Konzert Musik-Happening

Noch sitzen alle: die bunt gemischte "Express Brass Band" bei ihrem Gastspiel im Herrschinger Café Blabla.

(Foto: Arlet Ulfers)

Dem Groove der "Express Brass Band" kann sich in Herrsching keiner entziehen - weder Kind noch Opa

Von Armin Greune, Herrsching

Ist das noch Konzert? Eigentlich ist es viel mehr: Ein Gesamtkunstwerk an Spielfreude und guter Laune, ein Ereignis. Man möchte es Happening nennen - wäre der Begriff nicht inzwischen so aus der Mode gekommen, dass er nur noch auf provokative Aktionskunst aus der Mitte des letzten Jahrhunderts angewendet wird. Jedenfalls hatten am Montag im Café Blabla des Herrschinger Kinos alle ihre Freude: Musiker, Mitwirkende und Publikum - wobei die Grenzen zwischen diesen Gruppen immer mehr verschwammen.

Es versteht sich daher von selbst, dass auch in diesen Zeilen nicht nüchtern festgehalten wird, wer wann womit welchen Ton (nicht) genau getroffen hat. Dieser Verzicht auf eine klassische Rezension dürfte auch ganz im Sinne der Express Brass Band sein. Nicht, weil die Protagonisten mangels musikalischen Talents oder technischer Fähigkeiten eine Bewertung zu fürchten hätten. Sondern weil es dem Selbstverständnis der Multikultitruppe als spontane Spaßkapelle entspricht, der Grooves und kreatives Chaos schon immer wichtiger waren als sterile Perfektion.

Bandleader Wolfi Schlick ist mit ihr 1999 in New Orleans gestartet und hat auf dem weiten Weg durch alle musikalischen Regionen von Chicago über den Orient bis nach Westafrika und den Maghreb Einflüsse und Mitstreiter eingesammelt. Mit der Avantgarde-, Jazz- und Weltmusik-Combo Embryo bestehen enge Verflechtungen, und genau wie das Ensemble des kürzlich gestorbenen Christian Burchard hat die Express Brass Band keine feste Besetzung: Im Moment zählt sie so um die 25 Mitglieder, die ihre Wurzeln unter anderem in Bayern, England, Italien, Marokko, Puerto Rico, Syrien und den USA haben.

In Herrsching standen zu Beginn acht Bläser, ein Drummer und Thomas Prosperi am Bass vom gastgebenden Verein "Wir schaffen das" dicht gedrängt vor der Leinwand. Der Gautinger Künstler und Drummer Groxi schloss sich an und wurde von weiteren Perkussionisten unterstützt, darunter zwei schwarzafrikanische Flüchtlinge, die einen begeisternden Trommel-Wirbel veranstalteten. Natürlich war auch das Publikum im voll besetzten Kinosaal bunt gemischt: Schließlich ist das Café Blabla im Kinofoyer ein interkultureller Treffpunkt von Asylbewerbern, Zuagroasten und Einheimischen. Aber auch das Alterspektrum der Besucher reichte vom Säugling bis zum Greis. Einem vielleicht fünfjährigen, offenbar zugewanderten Buben war es dann auch zu verdanken, dass aus dem Konzert endgültig ein rauschendes Fest wurde: Er tanzte so agil, ausgelassen und ansteckend, dass es immer weniger Zuhörer auf den Sitzen hielt. Egal, ob Banjo-Spieler Neil Vaggers "Radio Kabul", "Everything is Gonna Be Allright", "Feel Like Funkin' It Up" oder "Ich lass die Sau 'raus" sang - irgendwie machte jeder mit.

Und wer sein Sitzfleisch sich nicht von der Unterlage lösen konnte, der nahm an den Call & Response-Gesängen teil, die auch eine erstaunliche Qualität im Vergleich zur üblichen Konzert-Mitgrölerei entwickelten. Wohl keiner verließ das Happening, ohne wenigstens den Anflug eines Lächeln im Gesicht zu tragen. Passend zur Stimmung gab es eine frohe Botschaft: Obwohl das Breitwand-Kino diesmal wohl endgültig im April schließen soll, darf "Blabla" bis zum Umbau bleiben. Und das heißt auch, dass die im April 2017 gestarteten "MoMo"-Veranstaltungen vorerst weiterlaufen.