Theater:Geheimnisvolles Meditier

Theater: Die ganze Welt in einem Zelt: Zora Klare-Thiessen und Antonia Eleonore Hölzel (v.li.) bei den Proben am Schondorfer Seeufer.

Die ganze Welt in einem Zelt: Zora Klare-Thiessen und Antonia Eleonore Hölzel (v.li.) bei den Proben am Schondorfer Seeufer.

(Foto: Arlet Ulfers)

Das "Elle"-Kollektiv lässt sich vor der Premiere seines neuen Stücks in Schondorf nicht in die Karten schauen. Das Überraschungsmoment gehört zum Programm

Von Armin Greune, Schondorf

Der Erwartungshorizont hängt hoch: Drei sehr originelle und bezaubernde Stücke hat das "Elle"-Kollektiv seit 2017 am Ammersee aufgeführt, mit "Das Meditier" soll nun die "Trilogie der schlafenden Vernunft" den Abschluss finden. Fast zwei Jahre lang konnten Elisabeth-Marie Leistikow, Luis Lüps und Louis Panizza an ihrer Freiluft-Inszenierung arbeiten. Dank vieler Sponsoren, der Fördermittel aus dem Kulturfonds Bayern, dreier Arbeitsstipendien aus Bundesmitteln und Auszeichnungen wie jüngst dem Tassilo-Preis der SZ standen ihnen erstmals auch ausreichend Mittel für eine professionelle Produktion zur Verfügung.

Klar, dass jeder gespannt ist, was sich das Team für das Finale seines Spektakels über Wasser und Wahrheit, Weltall und Urknall einfallen lässt. Wer der Einladung folgt, eine der Proben auf dem Spielgelände am Schondorfer Ammerseeufer zu besuchen, muss sich aber erst mal in Geduld üben. Das Ensemble probt unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einem schwarzen Rundzelt, hinter schweren Vorhängen dringt kein Ton nach außen. Auch Produktionsleiterin Evelyne Klunker steht mit draußen und erwehrt sich, so gut es geht, der Mückengeschwader. Als nach einer Viertelstunde Leistikow, Lüps und Panizza zum Gespräch bereit stehen, wird die Neugier der Besucher nach Konzept und Inhalt aber keineswegs gestillt, sondern noch mehr geweckt. "Wir probieren etwas aus", sagt Leistikow geheimnisvoll, "indem wir Vollkaracho auf die regionale Wand zufahren, um dann aufzuprallen oder sie bestenfalls zu durchbrechen."

Es gehört zu den "Elle"-Prinzipien, das Publikum spontan mit unerwarteten Situationen zu konfrontieren. "Immersives Dorftheater" nennen es die Protagonisten, die Zuschauer sollen Teil der Aufführung werden, Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen dabei ebenso wie die zwischen Ironie und ernster Botschaft.

Auch das Meditier "birgt verschiedene Überraschungen, die man sich nicht schon vorher verderben lassen sollte," sagt Leistikow, die den Großteil des Stücks geschrieben hat. Ein wenig lassen sich die drei dann doch noch in die Karten gucken: Man erfährt, dass die Aufführung wie schon bei "Der Erleuchthund" und "Die blondierte Stierin" als Stationentheater konzipiert ist. Nur der 2020 pandemiebedingt eingeschobene "Prolog" fand auf einer einzigen amphibischen Bühne genau dort statt, wo auch "Das Meditier" am 5. August Premiere feiern soll. Sechs Stationen sind dieses Mal vorgesehen, eine davon wird im See verankert und kann von den Gästen in Tretbooten angesteuert werden. Künstler und Unternehmer, Wissenschaftler und eine Sekte interagieren mit dem Publikum. Vor einem zur Fischerhütte umfunktionierten Wohnwagen, posiert der Kern des Ensembles für Fotos: Dort werden in den Aufführungen die alteingesessene Ammerseefischerin Susanne und ihr Lehrbub Stefan anzutreffen sein, verrät Leistikow. Von "parallel laufenden Erzählstrukturen" spricht Panizza noch, bevor ihn die anderen zum Schweigen bringen.

Wesentlich auskunftsbereiter ist das "Elle"-Kollektiv, was die Bedingungen betrifft, unter denen es am Stück arbeiten konnte. Zuletzt übte das ganze Team vier Wochen lang täglich acht bis zwölf Stunden in Inning: Im ehemaligen Reiterhof des Gewerbegebiets Billerberg "hatten wir in der großen Halle ziemlich perfekte Probenbedingungen", sagt Lüps. Seit einer Woche gelte es jetzt, das Geschehen "auf den Aufführungsort abzustimmen", aber noch sind längst nicht alle Kulissen fertig. 14 Darsteller wirken diesmal unter Lüps' Regie mit, "eine bunter Truppe aus alten Theaterhasen und jungen Enthusiasten". Das reiche von zwei Schauspielerinnen, die gerade die Münchner Otto-Falckenberg-Schule absolviert haben, bis zu Doris Buchrucker, die dort ihre Ausbildung vor 45 Jahren abgeschlossen hat. Auch Thomas Hauser kam von der Falckenberg-Schule, als er 2015 zum Ensemble der Münchner Kammerspiele stieß. Und Leistikow, Lüps und Panizza nehmen im Meditier wieder Rollen ein, obwohl sie ursprünglich vorhatten, diesmal nicht selbst zu spielen.

Jeder Tag bringe jetzt neue Aufgaben mit sich, sagt Produktionsleiterin Klunker, gerade seien etwa der Kartenverkauf und das Plakatieren hinzugekommen. Das "Elle"-Kollektiv hegt inzwischen schon Pläne für 2022: Da wolle man Aufführungen in München mit Vorstellungen am Ammersee verbinden, sagt Leistikow. "Und in fünf Jahren bespielen wir dann internationale Festivals", verkündet sie optimistisch. Lüps mag da freilich noch nicht so recht zustimmen.

"Das Meditier" feiert am 5. August am Weingartenweg 2 in Schondorf Premiere (bereits ausverkauft). Weitere Aufführungen am 6., 7., 12. bis 14. und 19. bis 21. August. Beginn jeweils 20 Uhr, Eintritt 25 Euro. Zur Hauptprobe am 3. August und zur Generalprobe am 4. August sind Zuschauer bei reduziertem Ticketpreis willkommen. Das Publikum ist auf jeweils 60 Personen beschränkt. Kartentelefon: 0157/ 5158 1240.

© SZ vom 29.07.2021
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