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Konzert:Stimmige Chemie am Klavier

Ein Duo nicht nur am Klavier: Yaara Tal und Andreas Groethuysen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Yaara Tal und Andreas Groethuysen sind zu Gast in Herrsching

Von Reinhard Palmer, Herrsching

[ORTSMARKE]Herrsching[/ORTSMARKE] - Klavier ist das einzige Instrument, an dem zwei Interpreten zugleich musizieren können. Homogenität ist dabei geradezu eine Grundvoraussetzung, um in dieser Enge miteinander klarzukommen. Deshalb sind Klavierduos besondere Ensembles, bestehen oft aus Geschwistern oder Ehepaaren. Letzteres sind auch die Israelin Yaara Tal und Andreas Groethuysen, auch wenn sie als Klavierduo zunächst spontan zusammenfanden. Ein Glücksfall, denn die Chemie stimmte auf allen Ebenen. Und das tut es musikalisch jedenfalls bis heute, sowohl an einem wie an zwei Flügeln, wovon sich das Publikum der Herrschinger Konzerte im großen Saal des Hauses der bayerischen Landwirtschaft überzeugen konnte.

Die Gattung der Kompositionen für zwei Pianisten erlebte ihren Höhepunkt in den Hauskonzerten des 19. Jahrhunderts, doch erfunden wurde sie schon früher. Als Beethoven seine "Acht Variationen über ein Thema des Grafen Waldstein" WoO 67 komponierte - und noch vor op. 1 1794 in Bonn drucken ließ - ging es also um einen reinen Spaß der Salon-Amateure, der eben deshalb keine Opuszahl bekam. Was das Duo Tal und Groethuysen hier präsentierte, war aber keinesfalls eine seichte Fingerübung, zumal das Thema inzwischen Beethoven selbst zugeschrieben wird. Es stammte aus dem Ritterballett, dessen Geschichte zwar Waldstein erfand, doch wohl nicht die Musik, wie fälschlicherweise in der Druckfassung angegeben. Das sanft-melancholische Thema erwies sich jedenfalls überaus feinsinnig harmonisiert und wohlgeformt. Aber letztendlich kam es darauf an, wie Beethoven es variierte. Und der meisterhafte Improvisator am Klavier zog in diesem Zyklus viele Register. Die Reihe der Veränderungen geriet nicht nur reich an Ausdrucksmitteln und abwechslungsreich charakterisiert, sondern auch innerhalb jedes Satzes dreiteilig mit einem kontrastierenden Teil im Zentrum kunstvoll gestaltet. Das Duo Tal und Groethuysen vermochte dabei, das Changieren in der Charakteristik mit feinsinnigen Stimmungsnuancen auszustatten, sodass sich der Zyklus trotz nur selten strahlender Harmonik in einer reichen Farbenpracht offenbarte. Selbst ein Meisterpianist, ließ es sich Beethoven nicht nehmen, nicht nur seine schwärmerische Ader zu zeigen, sondern auch brillant-virtuose Einlagen einzuflechten, die das am Mozarteum Salzburg lehrende Duo in rasantem Ebenmaß, doch eher verhalten bravourös auslegte.

Die gewisse Systematik in der Anlage der Variationen interessierte Brahms wenig. Der Meister der weiterentwickelnden Variationen machte hier aber eine Ausnahme, als er diese Hommage an den verstorbenen Robert Schumann 1861 nach dessen letzten musikalischen Gedanken aus den so genannten Geistervariationen komponierte: Brahms nahm das Thema noch in die erste Variation mit, wiederholte es auch im trauerumflorten Finale des Zyklus, das sich in dunklen Tiefen verlor. Doch dazwischen griff das Duo des Abends die Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten mit musizierfreudigem Engagement auf und breitete ein weites Spektrum brahmsscher Finessen im pianistischen Fach aus. Das Thema geisterte durchaus zwischen den Zeilen, deutete sich wie eine ferne Erinnerung immer wieder an. Was aber im Vordergrund die zehn Variationen des damals 28-jährigen Komponisten ausmacht, sind die Finessen der vierhändigen Möglichkeiten, die Tal und Groethuysen dankbar erspürten. Beethoven ging im Grunde vom zweihändigen Satz aus und weitete ihn mit Substanz. Brahms nutzte die Möglichkeiten indes fast schon orchestral, was die Interpreten mit spieltechnischer Differenzierung und viel Fingerspitzengefühl umzusetzen verstanden.

Ein Kollege in Salzburg, der Komponist Reinhard Febel (geboren 1952), schuf bereits viele Werke für Klavier, auch in Doppelbesetzung. Gedanken über Bachs Werke machte er sich schon 1999 mit vierhändigen Choralbearbeitungen. 2013/14 nahm sich Febel, ermuntert von Tal und Groethuysen, Bachs "Kunst der Fuge" für zwei Klaviere vor. Dass er die 18 Stücke Studien nannte, liegt wohl an deren deutlich experimentellem Charakter. Mit allzu viel Respekt vor Bachs Musik konfrontierten Tal und Groethuysen dessen Fugenthema nur zaghaft mit zeitgemäßen Störelementen. So blieb die barocke Sinnlichkeit erhalten, in deren Klänge behutsam Reibungen, rhythmische Verschiebungen, sperrige Umstrukturierungen, beschwingtes Vorantreiben, freie Kommentare und viele andere Nuancen einflossen.

Das sphärische Ausklingen in leisesten Tönen mit anschließend langer Stille verlieh dem Werk nachträglich sakrale Würde.

© SZ vom 21.10.2020

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