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Konzert:Saxofon im Mittelpunkt

Weßling: Pfarrstadl Duo Millefleurs

Sarah Lilian Kober am Saxofon sowie die georgische Pianistin Nestan Heberger präsentieren sich in Weßling als eingespieltes Duo.

(Foto: Nila Thiel)

Das "Duo Millefleurs" testet die Grenzen des Blasinstruments in der klassischen Musik aus

Obgleich das Instrument schon 1840 erfunden wurde, kämpft das Saxofon immer noch um Akzeptanz im klassischen Konzertbetrieb. Vielleicht weil es allzu sehr vom Jazz in Beschlag genommen wurde. Komponisten taten sich im 19. Jahrhundert aber auch lange schwer damit, dem Klang zwischen Klarinette und Oboe einen festen Platz zuzugestehen. Das 2014 gegründete "Duo Millefleurs" hatte im Weßlinger Pfarrstadel auf Einladung des Vereins "Unser Dorf" allerdings keine Mühe, davon zu überzeugen, dass dem Saxofon so feinsinnige Möglichkeiten innewohnen, wie man sie von den seit Jahrhunderten etablierten Instrumenten her kennt.

Sarah Lilian Kober am Sopran- und Altsaxofon sowie die georgische Pianistin Nestan Heberger sind auch ein perfekt aufeinander eingespieltes Duo, das sich aus dem Bauchgefühl heraus auf die emotionalen Regungen der Kompositionen einlassen konnte, ohne Gefahr zu laufen, auseinanderzudriften. Das ist gerade im Programm der neuen CD "Kaleidoskop", in der es laut Korber um "Tänze aus aller Welt" geht von entscheidender Bedeutung. Vordringlich widmen sich die beiden Musikerinnen dabei dem konzertanten Tango. Inhaltlich im Grunde nur ein kleiner Schritt zurück zum unterhaltsameren Genre, allerdings ohne Abstriche in der klassischen Spielweise. Vielmehr ging es dabei um die Erweiterung des Spektrums um Leidenschaft, Temperament, Klangsinnlichkeit und viel Melancholie. Letzteres mögen sie besonders, gab Kober in ihren Ansagen zu. Es ist auch das Charakteristikum, in dem die Saxofonistin die Besonderheiten des klassischen Saxofonspiels am deutlichsten demonstrieren konnte. Es ging um ein empfindsames, plastisches Durchmodellieren einer warmen, runden Klangsubstanz, nah an der menschlichen Stimme. Dazu bot Heberger eine spitzfindige Pianistik, die bei den Tänzen naturgemäß Begleitung und Rhythmus zugleich ist, aber hier ganz kammermusikalisch immer wieder auch die präzise ausbalancierte zweite Stimme darbot.

Es gab einige Originalkompositionen für diese Besetzung. Aber weit mehr Bearbeitungen, die nach wie vor die Frage aufwerfen, ob der Einsatz des Saxofons, wie wir ihn heute kennen, dem Instrument und seinen Besonderheiten gerecht wird. Es gilt daher weiterhin zu experimentieren und neue Möglichkeiten zu erschließen, um letztendlich spekulativ herauszufinden, wie große Komponisten wie Bach, Händel, Haydn, Mozart oder aber Beethoven für dieses Instrument komponiert hätten. Welche klanglichen Qualitäten des Saxofons wären wohl für sie entscheidend gewesen?

Das Klavier-Nocturne "La Séparation" von Michail Glinka war ein Versuch, ins 19. Jahrhundert zurückzugreifen, um übers romantische Wogen eine Erzählstimme emporzuheben, die wie ein Lied ohne Worte einer leidenschaftlichen Dramaturgie folgte. Eine Formensprache, die mit den späteren Tangos etwa der Argentinier Astor Piazzolla - "Tango Final", "Oblivion" oder "Nightclub 1960" aus "Histoire du tango" - und Gustavo Beytelmann (geb. 1945), des Tunesiers Christian Lauba (geb. 1952), auch bekannt als Jean Matitia, sowie des Belgiers Alain Crepin (geb. 1954) die Möglichkeit an die Hand gab, emotional üppig zu differenzieren. Dafür hielt Kober auch reichlich spieltechnische Varianten bereit, den rhapsodischen Verläufen mit viel Fingerspitzengefühl adäquate Klangbilder zu geben.

Es steckte auch eine Portion Weltmusik in den Kompositionen, vor allem wenn es um die Walzer ging, die natürlich nichts mit dem tanzseligen Wiener Walzer zu tun hatten, auch wenn das melodische Element darin nicht zu kurz kam. Schon im "Le petit valse" Peter Ludwigs erhielt das sanfte Wirbeln einen vergnüglich singenden Teil. Der kubanische Jazzer Paquito D'Rivera (geb. 1948) oder der vor 32 Jahren verstorbene brasilianische Komponist Radamés Natali brachten indes folkloristische Elemente ins Spiel. Virtuosität und feuriges Temperament waren hier zwar häufig das Thema, doch besonders mit dem Csárdás (Vittorio Monti, Pedro Idurralde) und der wilden Tarantella Napoletana von Alfred Zambarano, der durchaus Rossinis Variante im Ohr gehabt haben dürfte, als er sie schrieb. Das Duo Millefleur konnte mit diesen Stücken reichlich Feuer schüren und auch ein mitreißendes Finale kreieren. Zwei Zugaben waren aber noch drin.

© SZ vom 20.01.2020
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