Lebende Krippe Ein Dorf spielt Weihnachten

Die 22 Jahre alte Daniela Strauß verkörpert die Mutter Gottes schon zum fünften Mal. Denn in Andechs hat es Tradition, die Geburt Jesu auf dem Christkindlmarkt mit lebenden Menschen und Tieren darzustellen.

Von Ute Pröttel, Andechs

Für Daniela Strauß beginnt die Weihnachtszeit, wenn sie in die Rolle der Maria schlüpft. Bereits im fünften Jahr verkörpert die 22-Jährige aus Erling die Mutter Gottes in der "lebenden Krippe" auf dem Andechser Weihnachtsmarkt. Seit mehr als 40 Jahren ist die lebendige Darstellung der Geburt Jesu mit Ochs, Esel und blökenden Schafen die Attraktion des Christkindlmarktes am Heiligen Berg. Ihre Darsteller stammen aus alteingesessenen Erlinger Familien, in denen es schon Tradition ist, eine der Figuren zu verkörpern. "Meine Oma war eine der ersten Hirtinnen," erzählt Daniela Strauß nicht ohne Stolz. Die Teilnahme an dem Andechser Ereignis ist für sie auch Familientradition. Mit zwölf Jahren stand sie erstmals als Hirtenmädchen neben dem Heiligen Paar.

Daniela Strauß stellt schon zum fünften Mal die Mutter Gottes dar in der lebenden Krippe.

(Foto: Georgine Treybal)

"Nicht jede ist geeignet, die Rolle der Maria zu übernehmen", erklärt der 85-jährige Paul Trauner. "Man muss sich auf das freudige Ereignis konzentrieren und darf nicht freundlich aus der Krippe rausgrüßen oder quatschen." Trauner ist so etwas wie der Archivar der lebenden Krippe am Heiligen Berg. Bis vor zwei Jahren stand er von Beginn an jedes Jahr mit in der Darstellung. Die ersten zehn Jahre als Josef, dann rumorten die Leute: "O'ha, da hat's aber an oidn Josef, d'Maria". Trauner übernahm die Rolle des Oberhirten. Nun machen seine Knie und Füße das lange Stehen in der Kälte nicht mehr mit. Doch einmal in den drei Tagen, an denen der Christkindlmarkt rund um das Kloster stattfindet, geht er schon noch hinauf, um sich das schöne Bild in der mehr als 100 Jahre alten Scheune anzusehen. "Da ist fei nix aus Plastik", betont er. Außer dem Jesuskind. Das ist nicht echt.

Jeweils eine Stunde harren die Darsteller in stiller Pose aus. Dann gibt es eine halbe Stunde Pause. "Auch mit Thermostrumpfhose und Wärmepflaster kriecht die Kälte irgendwann durch die vielen Lagen der Kostüme", erzählt Daniela Strauß. Den schweren blauen Samtumhang den sie als Maria tragen wird spendierte einst die Familie der ersten Maria-Darstellerin, nachdem die sich bei eisigen Temperaturen schwer erkältet hatte. Und während Paul Trauner zehn Jahre lang den Zimmermann von Nazareth verkörperte, musste gerade in den ersten Jahren immer wieder eine neue Maria-Darstellerin gesucht werden. Heute teilt sich Daniela Strauß die Rolle mit ihrer jüngeren Schwester Martina und Christina Schölderle. Sie haben die insgesamt 13 Schichten so aufgeteilt, dass keine länger als zwei Stunden hintereinander in der Kälte sitzen muss. Beim An- und Umkleiden hilft Danielas Mutter, Sylvia Strauß. Sie war selber zehn Jahre lang die Maria und weiß, wie der weiße Schleier, eine ehemalige Altardecke, am besten hält und wie das historische Gewand mit Sicherheitsnadeln festgesteckt wird.

Die Idee zur Darstellung der Geburt Christi mit lebenden Personen und echten Tieren hatte einst der Benediktinermönch Frater Stephan. Im damaligen Andechser Bürgermeister Ludwig Mörtl fand er einen tatkräftigen Unterstützer, und so wurde in Andechs eine Tradition begründet, die heute an vielen Orten kopiert wird. Paul Trauner jedenfalls schwört Stein und Bein, dass es vor der Darstellung der lebenden Krippe am Heiligen Berg so etwas nicht gab. Bald war der Christkindlmarkt so überlaufen, dass gar keine Werbung mehr dafür gemacht wurde erzählt er und deutet auf Fotos mit einer dichten Menschenmenge vor der Absperrung zur Krippe. Das Fernsehen kam und von weit her Krippenvereine, die sich informierten.

Ein besonderes Merkmal der Andechser lebenden Krippe sind die tollen Kostüme. Vor allem die der Heiligen Drei Könige. "Die hat Frater Stephan höchst persönlich genäht", erzählt Trauner. Noch heute werden sie sorgfältig im Kloster verwahrt und jedes Jahr vor dem Adventsmarkt durchgesehen und eventuell ausgebessert. Ein paar Tage vor dem Adventsmarkt kommen dann einige der Darsteller zur Anprobe oder holen sich ihr Gewand ab, so wie Emil und Leonhard. Die beiden Viertklässler verkörpern die Königsbegleiter und sind dieses Jahr zum ersten Mal mit dabei. Besonders prächtig ist auch das Gewand des heiligen Nikolaus, der zweimal am Tag zur Krippe kommt und die Kinder beschert. Lange Jahre wurde er von Frater Stephan dargestellt, wer ihn dieses Jahr verkörpert, ist noch geheim.

Daniela Strauß hofft, dass sie noch einige Jahre die Mutter Gottes verkörpern darf. "Danach werde ich vielleicht Hirtin oder übernehme das Ankleiden der Maria." Der Andechser Tradition wird sie jedenfalls auch in Zukunft verpflichtet sein.

Der Andechser Christkindlmarkt unterhalb der Wallfahrtskirche in von Freitag, 7., bis Sonntag, 9. Dezember, jeweils von zwölf bis 20 Uhr geöffnet