bedeckt München 26°

Kultur:Zurück zum Ornament

Die Dießener Künstlerin Ulrike Umlauf-Orrom arbeitet seit 37 Jahren ausschließlich mit Glas. Ihre Entwicklung ist derzeit in einer großen Werkausstellung in München zu sehen

Von Armin Greune, Dießen

Nein, Glasblasen hat sie nie gelernt. Das sei "eine Lebensaufgabe, die jeden Tag taktet: Wenn der Ofen läuft, muss man den Inhalt sofort abarbeiten, solange das Glas noch formbar ist," sagt Ulrike Umlauf-Orrom. Aber abgesehen vom ersten Herstellungsschritt stellt die Materie auch für die Dießener Künstlerin eine Lebensaufgabe dar: Seit fast 40 Jahren arbeitet sie fast ausschließlich mit Glas, verleiht der transparenten Materie Form und Farbe, Struktur und Textur. Ihr Schaffen lässt sich dabei in drei Phasen abgrenzen, die mit einem Zugewinn an künstlerischer Autarkie einhergingen. Das wird in der großen Retrospektive deutlich, die gerade in der Galerie für angewandte Kunst des Bayerischen Kunstgewerbevereins (BKV) in München zu sehen ist.

Seit 1991 lebt und arbeitet Umlauf-Orrom in Dießen. Ihr Atelier am Ortsrand unterscheidet sich kaum von den Keramikmanufakturen, für die der Ort bekannt ist. Selbst der Brennofen, den sie zum Glasverschmelzen nutzt, ist für Töpfer konzipiert. Tatsächlich ist Umlauf-Orrom auch mit Keramik groß geworden - allerdings nicht in Dießen: Neben ihrem Gymnasium in Kronach lag ein Werk der Rosenthal AG. Nach dem Abitur absolvierte sie auch eine Keramiklehre in der Nähe von Erding, bevor sie an der Münchner Fachhochschule Industriedesign studierte. Anschließend belegte sie drei Jahre lang ein Master-Studium am Royal College of Art in London - noch heute eine der weltweit renommiertesten Design-Universitäten. Geprägt von der strengen, nüchternen Formensprache deutscher Schule, erlebte sie eine Art Kulturschock: "Ich bin völlig ornamentlos ins dekorative, überladene England gekommen," erinnert sich Umlauf-Orrom und lacht.

In England hatte sie Zeit für die freie kreative Arbeit mit Keramik und Porzellan, doch im letzten Studienjahr entdeckte sie die Glaswerkstatt für sich. Ihre ersten Gefäße gestaltete sie aus frei geblasenem, dickem Glas, das sie schliff, polierte und durch Sandstrahlen strukturierte. So entstanden bis 1990 milchig-transparente, oft fein gemusterte Schalen von subtil asymmetrischer Form, die dennoch perfekt ausbalanciert wirken.

Hauptberuflich arbeitete Umlauf-Orrom danach zwei Jahre lang als Produktentwicklerin für eine Glasmanufaktur im Bayerischen Wald. Im Umgang mit Glas genügte ihr die reine Kaltbearbeitung auf Dauer nicht. So lernte sie schon 1984 in einem Sommerkurs in den USA, mit dem Sandguss eine weitere Technik anzuwenden. Mit Positivformen aus Gips entstanden in dieser zweiten Werkphase zweckfreie, aber höchst dekorative Objekte von archaischer Schönheit. Sie ähneln sich in ihrer harmonischen Form, die von der Halbkugel über den Zuckerhut bis zum Zylinder reicht und Spitzen oder kleine Ausstülpungen aufweisen kann. Doch ansonsten vermögen die Plastiken ganz unterschiedliche Geschichten zu erzählen: Die Assoziationen reichen dabei vom Helm eines Kriegers der griechischen Antike bis zur Qualle. Manche Stücke sind mit Sand oder Rost überzogen, andere transparent, oft von Metallpartikeln und Farbwolken durchzogen. Der Blick kann sich lange darin verirren, so wie in den Schneekugeln der Kindheit: Die Objekte erinnern an eine überspülte Insel, eine Seelandschaft oder ein Stück Himmel vor dem Gewitter. Auch in dieser Phase beschränkt sich Umlauf-Orrom meist auf dezente Farben, oft stehen rauchgrau oder kühles Blau warmen Erdtönen gegenüber.

Dießen Glaskünstlerin Ulrike Umlauf-Orrom

Bis zu 20 Stunden Arbeit und sechs Brennvorgänge stecken in ihren Schalen und Objekten.

(Foto: Georgine Treybal)

In den 1980er und 1990er Jahren war sie - auch gemeinsam mit ihrem Mann James Orrom - als freie Designerin erfolgreich: "Eigentlich habe ich mir mit den Lizenzen für Glas- und Porzellanentwürfe die eigene Werkstatt finanziert." Nach der Geburt des zweiten Kindes konnte Umlauf-Orrom auch nicht mehr tagelang verreisen, um in gemieteten Glasbläserwerkstätten ihre Plastiken zu gießen. 1998 richtete sie sich ihr Atelier mit eigenem Brennofen in Dießen ein; fortan widmete sie sich der Fusing-Technik, bei der aus Glasscheiben Formen geschnitten und miteinander verschmolzen werden. Dazu reichen Temperaturen von 800, zum Glasblasen wären mindestens 1400 Grad nötig: "Nun muss ich nicht mehr dorthin gehen, wo das Glas heiß ist." Etwa 30 Quadratmeter stehen Umlauf-Orrom am familieneigenen Passivhaus zur Verfügung. Platzkonkurrenz entsteht höchstens mal mit dem Modelleisenbau ihres Mannes: Nicht nur das Designstudium, auch den Drang zum feinhandwerklichen Schaffen haben die Orroms gemeinsam. "Ich bin ja auch so ein Tüftler", sagt die Künstlerin und zeigt ihr Skizzenbuch, in dem sie akribisch ihre Entwürfe, Farbrezepturen und handwerkliche Techniken festhält. Es ist schon der achte Band.

Nüchtern wirkt die Werkstatt mit Ofen, Sandstrahlgerät, Schleifstand, Arbeitsflächen und Regalen. "Alles wenig romantisch", findet sie selbst. Doch ihre Werkstücke verleihen dem Raum Strahlkraft. In der dritten Schaffensphase kehren Funktion, Dekor und die Manifestation technischer Kunstfertigkeit zurück. Aus den Scheiben schafft Umlauf-Orrom mit keramischen Formen Wellen- und Bogenobjekte - vor allem aber Schalen, die sie von flach und quadratisch bis zum Blütenkelch in vielen Variationen formt. Die im Glas verschmolzenen Farben schließen nun auch sattes Gelb und Rot ein. Wie Umlauf-Orrom die feinen Farbstreifen, Luftbläschen und regelmäßigen Muster erzeugt, ist ihr Künstlergeheimnis. Gern aber gibt sie Inspirationsquellen preis: Eine besondere Rolle nimmt dabei asiatische Textilkunst ein, die filigrane Ikat-Weberei beeindruckt sie schon seit der Zeit in London.

In jedem ihrer Unikate stecken bis zu 20 Stunden Arbeit und sechs Brände: Manche sind aus vier Schichten gefertigt, die erst einzeln und dann zusammen geschmolzen werden, immer wieder unterbrochen von Schleif- und Polierphasen, gefolgt von Kanten- und Oberflächenbearbeitung. Am Ende strahlen sie vollkommene Eleganz aus: Schlicht und doch ornamentiert lassen sie den geschulten Blick und die absolute Geschmackssicherheit Umlauf-Orroms erkennen. "Ich werde langsam wieder zur streng reduzierten Designerin, der Kreis schließt sich," sagt sie selbst.

Klare Formen, filigrane Strukturen: In ihrer dritten Werkphase findet Ursula Umlauf-Orrom zu dekorativen Mustern zurück.

(Foto: Ursula Umlauf-Orrom)

Ihrem Stoff Glas hat sie im Lauf von 37 Jahren auf drei ziemlich unterschiedlichen Wegen Leben eingehaucht - erst nur die Oberfläche, dann Form und Farbe, schließlich Substanz und Struktur selbst in die Hand genommen. Aber so wie Glas ein Schwebezustand zwischen fest und flüssig zu sein scheint, hält Umlauf-Orroms Werk in jeder Phase eine reizvolle Balance zwischen technischer und organischer Welt, grafischer Disziplin und natürlicher Verspieltheit, Organisation und Inspiration. Unter den Auszeichnungen ragt der bayrische Staatspreis mit Goldmedaille 2001 hervor, Objekte der Künstlerin wurden und werden in zahlreichen Ausstellungen - unter anderem in Japan, Südkorea, Großbritannien und Dänemark - ausgestellt.

Im ADK-Pavillon am Dießener Dampfersteg und in der Galerie für Angewandte Kunst in München, Pacellistraße 6-8, sind stets einzelne Objekte von Ulrike Umlauf-Orrom zu sehen. Die Werkausstellung dort ist noch bis 4. Juli montags bis samstags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Dazu ist ein 260-seitiger, attraktiv gestalteter Katalog für 35 Euro erschienen, der auch bei der Künstlerin bestellt werden kann: Tel. 08807/4510, info@umlauf-orrom-glas.de

© SZ vom 26.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite