bedeckt München 15°

Konzert:Europa auf Sendung

Feldafing RH, Seejazz-Festival

Das Quintett "Radio Europa“ mit Jörg Widmoser (Violine), Andreas Wiersich (Gitarre), Wolfgang Lell (Akkordeon), Alex Bayer (Kontrabass) und Roland Duckarm (Schlagzeug).

(Foto: Georgine Treybal)

Das 7. Seejazz-Festival endet in Feldafing fulminant

Wer Radio Freies Europa aus den Zeiten des Kalten Kriegs kennt, wird beim Namen der Band Radio Europa wohl eine falsche Assoziation haben. Auch mit dem gleichnamigen deutschen Radiosender auf den Kanaren hat das nichts zu tun. Das Quintett greift vielmehr den bedrohten europäischen Geist auf, um die Vielfalt auf diesem Kontinent abzubilden. Dass die Band um den Modern-String-Quartet-Primarius Jörg Widmoser mit Europa vor allem die EU meint, bestätigte der deutsche Beitrag: Beethovens "Ode an die Freude", die EU-Hymne, die Widmoser erst einmal weihevoll mehrmals ausspielte, bevor er einen Gang zulegte, um hier im Bürgersaal Feldafing zum Abschluss des Seejazz Festivals einen rasant wirbelnden Volkstanz daraus zu machen. Neben Widmoser, der aus einem österreichischen Elternhaus hervorging, gehört das bayerische Gewächs Andreas Wiersich an der akustischen Gitarre zu den prägenden Protagonisten. Eine charakteristische Färbung verleiht der Band das Akkordeon des vielseitigen Instrumentalisten mit russischen Vorfahren Wolfgang Lell. Ungarisch-deutscher Abstammung und in Rumänien aufgewachsen, dürfte dem Schlagzeuger Roland Duckarm das musikantische Spiel im Blut liegen. Ein Europäer ist auch der Kontrabassist Alex Bayer, der in Stockholm, Mailand und Süddeutschland aufwuchs. Multikulti gerüstet, ist die Band Radio Europa selbst das Programm.

Als Jazz kann man die Musik des Quintetts nur bedingt bezeichnen. Selbst die Soli erwiesen sich meist als Variationen folkloristischer Themen. Wohin die Reise ging, verriet Duckarm in seiner humorigen Moderation nicht immer, doch kamen wohl die wildesten Tänze aus der Region um den Balkan herum, die schon an sich die Kraft eines Bebop mitführen. Aber auch der polnische Klezmer zu Beginn wirbelte rasant dahin.

Im Prinzip ging es also um Weltmusik, die unter möglichst fesselnden Blickwinkeln betrachtet werden sollte, mit überraschenden Wendungen. Üppig gestaltete die Band einen finnischen Tango, die Nationalmusik des Landes. Straff und temperamentvoll ging es los, doch dann setzte eine klotzige Überleitung eine Zäsur, der sich eine melancholisch-elegische Kontrabassballade mit Gitarrenbegleitung anschloss. Das Akkordeon schlüpfte in die Rolle des Bandoneon und übernahm die Melodie, um eine Intensivierung einzuleiten. Derartige Höhepunkte kamen in fast allen Nummern vor, hier jedoch besonders leidenschaftlich. Für die Konzertbesucher faszinierend erwies sich die Perkussionseinlage auf Gefäßen von Duckarm, zu der sich die Band mit minimalistischen Motiven zurücknahm. Steigerungen waren durchaus in Rockvarianten möglich, zumal Widmosers verstärkte Violine leicht an eine E-Gitarre heranreichte. Gerade spanische Stücke mit ihrem Temperament provozierten nahezu eine härtere Gangart. Etwas Ähnliches gelang im italienischen Beitrag mit Vivaldis "La Stravaganza", der allerdings vom heiteren Wirbeltanz in eine Bebop-Nummer mutierte. Anders beim gedachten Jakobsweg von Frankreich nach Spanien und zurück, also vom Valse Musette - schon mal bayerisch gefärbt - zu einem spanischen Tanz und wieder melancholisch zurück. Alexis Sorbas' Sirtaki gehörte zu den wenigen Klassikern im Programm, der allerdings daran erinnerte, dass Radio Europa schon lange sendet. Begeisterung und gute Stimmung bis zum Schluss und zwei Zugaben.