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100 Tage im Amt:Starnbergs digitaler Landrat

Starnberg: LRA neuer Landrat - Stefan Frey

Als Landrat leitet Stefan Frey eine Behörde mit 600 Beschäftigten. Ins Büro kommt nur noch ein Teil von ihnen jeden Tag, viele arbeiten im Home-Office.

(Foto: Nila Thiel)

Stefan Frey ist seit drei Monaten im Amt und für die Bürger auf vielen Kanälen erreichbar. In seiner Behörde plant er das papierlose Büro und die E-Akte.

Von Michael Berzl

Die beiden Handys müssen immer mit. Ein privates und ein dienstliches. Und ein mobiler Hotspot. "Da habe ich überall Wlan", strahlt Landrat Stefan Frey (CSU) und sucht auf seinem aufgeräumten, eigentlich fast leeren Schreibtisch ein kleines weißes Kästchen hervor. "Ich bin eine Junkie. Ich muss immer wissen, was los ist, was gerade passiert." Trotz und zum Teil auch wegen der Corona-Krise passiert gerade einiges im Starnberger Landratsamt, wie der Chef der Behörde feststellen muss. "Spannend war es. Es ist jeden Tag ordentlich was zu tun", sagt er rückblickend über seine ersten hundert Tage im Amt. Sein Arbeitstag beginne um 8.30 Uhr, bis die letzten Mails gelesen sind, werde es oft 20 Uhr.

Der Umgang mit neuen Medien macht dem 45-jährigen Juristen sichtlich Spaß. E-Mails, die ihn erreichen, beantwortet er am liebsten selbst, und das können oft 15 Zuschriften am Tag sein. Da kann es um Bauanfragen gehen, um zugeparkte Straße oder Verkehrsprobleme. Überhaupt ist Frey auf vielen Kanälen zu erreichen. Über seine dienstliche und seine private Mail-Adresse, via Facebook und den dazugehörigen Massenger-Dienst, selbst seine Handy-Nummer hat er veröffentlicht. "Man kann sowas nicht im Wahlkampf aufmachen und dann wieder zumachen. Das geht nicht", findet Frey.

Es trifft sich gut, dass der neue Starnberger Landrat sich so fürs Digitale begeistern kann, denn gerade in der Corona-Krise ersetzen diverse Medien die direkte Begegnung. Zahlreiche Abendtermine, die sonst mit so einem Amt verbunden sind, bleiben Frey derzeit erspart. Grußworte wie beispielsweise für Abschlussfeiern in der Gautinger Realschule oder im Tutzinger Gymnasium hat er per Handy aufgenommen und online geschickt. Selbst hausintern laufen viele Besprechungen und Abstimmungen nun telefonisch. Radio- und Fernsehsender lassen sich Aufnahmen schicken und kommen nicht mehr mit Kamerateams und Aufnahmegerät.

Der Einsatz neuer Medien, die im Starnberger Landratsamt seit drei Monaten eine immer größere Rolle spielen, ist nur der Auftakt; in der schon eingeschlagenen Richtung geht es künftig weiter. So ist die Einführung der E-Akte dem Landrat ein Anliegen. Was bis jetzt noch auf Papier dokumentiert ist, wird nach und nach eingescannt und digitalisiert und ist so leichter und schneller greifbar. Frey strebt das papierlose Büro an und praktiziert das an seinem Arbeitsplatz offenbar schon recht konsequent. Papier ist da kaum zu sehen.

Wie in vielen anderen Berufen auch, arbeiten auch viele der insgesamt 600 Beschäftigen des Landratsamts jetzt zu Hause. Die Möglichkeit, im Home-Office zu arbeiten, weitet Frey nun deutlich aus. Eine entsprechende Dienstvereinbarung mit dem Personalrat wurde bereits getroffen. "Ich möchte schon, dass wir oben auf der Welle schwimmen, was diese neuen Möglichkeiten betrifft", erklärt Frey. Neu eingeführt hat er außerdem eine tägliche Besprechungsrunde mit den Fachbereichsleitern, die jeweils um 9 Uhr zusammenkommt. Eine halbe Stunde lang können sie sich über die aktuellen Entwicklungen austauschen. Direkt und ganz analog.

Als Frey im Mai die Nachfolge von Karl Roth als Landrat angetreten hatte, war die Corona-Pandemie schon das alles bestimmende Thema geworden. Vorläufiger Höhepunkt war Anfang Juli der Ausbruch der Krankheit bei dem Caterer Apetito in Gilching, wo sich fast die Hälfte der etwa 100 Mitarbeiter infizierten und fünf Flüchtlingsunterkünfte und zwei Schulklassen unter Quarantäne gestellt werden mussten. Der Virus diktiert auch heute noch die Agenda. So stellt sich der Landrat darauf ein, dass er auf Wunsch der Staatsregierung ein Testzentrum einrichten muss, vermutlich in der Maxhof-Kaserne und macht sich schon Gedanken über die Finanzierung. Aber es gibt auch Aufgaben abseits von Corona. Und bei einigen Themen sieht Frey nach hundert Tagen im Amt deutliche Fortschritte. Zum Beispiel die Einführung eines Pflegestützpunktes, die im Juli beschlossen wurde. Diese zentrale Anlaufstelle soll Angehörigen von Pflegebedürftigen den Weg durch den Antrags-Dschungel erleichtern und die richtigen Ansprechpartner vermitteln. Auch die Übernahme des Tutzinger Gymnasiums kann Frey auf seiner To-Do-Liste abhaken.

Schwieriger als erwartet erweist sich hingegen die Umgestaltung der Krankenhaus-Landschaft nach der Übernahme der Schindlbeck-Klinik in Herrsching; insbesondere die Suche nach dem Standort für den Bau einer neuen Klinik werde eine große Herausforderung darstellen: "Da sind wohl noch größere politische Diskussionen in Seefeld und Herrsching notwendig."

Es ist eine Menge Arbeit, die in schwierigen Zeiten auf den Starnberger Landrat zukommt. Wenn er von seinen Aufgaben erzählt, wirkt das, als hätte er echte Freude daran. Der Polit-Profi wusste, was ihn erwartet, schließlich hat er ein Amt übernommen, das sein Vater Heinrich Frey von 1996 bis 2008 innehatte. Junior Stefan war Stadtrat in Starnberg und hat bis zu seinem Wechsel ins Landratsamt das Referat für Grundsatzfragen im bayerischen Innenministerium geleitet.

Im Vergleich dazu ist jetzt die zeitliche Belastung erheblich größer. Das merkt auch seine Familie, für die der neue Landrat nun wesentlich weniger Zeit hat. Da ist ein gemeinsames Mittagessen mit Ehefrau und den drei Kindern im Alter von fünf, sieben und neun Jahren schon etwas Besonderes. In den letzten beiden Ferienwochen fährt Frey mit seiner Familie in den Urlaub nach Italien ans Meer. Das Tablet aus dem Büro bleibt in Starnberg. Die beiden Handys aber müssen mit. Schauen, was passiert.

© SZ vom 17.08.2020

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