Starnberg Stressfrei durch den Advent

Kristin Bub hat aus einer persönlichen Krise heraus Mindful-Based Stress Reduction kennen- und schätzengelernt. Die 42-Jährige sagt, dadurch sei ihre Lebensqualität gestiegen.

(Foto: Georgine Treybal)

Wartezeiten nutzen, Routinen durchbrechen: Achtsamkeits-Trainerin Kristin Bub gibt Tipps, wie es gelingt, aus Gedanken- und Verhaltensmustern auszusteigen.

Interview von Carolin Fries

Kristin Bub, 42, war Mitte dreißig und arbeitete in der Unternehmenskommunikation bei Webasto in Stockdorf, als sie feststelle: Es fehlt etwas. Sie begann berufsbegleitend ein Studium der Wirtschaftspsychologie, denn "die Menschen interessierten mich". In ihrer Masterarbeit untersuchte die Münchnerin ein auf Achtsamkeit basierendes Programm für Führungskräfte. Sie selbst hatte in der Doppelbelastung mit Job und Studium gemerkt, wie gut ihr Meditation tut. Inzwischen ist Bub Personalentwicklerin bei Webasto und gibt Kurse in Mindful-Based Stress Reduction (MBSR), auf deutsch Achtsamkeit.

SZ: Wie hat Sie die Ausbildung zur Achtsamkeits-Lehrerin verändert?

Kristin Bub: Sehr umfassend, da könnte ich jetzt Stunden erzählen. Zusammengefasst kann ich sagen, dass meine Lebensqualität gestiegen ist.

Was genau ist Achtsamkeit?

Es geht im Kern darum, bewusster zu leben. Wir sind sehr viel in automatischen Gedanken- und Verhaltensmustern gefangen aus unbewussten Routinen, die wir gar nicht hinterfragen. In der Achtsamkeit trainiert man, wieder in den Moment zu kommen. Zu 80 Prozent sind wir mit unserem Kopf und unseren Gedanken nicht da, wo wir physisch sind. Morgens unter der Dusche: Duschen Sie oder denken Sie daran, was Sie nachher machen werden? Das verursacht Stress, weil der Körper immer woanders ist als der Geist.

Warum tut sich der Mensch so schwer damit, mit den Gedanken im Moment zu bleiben.

Achtsamkeit ist eine grundlegende menschliche Fähigkeit. Kleine Kinder beispielsweise sind sehr achtsam. Es ist unsere Sozialisation und die zunehmende Ablenkung durch Globalisierung und Digitalisierung, die Aufmerksamkeit inzwischen zu einem schützenswerten Gut machen.

Ist das ein Phänomen unserer Zeit?

Nein. Schon vor 2000 Jahren haben die Menschen Achtsamkeit trainiert.

Warum?

Es liegt auch an unserer Biologie. Unser Gehirn ist evolutionsbiologisch darauf trainiert, immer nach neuen Reizen zu suchen. Es könnte schließlich hinter jeder Ecke der Säbelzahntiger lauern. Wir sind gewohnt, auf Reize sofort zu reagieren, was wiederum unser Belohnungssystem aktiviert. Bloß: Die Zeiten haben sich geändert, es lauern uns keine wilden Tiere mehr auf. Das Gehirn aber ist immer noch so programmiert.

Das heißt, wir befriedigen die Reizlust durch Gedankensprünge und Planungen.

Planen ist ja grundsätzlich nichts Falsches. Aber wir übertreiben es. Gerade wir Deutschen sind ja extrem stolz auf unsere Kopfarbeit, prahlen mit Multitasking. Was das Gehirn betrifft, gibt es Multitasking bei komplexeren Tätigkeiten, zu denen schon Bügeln oder Telefonieren zählen, gar nicht. Die einzelnen Handlungs-Sequenzen werden einfach sehr schnell nacheinander geschaltet, das braucht unglaublich viel Energie und verursacht Stress. Dabei vergessen wir uns oft selbst. Wie viele Menschen sitzen an ihrem Arbeitsplatz und vergessen zu trinken?

Wie kommt man da raus?

Es geht nicht darum, Gedanken abzuschalten. Sondern aus dem mentalen Autopiloten rauszutreten und sich zu fragen: Was ist jetzt gerade? Ein gutes Mittel, in den Moment zu kommen, ist die Körperwahrnehmung - gerade weil wir meist mit unseren Gedanken im Kopf sind. Für einen Moment die Augen zu schließen, tief ein- und auszuatmen und zu spüren, wie atme ich. Oder einen Body-Scan zu machen und mit der Aufmerksamkeit durch den Körper zu wandern, von den Füßen bis rauf zum Nacken einmal hinzuspüren und unnötige Anspannungen lösen.

Und was tun, wenn wieder alle gleichzeitig was wollen?

Mir hilft es, den Tag bewusst zu gestalten. Das heißt ich setzte ein Zeitfenster, um beispielsweise E-Mails abzuarbeiten. In dieser Zeit gehe ich nicht ans Telefon und lese keine WhatsApp. Und wenn der Kollege ins Büro kommt und fragt, ob ich mal kurz Zeit habe, dann frage ich ihn, ob das auch in einer Stunde ginge. Ich schaffe mir selbst Raum, um möglichst gut und schnell meine Sachen machen zu können. .

Das klingt nach Zeitmanagement.

Das ist auch Zeitmanagement, aber Achtsamkeit passiert noch eine Stufe tiefer. Indem ich mir bewusst mache, dass ich derjenige bin, der das steuert. Das hilft übrigens auch im privaten Bereich, wenn Eltern sich fragen, wo sie selbst als Person bleiben zwischen Familie und Beruf. Auch dann wäre es ratsam, wenn sie sich bewusst Zeit für sich selbst einplanen.

Aber auch Unternehmen bieten inzwischen Kurse an, auch der Automobilzulieferer Webasto.

Ich unterrichte hier inzwischen seit drei Jahren. Mittlerweile habe ich einen kleinen, begeisterten Stamm an Kollegen, lustigerweise fast die Hälfte Männer. Die sagen: Ja, das hilft mir, rauszukommem aus dem hetzigen Arbeitsalltag. Dabei geht es nicht um Selbstoptimierung. Achtsamkeit heißt auch, sich dem anderen Menschen zuzuwenden. Etwa: Wie höre ich bewusst zu? Gelingt es mir im Gespräch, meinen eigenen inneren Film zurückzustellen, wirklich nachzufragen anstatt zu kommentieren?

Was meinen Sie, wie ließe sich mit kleinen Dingen die Vorweihnachtszeit bewusster erleben?

Man kann zum Beispiel prima Wartezeiten für einen Body-Scan nutzen, ganz gleich ob das in der Schlange im Supermarkt ist oder im Aufzug. Auch gut: Routinen durchbrechen: Mal einen anderen Weg zur Arbeit nehmen, bewusst morgens duschen. Und wenn der Geist mit den Gedanken abhaut - sie immer wieder freundlich zurückholen. Das mag banal klingen, hat aber eine große Wirkung.

Was genau passiert?

Es verändert erwiesenermaßen die Hirnstrukturen.

Das Zukunftsinstitut von Matthias Horx hat Achtsamkeit zum nächsten Megatrend ausgerufen.

Ja. Achtsamkeit ist keine Wunderpille, aber sie verbessert das Leben. Die schönen Dinge werden noch schöner, zum Beispiel eine Achterbahnfahrt: Wenn man intensiver die Freude spürt und wie das Adrenalin durch den Körper schießt. Gleichzeitig lernt man, auch mit unangenehmen Gefühlen umzugehen. Man drückt sie nicht weg, gibt ihnen Raum, verliert sich aber nicht darin. Ich behaupte, in einigen Jahren gehört Meditation zur Basis-Ausbildung in Schulen und Unternehmen.