt von Doris Buchrucker - an ihrer Hütte aufsucht oder die beiden Aktivistinnen (Zora Klare-Thiessen und Antonia Hölzel) in Schwesterntracht in die Jurte begleitet. Zur Wahl stehen weiter das Labor, in dem Anna K. Seidel und Paul Wellenhof ihren "Blob" erforschen, die Präsentation des "White Water"-Startups (Pauline Fusban und Valentin Erb) oder der Alu-Container des Künstler Peter Silius (Luis Lüps).

Elle Kollektiv

Bügelnde Aktivistinnen im Nonnengewand: Das "Meditier" hält Überraschungen bereit.

(Foto: Yorck Dertinger)

Wer sich nicht rechtzeitig einer Gruppe anschließt, wird ins Bierzelt gewunken, wo ihn Barmann János Fischer belehrt, wie wichtig im Leben die Fähigkeit zu entscheiden ist. Und muss anschließend unter Führung der konfusen Reporterin Rosenberger zum Steg pilgern, um das Geschehen auf der Bühne im See nicht vom angedockten Boot, sondern aus der Distanz zu betrachten, wo sich erst "verstrahlte Eso-Nutten" mit den übrigen Interessengruppen zanken und dann gemeinsam die Hymne der "kosmischen Disharmonie" anstimmen.

Weitere Aufführungen 12. bis 14. und 19. bis 21, August, jeweils 20 Uhr. Infos unter www.ellekollektiv.de, Kartentelefon: 0157/5158 1240

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