Ehrenamtliche Helfer:"Die Tagespflege wird immer mein Baby bleiben"

Ehrenamtliche Helfer: "14 Jahre Ehrenamt sind dann vielleicht auch einmal genug": Sigrid von Schroetter hat neben ihrem Job auch noch eine Tagespflege in Seeshaupt etabliert.

"14 Jahre Ehrenamt sind dann vielleicht auch einmal genug": Sigrid von Schroetter hat neben ihrem Job auch noch eine Tagespflege in Seeshaupt etabliert.

(Foto: Oleksandr Latkun/IMAGO)

Sigrid von Schroetter hat als langjährige Vorsitzende der Nachbarschaftshilfe in Seeshaupt eine Tagespflege aufgebaut. Dafür wird sie nun mit dem "Weißen Engel" ausgezeichnet.

Interview von Kia Ahrndsen, Seeshaupt

Sigrid von Schroetter (62) war von 2006 bis 2020 ehrenamtliche Vorsitzende der Nachbarschaftshilfe in Seeshaupt, einem Verein, der unter dem Motto "von Seeshauptern für Seeshaupter" Unterstützung in allen möglichen Lebenslagen für Menschen aller Altersstufen bietet. Sie hat 2009 die Gründung der "Tagespflege Tiefental" angestoßen, in der ältere und pflegebedürftige Menschen aus Seeshaupt und Umgebung den Tag verbringen können und dabei von Fachkräften betreut werden. Sigrid von Schroetter wurde jetzt vom Bayerischen Gesundheitsministerium geehrt: Der "Weiße Engel" wird für langjähriges und regelmäßiges Engagement im Gesundheits- und Pflegebereich an höchstens 70 Personen im Jahr verliehen.

SZ: Wie haben Sie von dem Preis erfahren?

Sigrid von Schroetter: Ich habe vom Gesundheitsministerium einen Brief bekommen, in dem ich zu einer Ehrung eingeladen wurde. Ich habe das nur kurz durchgelesen, weil ich gerade Besuch hatte und habe zu meinem Mann gesagt: Da bin ich zu einer Ehrung eingeladen, da gehe ich nicht hin, da habe ich keine Zeit. Mein Mann hat den Brief ein bisschen genauer gelesen und gesagt: Ich glaube, da gehst du schon hin. Schließlich wirst du geehrt. Also habe ich mir die Zeit genommen. Später hat sich herausgestellt, dass in der Nachbarschaftshilfe schon ganz viele Leute Bescheid wussten. Das Ministerium hatte vorab schon Einzelheiten erfragt für die Laudatio. Aber niemand hat mir ein Sterbenswörtchen verraten.

Ehrenamtliche Helfer: 14 Jahre an der Spitze der Nachbarschaftshilfe in Seeshaupt: Dafür erhält Sigrid von Schroetter eine Auszeichnung vom Gesundheitsministerium.

14 Jahre an der Spitze der Nachbarschaftshilfe in Seeshaupt: Dafür erhält Sigrid von Schroetter eine Auszeichnung vom Gesundheitsministerium.

(Foto: privat)

Was bedeutet der Preis für Sie?

Ich denke, er bedeutet, dass das, was man tut, gesehen wird. Wobei, ehrlich gesagt, ist mir zum Beispiel die Bürgermedaille hier im Dorf wichtiger. Ich habe meine Arbeit ja nicht wegen einer Ehrung gemacht, sondern ich wollte die Seeshaupter gut aufstellen, wenn sie alt werden. So dass wir zumindest einen großen Teil der Bedürfnisse als Nachbarschaftshilfe abdecken können. Ich finde es aber schon sehr schön, dass mich irgendjemand - oder mehrere - für den "Weißen Engel" vorgeschlagen haben, weil sie meinen, es ist etwas Besonderes.

Seit fast einem Jahr sind Sie aus dem Alltagsgeschäft ausgeschieden. Wie geht es Ihnen damit?

Wunderbar. Ich bin mehr beschäftigt denn je. Ich bin nach wie vor natürlich bei der Nachbarschaftshilfe dabei, ich mache bei der Tagespflege auch noch die Buchhaltung und kümmere mich um das eine oder das andere. Die Tagespflege wird immer mein Baby bleiben. Die Nachbarschaftshilfe ist in guten Händen. Ich bin nach wie vor mit Rat und Tat da, wenn mich jemand braucht, aber ich denke, alles hat seine Zeit. 14 Jahre Ehrenamt sind dann vielleicht auch einmal genug.

Wie sind Sie denn damals auf die Idee mit der Tagespflege gekommen?

Das war ganz spannend: Ich saß im Auto auf dem Weg zur meiner damaligen Arbeit an der Uni in München und habe eine Reportage in Bayern 1 gehört über eine Tagespflege in Rosenheim, von einer Nachbarschaftshilfe. Zu einer Freundin, einer Krankenschwester, habe ich gesagt: Lass uns da hinfahren und das anschauen. Was Rosenheim kann, das können doch wir in Seeshaupt auch. Bei unserem Besuch haben sie uns alles gezeigt. Wir waren ja schon wegen der Entfernung keine Konkurrenz, und wir waren hellauf begeistert. Wir haben dann drei Jahre geplant, und schon gab es eine Tagespflege in Seeshaupt.

Gab es dabei viele Widerstände zu überwinden?

Ja. Es war neu, Demenz war noch nicht so präsent in den Köpfen, wie sie es heute ist. Und natürlich brauchten wir die politische Gemeinde in Seeshaupt. Es musste Überzeugungsarbeit geleistet werden: Warum brauchen wir so etwas? Kriegen wir die Tagespflege mit Seeshaupter Gästen voll? Natürlich nicht. Wir müssen alle anderen ringsum mitnehmen. Aber das ist ja der Sinn und Zweck einer Nachbarschaftshilfe. Der nächste Ort sind auch unsere Nachbarn. Es gab auch Leute, die gefragt haben: Warum sollen wir investieren für Menschen aus einem anderen Dorf? Aber das ist doch ganz einfach: Wenn wir nicht auch in diese Menschen investieren, haben auch die Seeshaupter keine Tagespflege.

"Da sind wirklich tolle Ideen entstanden"

Was ist denn Ihre schönste Erinnerung an die Zeit im Ehrenamt der Nachbarschaftshilfe?

Ich erinnere mich sehr gerne an die erste Zeit, diese Aufbruchstimmung, da sind wirklich tolle Ideen entstanden. Außerdem hat mich immer gefreut, wie präsent die Nachbarschaftshilfe in den Köpfen der Seeshaupter ist. Da haben meine Vorgängerinnen wirklich wunderbare Arbeit geleistet. Und nicht zuletzt das freundliche und konstruktive Miteinander im Vorstand ist eine wirklich schöne Erinnerung an diese Zeit.

Und was vermissen Sie überhaupt nicht?

Das ständige "unter Strom stehen" geht mir wirklich nicht ab, alles im Blick zu behalten, zu koordinieren und zu delegieren: Das ist zwischendurch - man hat ja auch noch einen Job, eine Familie, Haus und Garten - schon sehr herausfordernd. Jetzt ist es etwas ruhiger, das kann ich sehr genießen.

Ehrenamtliche Helfer: Aufbruchstimmung in der Tagespflege: Sigrid von Schroetter mit der Pflegedienstleiterin Claudia Kümmerle am Klavier im Januar 2012.

Aufbruchstimmung in der Tagespflege: Sigrid von Schroetter mit der Pflegedienstleiterin Claudia Kümmerle am Klavier im Januar 2012.

(Foto: Manfred Neubauer)

Haben Sie schon ein nächstes Projekt?

Nein, ich nicht mehr. Ich konzentriere mich jetzt auf meinen Mann. (lacht) Die Tagespflege läuft, da braucht es kein neues Projekt. Die Nachbarschaftshilfe hat viele spannende Dinge, die sie machen möchte. Und wenn ich da im Hintergrund unterstützen kann, bin ich gerne mit dabei, aber jetzt sollen mal andere Besen kehren.

Neben Sigrid von Schroetter wurde aus dem Fünfseenland auch Carola Riedner mit dem "Weißen Engel" ausgezeichnet. Riedner hat in Gauting den Ambulanten Hospizdienst gegründet.

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