SZ-Adventskalender:Wenn die Kraft fehlt, sich Hilfe zu holen

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SZ-Adventskalender: Mit einem Unfall oder einer schweren Krankheit beginnt oft eine finanzielle Abwärtsspirale für die Betroffenen und ihre Angehörigen.

Mit einem Unfall oder einer schweren Krankheit beginnt oft eine finanzielle Abwärtsspirale für die Betroffenen und ihre Angehörigen.

(Foto: Caroline Seidel-Dißmannel/dpa)

Krankheit und Behinderung führen schnell in finanzielle Schwierigkeiten, besonders häufig sind ältere Menschen betroffen. Wohlfahrtsverbände und Organisationen helfen - doch auch sie stoßen an ihre Grenzen.

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Starnberg

Oft geht es ganz schnell: Ein Unfall, ein Schlaganfall oder eine schwere Krankheit, plötzlich ist man behindert und kann nicht mehr arbeiten. Dann beginnt die finanzielle Abwärtsspirale: Weil man kein Einkommen mehr hat, kann man nicht mehr für die laufenden Kosten, wie Miete, Heizung oder Strom aufkommen. Wird die Miete zwei Monate lang nicht mehr bezahlt, könnte es zu einer Räumungsklage kommen und es droht Wohnungslosigkeit. Wenn Krankenkassenbeiträge nicht mehr bezahlt werden, weil ein Selbstständiger nicht mehr arbeiten kann, verliert er den Versicherungsschutz. Diese Existenzängste sind eine zusätzliche psychische Belastung. Und je schwieriger die Lebensumstände werden, umso mehr gleiten Betroffene ab in die Depression. "Es beginnt ein Verdrängungsprozess, eine Lähmung", weiß Petra Veronika Seidl von der Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung bei der Caritas Starnberg. Die Betroffenen haben einfach keine Kraft mehr. Oft würden sie es nicht einmal mehr schaffen, die entsprechenden Anträge für Zusatzleistungen zu stellen.

Die Caritas leistet hier wertvolle Hilfe. Die Mitarbeiter unterstützen beim Ausfüllen der Formulare. Zudem werden Fragen geklärt, ob finanzielle Unterstützung erforderlich ist, ob ein Anrecht auf einen Wohnberechtigungsschein besteht oder auf Grundsicherung. Doch das Wichtigste ist, dass Wege aufgezeigt werden, wie die Klienten am besten mit der neuen Lebenssituation zurechtkommen. "Im Grunde genommen steht man mit seinen Alltagsproblemen alleine da", sagt eine Klientin. Da sei es sehr hilfreich, wenn man eine Anlaufstelle wie die Caritas habe. Man bekomme nicht nur Unterstützung, man könne sich auch endlich einmal aussprechen. Denn Freunde und Bekannte wolle man nicht immer belästigen.

Ein weiteres Problem ist der akute Wohnungsmangel. Ob man seine Dienstwohnung verliert, weil man nicht mehr arbeiten oder die Miete nicht mehr bezahlen kann, weil wegen des erkrankten Partners das zweite Einkommen fehlt, ob eine Räumungsklage droht oder Eigenbedarf angemeldet wird: Hannelore Breiter von der Caritas-Präventionsstelle zur Vermeidung von Wohnsitzlosigkeit hat dieses Jahr etwa 100 derartige Fälle zu bearbeiten. Das ist eine Steigerung von etwa 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Problem wird verstärkt, wenn der Betroffene, beispielsweise nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt und eine behindertengerechte Wohnung benötigt. Es sei "ein absoluter Glücksfall", wenn überhaupt eine barrierefreie Wohnung gefunden werde, so Seidl. Oft liege diese aber außerhalb des Landkreises. "Das ist furchtbar, weil der Lebensmittelpunkt in Frage gestellt wird."

Ein "Riesenproblem" ist ihrer Erfahrung nach auch der Personalmangel bei den zuständigen Behörden. Dadurch dauere es oft sehr lange, bis Anträge bearbeitet werden könnten. Das hat auch VdK-Kreisgeschäftsführer Andreas Konow festgestellt. Der VdK berät Betroffene bei Fragen zur Rente. Fälle wie Selbstständige, die gut verdient haben, aber nicht gesetzlich versichert sind, landen ebenfalls auf seinem Schreibtisch. Es müssten viele Fragen geklärt werden, etwa ob der Betroffene nun schwerbehindert ist, ob die Berufsgenossenschaft einspringt, eine Betriebsrente oder Arbeitslosengeld bezahlt wird, sobald das Krankengeld ausläuft. Manchmal kommen die Betroffenen auch viel zu spät, was das Verfahren zusätzlich hinauszögert, so der VdK-Kreisgeschäftsführer. Manchmal könne es bis zu zwei Jahre dauern, bis die finanzielle Versorgung geklärt ist, erklärt Konow.

Haben Alleinerziehende ein behindertes Kind, erhöht sich das Armutsrisiko nach Angaben des pädagogischen Leiters der Lebenshilfe Starnberg, Christian Münzel, um weitere 20 Prozent. Denn meistens kommen mehrere Faktoren zusammen. Bei Kindern mit geistiger Behinderung, die in der Lebenshilfe betreut werden, werden laut Münzel häufig Doppeldiagnosen gestellt. Etwa 25 Prozent der Betroffenen leiden unter einer Autismus-Spektrums-Störung, andere haben Anfallserkrankungen oder degenerative Muskelerkrankungen. Zwar werden die Kinder in den Lebenshilfe-Einrichtungen tagsüber betreut. Doch abends oder an den Wochenenden sind die Eltern oft auf sich alleine gestellt. Für die betroffenen Kinder könne man nicht einfach einen Babysitter einsetzen. "Wir haben zwar einen familienentlastenden Dienst, aber der kann nicht alles abdecken", sagt Münzel. Alleinerziehende oder Berufstätige im Schichtdienst müssen oft aufhören zu arbeiten, um ihr Kind betreuen zu können. Dann fällt ein Einkommen weg und die Spirale nach unten beginne. Nach der Erfahrung des pädagogischen Leiters hat der Anteil der Eltern, die ins Armutsrisiko abgleiten, in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. "Oft müssen 80-jährige Eltern noch ihr 60-jähriges Kind betreuen." Das sei extrem herausfordernd.

Die Betreuungs- und Beratungseinrichtungen leiden ebenfalls unter Geldmangel. Zum einen haben die Kommunen nach Angaben von Caritas-Kreisgeschäftsführer Ulrich Walleitner wirtschaftliche Zwänge und die Unterstützungsleistungen sinken. Zum anderen werden auch die Eigenmittel weniger. Wenn die Kirchensteuereinnahmen wegen der vielen Kirchenaustritte wegbrechen, bringt das die Caritas in finanzielle Nöte. Für Walleitner stellt sich die Frage, inwieweit die Sozialleistungen noch aufrechterhalten werden können. Zuwendungen der Wirtschaft fallen ebenfalls weg. So mustern Firmen ihre Fahrzeuge nicht mehr aus, die sie früher der Caritas gespendet hätten, um beispielsweise Möbel abzuholen oder auszuliefern. Diese Fälle haben durch die Flüchtlinge aus der Ukraine stark zugenommen. Das alte Fahrzeug ist jetzt zehn Jahre alt, Reparaturen sind laut Walleitner nicht mehr rentabel. Für das Sozialkaufhaus benötigt die Caritas dringend einen neuen Lieferwagen. Hier könnte der SZ-Adventskalender helfen.

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