Rückblick:Ein Schutzraum für Frauen

Rückblick: Der Frauennotruf unter Leitung von Claudia Sroka bekam im vergangenen Jahr vom SZ-Adventskalender einen Zuschuss für dringend benötigte Büroausstattung.

Der Frauennotruf unter Leitung von Claudia Sroka bekam im vergangenen Jahr vom SZ-Adventskalender einen Zuschuss für dringend benötigte Büroausstattung.

(Foto: Nila Thiel)

Der Verein "Frauen helfen Frauen" hilft unbürokratisch und schnell, wenn Frauen Gewalt erlebt haben. Im vergangenen Jahr unterstützte der SZ-Adventskalender die Einrichtung mit neuen Möbeln. Jetzt ist der Notfalltopf leer.

Von Carolin Fries, Herrsching

Natürlich hat der Frauennotruf geholfen. Und zwar schnell und unbürokratisch mit Geld aus dem sogenannten Notfalltopf. Die zwei Kinder brauchten Schulbücher und Hefte. Die Mutter, frisch von ihrem Mann, dem Vater der Kinder, getrennt, wusste nicht, wie sie die Anschaffungen sonst finanzieren sollte. Unterhalt zahlte der Mann bislang nicht. Stattdessen terrorisierte er seine Ex-Frau, lauerte ihr auf und stalkte sie. Beim Herrschinger Verein "Frauen helfen Frauen" bekam die Mutter Hilfe. Nicht nur finanziell. Sie fand hier auch die Unterstützung, einen Gewaltschutzantrag zu stellen. Für sechs Monate darf sich ihr Ex-Mann ihr nun nicht mehr nähern.

"Unbürokratisch helfen zu können, das ist enorm wichtig", sagt Claudia Sroka. Die Sozialpädagogin leitet die Einrichtung seit vielen Jahren und weiß: Erst wenn Alltagsdinge wie Schulbücher bezahlt und der Kopf frei ist, kann sich die Frau den anderen Problemen stellen. Sroka und ihr Team kümmern sich insbesondere um Frauen, die Gewalt erlebt haben, ganz gleich in welcher Form und wie lange die Erlebnisse zurückliegen. Ihr trauriges Fazit von 2022 lautet: Es werden nicht weniger. 850 Kennenlerngespräche verzeichnete der Verein im vergangenen Jahr, 233 Frauen wurden einmal oder öfter beraten. Die meisten davon sind älter als 18 Jahre, doch auch fünf Mädchen und Jugendliche haben Hilfe bei den Pädagoginnen gesucht. Außerdem ließen sich Angehörige und Fachpersonal von den Expertinnen beraten sowie auch eine Handvoll Männer.

"Häusliche Gewalt ist nach wie vor das Hauptthema", sagt Sroka. Den Anteil schätzt sie auf 80 Prozent. Im vergangenen Jahr hätten zudem die sexuellen Übergriffe zugenommen, "auch jungen Frauen gegenüber", wie Sroka berichtet. Immer noch täten sich viele Betroffene schwer, den Absprung zu schaffen. Angst, Unsicherheit und auch emotionale Abhängigkeit ließen viele Frauen zögern. Hinzu komme, dass sie oft von ihren Partnern unter Druck gesetzt würden, das Jugendamt würde ihnen im Fall einer Trennung die Kinder wegnehmen oder sie würden von der Familie verstoßen. Wer es dennoch schafft, sich an den Verein "Frauen helfen Frauen" zu wenden, schaffe es meist, einen Weg aus der Gewaltbeziehung zu finden. Dabei sind die Sozialpädagoginnen ehrlich: "Wir sagen nie, dass es einfach wird", erklärt Sroka.

Oft ist es mühsam, zunächst einmal eine sichere Bleibe für die Frauen zu finden oder dafür zu sorgen, dass der Partner auszieht, dass die Finanzen geregelt werden und das Umgangsrecht mit gemeinsamen Kindern. In vielen Fällen täten sich Frauen schwer, die Übergriffe klar und deutlich zu benennen, sagt Sroka. Weil sie sich an Beschimpfungen und Bedrohungen gewöhnt haben und weil sie die Schuld dafür bei sich suchen. Dass es nicht normal ist in einer Ehe, vom Partner mit dem Tod bedroht zu werden, das bekommen sie beim Frauennotruf vermittelt. Und auch, dass es kein "korrektes Verhalten" gegenüber dem Partner gibt, um Gewaltexzessen vorzubeugen.

"Kinder sind immer mitbetroffen", sagt Claudia Sroka

Seit Anfang dieses Jahres kümmert sich der Verein auch um Kinder, deren Mütter in ihren Beziehungen Gewalt erlebt haben. "Kinder sind immer mitbetroffen", sagt Sroka. Eine neutrale Person als Ansprechpartner sei wichtig. Der Verein hat in Herrsching eine Dreizimmerwohnung gemietet, es gibt ein Büro und zwei Beratungsräume. Im vergangenen Jahr hat der SZ-Adventskalender die Ausstattung mit neuen Möbeln unterstützt. Wer hier Hilfe sucht, soll sich wohlfühlen. Vor wenigen Wochen war eine chinesische Frau da, die mit Mann und Kind nach Deutschland geflüchtet ist. In der Gemeinschaftsunterkunft wurde ihr Mann gewalttätig, sie hat sich getrennt. Doch wie soll sie das jetzt schaffen, alleine mit einer jugendlichen Tochter in einem Land, dessen Sprache sie erst noch lernen muss? "Es fehlt an allem", sagt Claudia Sroka, die aus dem Notfalltopf zuletzt Second-Hand-Kleidung für die Frauen bezahlt hat. Jetzt ist der Topf nahezu leer. Die Not aber ist weiter da.

So können Sie spenden

Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung e.V.

Stadtsparkasse München

IBAN: DE86 7015 0000 0000 6007 00

BIC: SSKMDEMMXXX

www.sz-adventskalender.de

Zur SZ-Startseite

SZ PlusZwischen Fürsorge und Altersarmut
:"Ich kann meine Kinder nicht im Stich lassen"

Pflegemutter Vera Pein aus Inning hat mehr als 60 Pflegekinder großgezogen. Doch Rente bekommt die 66-Jährige nicht. Deshalb will sie nun in ein Tiny House umziehen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: