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Konzert:Mit weitem Bogen

Starnberg , Friedenskirche Konzert

Ungewöhnlicher Ansatz: Sänger und Instrumentalisten beim Konzert in der Starnberger Friedenskirche.

(Foto: Georgine Treybal)

Dirigent Frieder Lang verbindet bei der Aufführung von Bachs Weihnachtsoratorium Strenge und Glanz

Der Ansatz funktionierte erstaunlich gut. Die protestantisch strenge Wortauslegung mit der barocken Festlichkeit in Bachs Weihnachtsoratorium zu verbinden, ist von der Idee her nicht so leicht vorstellbar. Nach recht puristischen Interpretationen der vergangenen Jahre wagte Frieder Lang am Pult diesen scheinbaren Spagat. Schon bald zeigte sich aber, dass der Ansatz ganz und gar nicht widersprüchlich ist. Bach war schließlich seiner Zeit treu und zudem kein Kostverächter, dennoch protestantisch fromm.

SDG-Projektchor und -orchester (Soli Deo Gloria), die drei Chöre der evangelischen Kirchengemeinden Region Starnberg, der freien evangelischen Gemeinden München und Umgebung sowie der katholischen Universitätskirche St. Ludwig München ergaben gemeinsam einen beeindruckenden Vokal- und Instrumentalapparat. Die Sänger und Instrumentalisten, die schon mal hymnischen Klangfluten strömen ließen, fanden im Altarraum der relativ kleinen und fast ausverkauften Friedenskirche Starnberg gerade so Platz.

Dass der Ansatz durchdacht war, zeigte sich vor allem in den Chorälen, die in der Regel alle auf gleiche Weise eingefügt werden. Lang schaute sich indes die Inhalte genauer an, interpretierte aus der Textauslegung heraus und setzte die Choräle zueinander in Relation. "Wie soll ich dich empfangen, und wie begegn' ich dir?" stellte die Hörer auf eine Geduldsprobe. Im extrem langsamen Tempo schleppten sich die Zweifel schmerzlich dahin. Das liebevolle "Ach mein herzliebes Jesulein" blieb zunächst ebenso verhalten, auch wenn in den Zwischenspielen das Orchesterblech schon energischer ertönte. Damit kam mehr Bewegung ins Spiel. "Brich an, o schönes Morgenlied" wurde straffer und intensiver. Weitere Choräle folgten im guten Tempo und in behutsam vorantreibender Diktion. Das hatte ein klares Konzept. Lang schlug einen weiten Bogen und ließ dabei die auf Kontrasten basierende Expressivität nicht zu kurz kommen. Dieser Rahmen erwies sich als sehr geschickt, denn die Dramaturgie stimmte, ohne dass die gestalterische Freiheit der Protagonisten Einschränkungen erfuhr.

Für die Solisten bedeutete das ein weites Feld der Textauslegung und stimmlicher Differenzierung, die sich bisweilen schon der Methodik des Liedgesangs bediente. Sibylla Duffe (Sopran) war als einzige keine Gesangsstudentin von Lang. Ihr strahlendes Timbre - mit schnellem, wenn auch nicht aufdringlichen Vibrato etwas zu opernhaft - gab dem Solistenquartett den barocken Glanz, den die übrigen Solisten vor allem mit warmem Kolorit auswogen. Vordringlich Brigitte Lang im Alt, der in Bachs Weihnachtsoratorium wohl die gewichtigste Rolle zukommt: Die süßlich wogende Arie "Schlafe, mein Liebster" sang Brigitte Lang in sanfter Ruhe aus, ohne ins Romantische abzugleiten, gleiches galt für das melancholische "Schließe, mein Herze, dies selige Wunder" im Dialog mit der unterschwellig herausfordernden Violine. Die wunderbar lyrische Tenorstimme von Moon Yung Oh - absolut überzeugend als erzählender Evangelist - hätte ruhig mehr Arien haben dürfen. Seine einzige, leicht-luftige Arie "Frohe Hirten, eilt, ach eilet" ließ Oh mit ihren Melismen farbig blühen.

Aber Bach setzte vor allem auf die tieferen Lagen. Niklas Mallmann - gut mit dem Oratorienfach vertraut - ist kein allzu gewichtiger Bass, im Opernfach eher baritonal erfolgreich. Hier legte er großen Wert auf expressive Kontraste wie mit triumphalem "Großer Herr, o starker König", dem sogleich ein weich zurückgenommenes "liebster Heiland" folgte. Wirkungsvoll, aber nicht plakativ.

Es waren aber nicht nur die Solisten, die den gestalterischen Freiraum nutzten. Frieder Lang sah für Chor und Orchester zwar wenige, doch sehr genau platzierte Akzente vor. So schon zu Beginn mit "Jauchzet, frohlocket" mit dem behutsam getrübten "Lasset das Zagen, verbannet die Klage". Für eine maximale Steigerung ließ Lang "Ehre sei Gott in der Höhe" vom strahlenden Solistenquartett beginnen, um mit dem allmählich wachsenden Chor zu Vorwärtsdrang zu gelangen. Schöne Momente bescherte auch das Orchester, etwa mit der langsam wogenden Sinfonia und in einfühlsamen solistischen Einlagen im Dialog mit Gesangssolisten. Begeisterter Applaus, eine Zugabe.